Mit der Finanzkrise sind die Vermögen der beruflichen Vorsorge so stark unter Druck gekommen wie nie zuvor. Entsprechend beunruhigt sind die Versicherten - auf welcher Höhe liegt ihr Sorgenbarometer?

Thomas Hohl: Die Krise an den Märkten konnte uns nicht übermässig beunruhigen - fairerweise muss ich dazu sagen, dass wir mit der Migros einen soliden Arbeitgeber hinter uns wissen und wir auch keine Kasse mit einem Überhang an Rentnern sind. Zudem bleiben wir bei den Anlagen konservativ aufgestellt. Dies alles hat uns dazu bewogen, die Verwerfungen auch als Chance anzusehen.

Wie das?

Hohl: Ende letzten November haben wir uns vorgenommen, Woche für Woche 10 Mio Fr. in Aktien zu investieren - unabhängig von der momentanen Marktlage. Heute können wir sagen: Dieser Beschluss war nicht schlecht.

Aber hat es gereicht, um die Unterdeckung der Migros-Pensionskasse MPK von Ende 2008 aufzuholen?

Hohl: Ende September war unser Deckungsgrad bei 103%, die Performance liegt bei über 9,2%. Aber es stimmt, wir waren 2008 das erste Mal in der 75-jährigen Geschichte der MPK in der Unterdeckung.

Ein tristes Jubiläum.

Hohl: Mit rund 94% am Tiefpunkt im letzten März war es immer noch eine leichte Unterdeckung. Als Kassenleiter bin ich überhaupt unglücklich darüber, dass man den Deckungsgrad heute als allein selig machende Kennzahl anschaut. Denn es kommt, neben dem angewendeten versicherungstechnischen Zinssatz, sehr darauf an, ob die Kasse die nötige Liquidität hat und genügend Cashflow generiert wird. Sind diese letztgenannten Kriterien erfüllt, ist die vorübergehende Unterdeckung kein wirkliches Problem.

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Trotzdem haben Sie reagiert - die MPK hat auf der Aktivseite alle ihre Reserven aufgelöst, und sie behält sich eine Sanierung vor, falls Ende 2009 eine Unterdeckung von 95% oder tiefer resultieren sollte.Welche Massnahmen sind geplant?

Hohl: Es würden zuerst alle freiwilligen Leistungen wie der Teuerungsausgleich für die Rentner gestrichen, ebenso variable Leistungen und zudem würden zusätzliche Beiträge erhoben. Weil wir nach dem Leistungsprimat arbeiten, können wir nicht beim individuellen Zins ansetzen.

Sie würden also bei den Leistungen kürzen - das trifft vorab die älteren aktiv Versicherten und die Rentner, denen bei der MPK immerhin die Hälfte des Deckungskapitals gehört. Hat dies nicht für Aufruhr gesorgt?

Hohl: Im Durchschnitt der letzten zehn Jahre haben wir die Teuerung für die Rentner etwa zur Hälfte ausgeglichen - da kommt es schon zu einer Erwartungshaltung. Aber vom heutigen Stand gesehen sind solche Massnahmen ja nicht notwendig, und somit sind alle zufrieden.

Trotzdem müssen Sie behutsam vorgehen: Die MPK ist Tochter einer Genossenschaft, die sich durch besondere ethische Standards - das Gedankengut des Migros-Gründers Gottlieb Duttweiler - auszeichnet. Das verpflichtet doch?

Hohl: Die Büste Duttweilers steht ja bei uns im Empfangsbereich, das verpflichtet schon. Wir spüren, dass die 42 angeschlossenen Migros-Betriebe ein grosses Vertrauen zur Kasse haben. Der Arbeitgeber wiederum finanziert auch weiterhin zwei Drittel der Beiträge und ist stolz auf den Leistungskatalog der MPK. So gesehen hätten wir sicher grössere Hemmungen, etwa bei den Rentnern zu kürzen. Kommt hinzu, dass die Summe, die wir damit einsparen würden, gegenüber dem erwarteten Fehlbetrag letztlich bescheiden wäre. Immerhin zahlen wir monatlich rund 40 Mio Fr. an die Rentner. Die gesetzlichen Möglichkeiten, die laufenden Renten zu kürzen, sind ohnehin sehr beschränkt.

Aber Sie würden die angesprochenen Massnahmen durchziehen?

Hohl: Das würden wir. Aber wir wären gegenüber den Rentnern sehr zurückhaltend.

Und was würde der Migros-Konzern bei einer grösseren Unterdeckung der MPK unternehmen?

Hohl: Wenn es hart auf hart kommt, wird uns der Konzern unterstützen.

Abgesehen von der Finanzkrise hat die berufliche Vorsorge noch ein gravierenderes, weil strukturelles Problem: Die demografische Alterung der Versicherten. Wie entwickelt sich bei der MPK die Altersstruktur?

Hohl: Wir überprüfen die Altersstruktur jedes Jahr - und stellen fest, dass der Aktivbestand ein bis zwei Monate pro Jahr älter wird. Alle zehn Jahre wird also die durchschnittliche Lebenserwartung eines Versicherten um ein Jahr länger. Auch für dieses eine Jahr müssen wir die Leistungen zusätzlich erbringen.

Was tun Sie also?

Hohl: Wir führen nebst dem jährlichen versicherungstechnischen Gutachten alle vier Jahre eine Asset & Liability-Studie durch, um zu sehen, wie sich der Trend entwickelt. Die neuesten Ergebnisse sagen: Die für die Verpflichtungen notwendige Rendite auf den Vorsorgevermögen liegt bei rund 4,3%. Die erwartete Rendite liegt aber bei der gegebenen Risikofähigkeit und Risikobereitschaft nur bei 4,4% - zu wenig, um die nötigen Wertschwankungsreserven aufzubauen. Anlageseitig bleibt keine Manövrierfähigkeit mehr.

Das heisst konkret?

Hohl: Das bedeutet, dass wir in der nächsten Zeit den Leistungskatalog überarbeiten wollen, um das finanzielle Gleichgewicht der Kasse für die Zukunft zu sichern.

Also Leistungsabbau. Wo setzen Sie an?

Hohl: Da wir als Leistungsprimat-Kasse eine Leistung abhängig von der Anzahl Versicherungsjahren, der Höhe des Rentensatzes und des versicherten Lohns versprechen, ist unsere Leistung unabhängig von der am Anlagemarkt erzielten Rendite zu erbringen. Dies ist unser Risiko, das es umsichtig zu bewirtschaften gilt.

Ziehen sie den Wechsel vom Leistungs- zum Beitragsprimat in Erwägung?

Hohl: Wir haben dies an verschiedenen Sitzungen besprochen und prüfen nun im Auftrag des Stiftungsrats, ob ein Primatswechsel nicht auch die Risiken im Falle einer Sanierung mindern würde. Am 20. November 2009 steht der nächste Entscheid in der Sache an. Mehr dazu kann ich deshalb heute nicht sagen.

Würde denn der Primatswechsel alle Probleme lösen?

Hohl: Tatsache bleibt, dass die Schweizer Bevölkerung immer älter wird - das wirft die Frage auf, ob wir unser Rentenalter am heutigen Ort stehen lassen können. Diese Problematik ist letztlich unabhängig vom gewählten Primat. Bereits 2005 haben wir das Rentenalter für Männer und Frauen von 62 auf 63 Jahre erhöht. Unser ordentliches Rücktrittsalter liegt damit immer noch etliches unter dem AHV-Alter der ersten Säule.

Die Migros-Angestellten müssten also auch noch länger arbeiten?

Hohl: Beschlossen ist noch nichts. Aber es kann nicht sein, dass das Risiko der Langlebigkeit immer nur das Risiko der Kasse ist. Eine instabile, finanziell unsichere Kasse kann nicht im Interesse unserer Versicherten liegen.

Sie haben die Pläne in der Schublade?

Hohl: Die Aussage unserer letzten Asset & Liability-Studie ist klar: Wir müssen auf der Leistungsseite Dinge verändern, auf der Anlageseite haben wir zu wenig Spielraum. In den letzten zehn Jahren haben wir unsere nötige Rendite nicht erreicht.

Wie gross ist der Abstand zur Sollrendite?

Hohl: Um als Kasse stabil zu bleiben, benötigen wir etwas mehr als 3,9%, erwirtschaftet haben wir aber nur rund 2% pro Jahr. Es bleibt aber festzustellen, dass es in dieser Periode drei sehr schlechte Aktienjahre gab, was aussergewöhnlich ist. Darum ist auch die Wertschwankungsreserve geschmolzen.

Wie ist die MPK derzeit investiert?

Hohl: Gemäss Strategie legen wir 40% nominal und 60% in Sachwerten an. Bei den Sachwerten liegen wir momentan unter der Strategie. Künftig werden wir die Risiken noch breiter streuen und sehen uns neue Themen wie etwa Wandelanleihen, Infrastruktur und vermehrt Schwellenländer an. Zudem werden wir die Investment-Bandbreiten enger und asymmetrisch setzen und unseren internen Vermögensverwaltern jährlich taktische Ziele vorgeben.