Handelszeitung: Die EZB kauft künftig gezielt Staats­anleihen von Euro-Ländern, wenn diese ein überzeugendes Sparprogramm vor­legen und einen formellen Hilfsantrag an den Euro-Schutzschirm EFSF/ESM stellen. Das klingt nach einem langwierigen Prozedere. Läuft Spanien nicht die Zeit davon?
Bruno Gisler:
Spanien wird wahrscheinlich in der Tat als erstes Land einen entsprechenden Antrag stellen. Die Regierung hat sich im Rahmen der Bankenhilfe bereits auf ein rigoroses Sparprogramm geeinigt, das auch für die neue Unterstützung gut genug sein dürfte. Zudem ist Spanien gar nicht so in Eile, weil das Land in den nächsten Wochen nur ein leicht befrachtetes Emissionsprogramm hat.

Spanien hat also keinen kurzfristigen ­Refinanzierungsengpass, und langfristig wird es die EZB-Hilfe richten. Soll man also als Schnäppchenjäger die hoch ­rentierenden spanischen Anleihen kaufen?
Wir raten davon ab. Die Details des Interventionsprogramms der EZB sind noch nicht bekannt. Wir können aber davon ausgehen, dass die Käufe eher im kürzerfristigen Laufzeitenbereich stattfinden. Die Renditen der zweijährigen spanischen Staatsobligationen sind denn in den letzten zwei Wochen auch schon rund 3 Prozentpunkte zurück­gekommen.

Wird in den nächsten Monaten auch Italien die neue Krisenhilfe beanspruchen?
Obwohl das von den Politikern immer wieder verneint wird, gehen wir davon aus, dass auch Italien einen Antrag an den EFSF/ESM stellen wird. Dementis sind immer gute Indikatoren für bevorstehende Ereignisse.

Voraussetzung für die Krisenhilfe an ­Spanien und Italien ist aber, dass die ­deutschen Verfassungsrichter am 12. September den ESM-Teil des Schutzschirms für verfassungskonform beurteilen...
Wir glauben nicht, dass das deutsche Verfassungsgericht den Bundestag und die Regierung, die ja beide dem ESM zugestimmt haben, desavouiert. Wir ­gehen aber davon aus, dass das Urteil die Regierung in ihrer Handlungsfähigkeit weiter einschränkt, indem ihre Informations- und Konsultationspflichten gegenüber dem Parlament erweitert werden.

Anzeige

Ein positives Urteil macht den Weg zur Krisenhilfe frei. Davon profitieren auch die in die Schuldenkrise involvierten ­Banken. Soll man also auf Banktitel setzen?
Die Banken sind ja nicht nur mit der europäischen Schuldenkrise konfrontiert. Sie müssen ihre Bilanzen entschlacken und stehen einem Schwall von neuen Regulierungen gegenüber. Gleichzeitig wird das operative Geschäft härter. Für uns ist die Zeit noch nicht gekommen, um auf europäische Banken zu setzen.

Wie sieht es mit exportorientierten Aktientiteln aus dem Euro-Raum aus? Profitieren diese Firmen von der Euro-Schwäche?
Von der Euro-Krise profitieren alle starken Euro-Länder, allen voran Deutschland. Wir empfehlen BASF, Bayer, BMW und Siemens. Übrigens sandte Siemens mit dem Aktienrückkaufprogramm von 3 Milliarden Euro vor einigen Tagen ein sehr positives Signal an die Aktionäre aus.

Was halten Sie umgekehrt von US-Aktien? Die jüngsten US-Konjunkturdaten sind ja besser als befürchtet ausgefallen.
Trotz den jüngst etwas besseren US-Konjunkturdaten halten wir an ­unserer Einschätzung fest, dass die amerikanische Wirtschaft nur sehr verhalten wachsen wird. Deshalb bleiben die ­US-Aktien bei uns neutral gewichtet.

Zur Schweiz: Reicht das neue ­Instrumentarium der EZB, um den ­Aufwertungsdruck der Fluchtwährung Franken ­nachhaltig zu bremsen?
Die geplanten Aktionen der EZB mit dem Euro-Schutzschirm erlauben den europäischen Südländern, ihre ­Refinanzierungskosten im Zaum zu ­halten. Das führt zu einer gewissen ­Entlastung und vorübergehend auch zu einer Beruhigung der Situation. Die ­Probleme von Europa werden damit aber nicht gelöst. Daher dürfte auch der ­Franken weiterhin gesucht bleiben.

Anzeige