Das Lager der Ökonomen ist gespalten. Was wird die Wirtschaft nach der Krise plagen? Da gibt es die Inflations-theoretiker, die grosse Geldentwertungsszenarien entwerfen, weil die Notenbanken massiv Geld drucken. Andererseits gibt es die Deflationsanhänger, die vom Gegenteil ausgehen, von einem Preisverfall mit ebenso gefährlicher Wirkung: Denn erwarten die Konsumenten heute, dass es morgen noch billiger wird, verschieben sie ihre Einkäufe in die Zukunft.

Für den Einzelnen mag Deflation verlockender klingen als Inflation, gesamtwirtschaftlich wäre sie aber ein Desaster. Die Firmen würden unter Umsatzeinbrüchen, Produktionsabbau und Preisnachlässen leiden, der Rezession eine Depression folgen. «Deflationstendenzen müssen früh, rasch und entschlossen bekämpft werden. Sonst gibt es eine sich selbst verstärkende Abwärtsspirale», warnt Thomas Straubhaar vom Wirtschaftsforschungsinstitut HWWI.

Geografisch geprägte Ängste

Die Spaltung der Ökonomen lässt sich - bei aller Vorsicht - auch geografisch festmachen. Die Mehrheit der Amerikaner befürchtet eher Deflation und Depression, wie sie die USA vor dem Zweiten Weltkrieg erlebt haben. Diesseits des grossen Teichs ist man dagegen geprägt von der Erfahrung einer Hyperinflation. Also bestimmt die Angst vor Geldentwertung die Fiskalpolitik. Möglich sind auch abgeschwächte Szenarien wie lediglich deflationäre oder inflationäre Tendenzen sowie das Zweiphasenmodell: Auf das eine Phänomen folgt mit einer gewissen Verzögerung und unter gewissen Bedingungen das andere - zuerst Deflation, dann Inflation.

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Die Inflationsgefahren scheinen gegeben, angesichts der Geldschwemme der Notenbanken, mit der die Wirtschaftskrise gestoppt werden soll. Auch gingen in der Vergangenheit grosse Inflationen immer Hand in Hand mit einer starken Ausweitung der Geldmenge. Allerdings gilt: Die extreme Liquiditätsversorgung der Banken ist nur dann inflationstreibend, wenn die Banken das Geld mit Multiplikatoreffekt an die Realwirtschaft weitergeben. Dies ist nur bedingt der Fall. Bestenfalls wird die zurückgehende Kreditvergabe mithilfe des frischen Gelds ausgeglichen. «Dass die Kreditvergabe drastisch ausgeweitet wird, ist unwahrscheinlich. Ein Grossteil der Liquidität versickert im Bankensystem und wirkt somit nicht inflationär», sagt Jochen Felsenheimer, Volkswirt vom Finanzdienstleister Assenagon. Ist die Inflationsdebatte falsch? David Rosenberg, Volkswirt bei Merrill Lynch, findet: «Deflation wird auf Jahre hinaus unser grösstes Problem sein.» Und Nobelpreisträger Paul Krugman sagt: «Wir flirten wahrhaftig mit dem Desaster.»

Mit blauem Auge davonkommen?

Unbegrenzter Kredit für die Geschäftsbanken - so lautet das Motto der Notenbanken zurzeit. Die Bank von England, die amerikanische Federal Reserve und die Bank von Japan sind in diesem Bemühen sogar dazu übergegangen, Staatsanleihen und andere Wertpapiere anzukaufen, um die Geschäftsbanken mit Liquidität zu versorgen. Die Basisgeldmenge steigt dadurch an. Jedoch: Die Banken können das Geld nutzen, müssen es aber nicht. Kommt die Welt also mit einem blauen Auge davon? Momentan scheint es so, als ob die Länder «disinflationieren» - der Preispegel steigt minimal oder stagniert. Die Entwicklung der Produzenten- und Konsumentenpreise bestätigt dies. «In den kommenden ein bis zwei Jahren wird gerade in den USA die Inflation nicht steigen, sondern fallen. Die Rezession lässt die Löhne als den wichtigsten Kostenfaktor der Firmen kaum noch zunehmen. In den USA besteht das Risiko einer Unterversorgung mit Krediten und Geld», sagt Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. Von einer gefährlichen Lohn-Preis-Spirale also keine Spur.

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Schnelles Einschreiten gefragt

Sobald der Konsum wieder anzieht, gilt es einzuschreiten, bevor die Preise nach oben getrieben werden und das Bargeld an Kaufkraft verliert. Aus der Deflations- würde eine Inflationsspirale, und die Menschen hätten nur noch im Sinn, ihre Geldscheine loszuwerden und Sachgüter zu erwerben. «Die Kosten der Deflationsbekämpfung liegen in den steigenden Inflationserwartungen von morgen. Das ist zwar so gewollt, kann aber rasch übers Ziel hinausschiessen», so Straubhaar. Die Notenbanken müssten bei ersten Anzeichen eines wirtschaftlichen Aufschwungs die ausgeweitete Geldmenge wieder schrumpfen lassen.

Eine verlässliche, weil erprobte Exit-Strategie dafür gibt es nicht, da die aktuelle Lage im historischen Kontext absolut neu ist. «Das Einsammeln der reichlichen Liquidität wäre nur über höhere Zinsen zu bewerkstelligen. Das wird den Regierungen angesichts der höheren Staatsverschuldung nicht gefallen», sagt Joachim Fels, Chefvolkswirt bei Morgan Stanley.

Schliesslich müssen die expansiven Schritte der Notenbanken nicht zwangsläufig Inflation auf den Gütermärkten hervorrufen, sondern können auch eine erneute Inflation der Vermögenswerte provozieren, eine Asset-Bubble. «Die könnte es bei Staatsanleihen geben, da diese von den Stabilisierungsmassnahmen am stärksten profitieren», sagt Felsenheimer.