Ein hoher Kaufpreis, Streit mit den Minderheitsaktionären und eine Verwässerung des Aktienwerts beim Käufer: Den Novartis-Aktionären ist es wirklich nicht nachzutragen, dass sie Alcon, das neue Pferd im Konzernstall von CEO Daniel Vasella, nicht mit überschwänglichem Applaus begrüsst haben.

Dabei geht gerne vergessen, dass Alcon ein Vollblut ist: Das auf Augenheilkunde spezialisierte Unternehmen mit texanischen Wurzeln erzielte 2008 eine operative Marge von satten 35%, was zu einem Gewinn von 6,3 Mrd Dollar führte. Und gerade eben hat Alcon ihre Pipeline um zwei Produkte erweitert.

Klappt die Übernahme der restlichen Anteile wie geplant, läuft Alcon ab der 2. Jahreshälfte 2010 für Novartis und verschafft dieser die Marktführerschaft in der Augenheilkunde. Was dies auf lange Frist bedeutet, lassen sich Novartis-Investoren am besten von Nestlé-Anlegern erklären. Im Oktober 2002 brachte der Schweizer Nahrungsmittelkonzern und Alcon-Besitzer Nestlé nämlich 23% seiner Tochter für 2,2 Mrd Dollar an die Börse. Diesen Anteil übernimmt nun Novartis für 11,2 Mrd Fr., also dem Fünffachen des Anfangspreises. Zum Vergleich: Bei der Aktie von Novartis resultierte in derselben Frist ein Verlust von 7%.

Übergangsjahre erwartet

Kein Wunder, setzen einzelne Marktteilnehmer bereits hohe Hoffnungen auf die künftige Tochter des Pharmakonzerns. «Mit Alcon kann Novartis eine neue Wachstumsperiode einläuten», erwartet etwa Michael Nawrath, Analyst bei der Zücher Kantonalbank. Auf der Basis von 2008 berechnet er den Umsatzbeitrag der «neuen» Augensparte auf 8,5 Mrd Dollar; gemessen an einem Gesamtumsatz von 41 Mrd Dollar wäre «Eye Care» damit die zweitwichtigste Sparte hinter der Pharmadivision. Vom ehemaligen Zweispartenkonzern bei der Gründung 1996 würde Novartis dann auf fünf Pfeilern stehen - dies ganz im Einklang mit der Diversifikationsstrategie von «Big Pharma» weltweit, mit Ausnahme von Roche.

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Noch ist es nicht so weit: Für die am Dienstag, 26. Januar, erwarteten Jahreszahlen 2009 werden von der Bank Vontobel ein Umsatz von 43,6 Mrd Fr. und 8,5 Mrd Dollar Reingewinn zugunsten der Aktionäre erwartet. Zu verdanken ist dies vor allem dem guten Wachstum bei Pharma und Impfstoffen. Gleichzeitig sinken aber die Gewinnerwartungen der Analysten für 2010 und 2011 wegen der Alcon-Integration.

Auf die Novartis-Aktionäre warten also Übergangsjahre. Ob dann der Ausbruch gelingt, ist offen: Die grossen Probleme der Pharmaunternehmen wie ablaufende Patente und der Druck auf die Gesundheitskosten kann auch Alcon nicht lösen. Ebenfalls fest im Sattel sitzt das «alte» Management unter CEO und VR-Präsident Vasella. Und dieses ist den Aktionären den Beweis einer überdurchschnittlichen Performance noch schuldig.