Der Grossteil der EU-Staaten konnte sich zu einem Fiskalpaket durchringen. Ein wichtiger Schritt im Kampf gegen die Krise oder doch nur ein Tropfen auf den heissen Stein?
Dirk Wiedmann: Tatsächlich ist noch viel zu tun. Die Umsetzung des Paketes stellt alle Teilnehmer vor grosse Probleme, insbesondere muss die Schuldenbremse ins nationale Recht überführt werden. In diversen Ländern regt sich bereits politischer Widerstand. Grundsätzlich kann das Paket aber als erster konkreter Schritt in die Richtung einer europäischen Transferunion betrachtet werden.

Gleichzeitig konnte sich Europa auf den aufgestockten Rettungsschirm ESM einigen. Was ist davon zu halten?
Der permanente Krisenfonds ESM verpflichtet 25 Länder zur erhöhten Ausgabendisziplin. Wobei auch hier einzuwenden ist, dass die effektive Umsetzung eine grosse Herausforderung darstellen wird.

Aber die Zeit drängt: Die Risikoprämien auf portugiesischen Staatsanleihen sind stark gestiegen. Geht Portugal bald den Weg Griechenlands?
Es zeigt sich, dass Portugal mit Sparen alleine das Vertrauen der Kapitalmärkte nicht wiedergewinnen kann. Zusätzliche Massnahmen sowohl zur Ankurbelung des Wirtschaftswachstums als auch Massnahmen zur Erhöhung der Wettbewerbsfähigkeit wären deshalb dringend nötig. Inzwischen scheint aber weitere Finanzhilfe aus Brüssel unumgänglich.

Und noch immer wird über den Schuldenschnitt für Griechenland gestritten. Muss das Land am Ende doch aus der Euro-­Zone austreten?
Ökonomisch gesehen würde eine solche Massnahme die Wettbewerbsfähigkeit der griechischen Wirtschaft verbessern. Allerdings fehlt hierzu der politische Wille wie auch ein konkreter Umsetzungsplan. So eine Einschneidende Entscheidung benötigt diverse zusätzliche Vorkehrungen wie zum Beispiel die Einführung von Kapitalverkehrskon­trollen, Verstaatlichung von Bankensystemen und weitere Schutzmassnahmen, um ein Übergreifen auf weitere Länder ­ zu verhindern.

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Aus den USA kommen eher gemischte Daten. Könnte sich die Lage weiter eintrüben?
Eigentlich deuten verschiedene Konjunkturindikatoren auf eine Erholung der amerikanischen Volkswirtschaft hin. Aber das laufende Leistungsbilanzdefizit sowie die Staatsverschuldung steigen stetig an. Sie haben mittlerweile ein Niveau erreicht, welches das Wachstum negativ beeinflussen wird.

Gemessen an diesen Gefahren, sind die Anleger heute zu optimistisch?
Tatsächlich sind in den letzten Wochen die impliziten Volatilitäten weiter gefallen, die Zinsniveaus der zehnjährigen Staatsanleihen von Spanien und Italien sind ebenfalls massiv zurückgekommen. Das weist auf eine sinkende ­Risikoaversion der Anleger hin. Aufgrund der nach wie vor ungelösten Probleme erachten wir diese Entwicklung jedoch als nicht nachhaltig.

Aktien und Rohstoffe erleben eine Rally – kommt bald die nächste Korrektur?
Gegenüber Anlagen in Aktien sind wir im Moment vorsichtig. Ein Ausbrechen der Aktienmärkte nach oben schliessen wir aber trotzdem nicht ganz aus − dagegen sichern wir uns mit derivativen Positionen ab. Innerhalb der Kategorie Rohstoffe sind wir ebenfalls nur sehr selektiv positioniert.

Wo gibt es für Anleger noch Sicherheit − und wo finden risikofreudige Investoren Chancen zum Einstieg?
Obwohl wir generell die ­Attraktivität von Obligationen tief ein­stufen, bleiben gewisse Emittenten in Schwellenländern empfehlenswert. ­Innerhalb der Rohstoffe favorisieren wir neben Gold auch eine direkte Allokation in Rohöl. Ebenfalls zu unseren Favoriten gehören einzelne unkorrelierte Hedgefonds.