An der Börse liegt die Wahrheit meist nicht in der Mitte, sondern ganz woanders. Das müssen Jahr für Jahr die Analysten erfahren, die sich mit möglichst «realistischen» Vorhersagen für die nächsten zwölf Monate abmühen. Durch die übersehene Finanzkrise sind viele der Experten bis auf die Knochen blamiert. Daher verlegen sich manche Auguren auf Überraschungsprognosen, die zunächst verrückt erscheinen, aber der Realität oft näher kommen als die Konsensmeinung.

Die vielleicht beunruhigendste Prophezeiung für das neue Jahr kommt dabei vom Hedge-Fonds-Manager James Chanos. Während alle Welt bass erstaunt auf das Wachstum in China blickt und hofft, dass das Reich der Mitte die Welt in eine neue Phase des Wohlstands führt, sieht Chanos in der Volksrepublik eine Art Super-Staats-Blase. «Peking manipuliert die Zahlen. Das ist wie Dubai - nur tausendmal schlimmer», polterte er unlängst.

Chanos wurde dadurch bekannt, dass er die Pleitefirma Enron lange vor der Wall Street als gross angelegten Betrug erkannte. Nun hat er China ins Visier genommen: Seiner Einschätzung nach ist die Zukunft der Milliardennation nicht die Weltmacht, sondern der Crash.

Rohstoffe in freiem Fall?

Nicht weniger schockierend ist die Vorhersage des Société-Générale-Strategen Albert Edwards. Der Wirtschaftsaufschwung, über den sich derzeit alle Welt freut, wird sich laut Edwards bald als Strohfeuer erweisen. Behält der Börsenskeptiker recht, kommt es 2010 zu einem Rückfall in die Rezession. Am meisten davon betroffen wären Öl und andere Rohstoffe, deren Notierungen ins Bodenlose fallen würden. Gleichzeitig, so seine These, wird die Panikreaktion den Kurs der Fluchtwährung Dollar in die Höhe treiben. Finanzkrise Teil zwei provoziert Spannungen zwischen den Wirtschaftsblöcken. Am Ende steht ein Handelskrieg.

Anzeige

Gegen den zuletzt an Anhängerschaft gewinnenden Optimismus wendet sich auch David Karsbøl von der dänischen Saxo Bank. Wider alle Erwartungen werden sich die Kräfte der Geldverknappung (Deflation) gegen die Kräfte der Geldentwertung (Inflation) durchsetzen, argumentiert der Volkswirt. Das führt dazu, dass am Aktienmarkt das grosse Zittern umgeht. Gleichzeitig gewinnt die Rally am Rentenmarkt trotz der staatlichen Kreditorgie nochmal an Fahrt.

Auch Edelmetall-Fans müssen sich laut Karsbøl auf ein schmerzliches Jahr gefasst machen: «Die Idee, in Gold zu investieren, ist zu verbreitet, um sich kurz-fristig noch auszuzahlen.» Er sieht eher eine Korrektur in Richtung 870 Dollar je Unze. Allerdings ändere das nichts an den hervorragenden Langfristaussichten des Goldes, dessen Preis bis 2015 auf 1500 Dollar steigen könne.

Japan als grosse Chance

Weitere überraschende Prognosen für das Jahr 2010 sind eine Abwertung der chinesischen Währung (die grosse Mehrheit der Analysten rechnet mit einer Aufwertung) und die Bildung einer neuen Partei in den USA.

Als Vater der Überraschungen gilt Byron Wien. Der Wall-Street-Veteran (Jahrgang 1933) begründete die Tradition im Jahr 1996 und traf damit seither erstaunlich oft ins Schwarze. Dieses Jahr lehnt er sich gemäss seinem Motto «Grosse Gewinne macht nur der, der gegen den Strom schwimmt» besonders weit aus dem Fenster: So glaubt er, dass der japanische Aktienmarkt von allen Börsen am besten abschneiden wird: «Der Nikkei Index kann getrieben von starken Exportzahlen auf über 12000 Punkte steigen», so der alte Haudegen Wien.

Auf den Euro hingegen sieht Wien Ungemach zukommen: «Die europäische Währung ist gemessen an der Kaufkraft überbewertet und wird auf unter 1.30 Dollar fallen.» Das wäre wenigstens eine gute Nachricht für die Aktien von Schweizer Firmen.

Anzeige