Schneebedeckte Berge, düstere Wälder, eine wuchtige Burg auf einem Felsmassiv, schäumende Gischt auf einem endlosen Meer. Mittendrin reitet ein weisshaariger Mann in voller Rüstung einsam durch den Nebel. Immer wieder trifft er auf Gegner. Ein riesiger Adler mit den Ausmassen eines Flugsauriers kreuzt seinen Weg ebenso wie andere Ritter. Funken sprühen, wenn die Schwerter der Kämpfer klirrend aufeinandertreffen.

Der weisshaarige Mann, der sich einsam durch zerklüftete Landschaften kämpft und dabei immer wieder zur Waffe greifen muss, ist der Hexer Geralt von Rivia, genannt «weisser Wolf». Er ist der Held des Computerspiels «The Witcher 3». In einer mittelalterlichen, düsteren Phantasiewelt sucht er nach seiner einstigen Schülerin Ciri, die ihn im Kampf gegen umherstreifende Monster unterstützen soll.

Das Geschenk an Obama

«The Witcher 3» sowie die beiden Vorgänger-Spiele rund um die Abenteuer des Hexers Geralt von Rivia stammen vom polnischen Computerspielentwickler CD Projekt. Die Spiele basieren auf Erzählungen und Romanen des polnischen Autors Andrzej Sapkowski. Als US-Präsident Barack Obama im Jahr 2011 in Polen zu Gast war, schenkte der damalige Premierminister Donald Tusk ihm eine Version von «The Witcher 2». Das zeigt: Die Spiele sind ein Vorzeigeprodukt Polens. Und das nicht zu Unrecht. CD Projekt hat mit jeder neuen Version der Hexer-Reihe die Messlatte für PC-Rollenspiele etwas höher gelegt. Allein vom dritten Teil der Saga hat das Unternehmen bis heute mehr als zehn Millionen Exemplare verkauft.

Anzeige

CD Projekt ist das Aushängeschild der dynamischen IT-Branche, die sich in Polen in den vergangenen Jahren entwickelt hat. Das Land gilt als einer der aufstrebenden Hightech-Märkte, war im Jahr 2013 Partnerland der weltweit grössten Computermesse CeBit. «Es gibt sehr viele talentierte Programmierer in Osteuropa, um die auch internationale IT-Grosskonzerne heftig werben», sagt Peter Frech, Fondsmanager des Fonds Quantex Global Value (LI0042267281).

Frech hält grosse Stücke auf die polnische IT-Industrie, die auch für Anleger interessant ist: CD Projekt etwa ist börsenkotiert, in den vergangenen drei Jahren stieg der Aktien-kurs des Unternehmens um 177 Prozent. Allein im vergangenen Monat ging es noch einmal um 22 Prozent aufwärts. «Dieser Erfolg ist auch den Spielen der Witcher-Reihe zu verdanken», sagt Frech. Damit sei CD Projekt ein echter Blockbuster gelungen. Für Investoren ist der Valor trotz seiner bisherigen Wertsteigerung immer noch attraktiv: Denn CD Projekt hat noch für dieses Jahr das Erscheinen eines neuen Computerspiels angekündigt, zudem will das Unternehmen in Zukunft eigene Aktien zurückkaufen. Das wird an der Börse als Zeichen gewertet, dass die Firma für die nächsten Jahre mit einem verstärkten Wachstum rechnet.

Ökonomische Perle

Marktbeobachter sehen grosses Potenzial in der polnischen IT-Industrie und halten neben CD Projekt etwa die Aktien der Softwarefirmen Asseco Poland und ComArch für aussichtsreich. Nicht nur im IT-Sektor schlummert Potenzial in Polen: Denn die Wirtschaft des Landes wächst - in vielen Branchen. Im laufenden Jahr soll es um 3,5 Prozent aufwärts gehen, ähnlich im folgenden Jahr, prognostiziert die EU-Kommission. Wachstumsmotor der polnischen Volkswirtschaft ist vor allem die starke Binnennachfrage. Auch der Export wächst. Und auf dem polnischen Arbeitsmarkt geht es seit Jahren bergauf. Eigentlich ein Traum für Investoren. «Ökonomisch steht Polen sehr gut da», bestätigt Quantex-Fondsmanager Frech.

Allerdings ist es für Anleger nicht ganz einfach, von der guten Entwicklung der polnischen Wirtschaft zu profitieren. Denn der politische Kurs der Regierung macht Investments in Polen derzeit äusserst unattraktiv. Polens nationalkonservative Regierung befördert das Land zunehmend ins politische Abseits.

Anzeige

Polen ist innerhalb der EU zunehmend isoliert

«Die Dinge entwickeln sich nicht in die richtige Richtung. Politisch macht Polen derzeit eine ähnliche Entwicklung durch wie Ungarn vor etwa sechs Jahren», sagt Péter Elek, Fondsmanager des Nestor Osteuropa (ISIN: LU0108457267). Die regierende PiS-Partei hat seit der Wahl im Oktober 2015 zum Beispiel ein neues Mediengesetz verabschiedet, das es ihr ermöglicht, Positionen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk direkt zu besetzen. Kritiker sehen die Unabhängigkeit der Medien bedroht. Zudem schränkt eine Reform vom vergangenen Dezember die Macht des polnischen Verfassungsgerichts ein.

Die EU-Kommission zeigt sich seit Monaten äussert besorgt über den Kurs der polnischen Regierung. Polen ist innerhalb der EU zunehmend isoliert. «Der zunehmend autoritäre Kurs von Polens Regierungschefin Beata Maria Szydlo und der regierenden PiS-Partei erschreckt nicht nur Politiker anderer Länder, sondern wirkt auch auf Anleger abschreckend», sagt Elek. Tatsächlich befindet sich der polnische Aktienindex Wig20 seit Mitte des Jahres 2015 nahezu durchgehend auf Talfahrt.

Anzeige

Zu was führt Brexit?

Bis zum Wahlsieg der PiS galt Polen als ein offenes Land mit einer wirtschaftsfreundlichen Regierung. Dieses Bild kippt allmählich. Die US-Ratingagentur Standard & Poor's stufte die Kreditwürdigkeit Polens im Januar auf BBB+ herunter. «Die Entscheidung spiegelt unsere Sicht wider, dass Polens System der wechselseitigen Kontrolle der Institutionen deutlich ausgehöhlt worden ist», hiess es dazu.

Eine weitere Ratingverschlechterung ist derzeit zwar nicht in Sicht, volkswirtschaftlich ist Polen nach wie vor stabil. «Dennoch könnte die aktuelle politische Lage dazu führen, dass ausländische Firmen ihre Investitionspläne künftig zurückfahren werden und dass sich die Situation verschlechtert», warnt Omar Abu Rashed, Fondsmanager bei Union Investment.

Auch die Auswirkungen des Brexit auf die polnische Wirtschaft sind zum aktuellen Zeitpunkt kaum einschätzbar. Insgesamt arbeiten mehr als 700 000 Polen in Grossbrisstannien. «Wir halten es für sehr unwahrscheinlich, dass es zu grossangelegten Ausweisungen aus Grossbritannien kommen wird», sagt Abu Rashed. Und: Auf der wirtschaftlichen Ebene seien die Verflechtungen mit Deutschland weitaus grösser als mit dem Vereinigten Königreich: «Somit wird für Polen entscheidender sein, inwieweit ein Brexit zu einer langfristigen Abschwächung der europäischen Konjunktur führt», sagt der Fondsmanager. Bis Auswirkungen des Brexit-Votums spürbar werden, dürfte es indes noch eine Weile dauern.

Anzeige

Die Kurse polnischer Aktien werden wohl im laufenden Jahr weiter sinken, erwarten Marktbeobachter. Besonders wird es wahrscheinlich Banken treffen, die einen grossen Teil des Aktienindex Wig20 ausmachen. Denn für Banken und internationale Handelshäuser gilt in Polen der höchste Steuersatz innerhalb der EU. Das dürfte die Margen der Institute schmälern.

Ausblick vorerst negativ

Osteuropa-Investoren sollten abwarten, wie sich die wirtschaftliche Lage in Polen entwickelt und wie sich die Massnahmen der Regierung auf die Wirtschaft auswirken, bevor sie niedrige Kurse zum Einstieg nutzen. Mutige können bereits erste Teilpositionen aufbauen, etwa im IT-Sektor. Doch Vorsicht: Die Gemenge-Lage im Land ist derzeit unübersichtlich, der Ausblick am Aktienmarkt ist negativ. Dagegen kann auch Hexer Geralt von Rivia nichts ausrichten.

Anzeige