Nach 14 Jahren als CEO und Gründer von SAM treten Sie per Februar zurück. Was sind die Gründe?

Reto Ringger: Ich möchte nach 14 Jahren SAM wieder etwas Neues aufbauen und die Chance nutzen, welche die Finanz- und Ressourcenkrise nun bietet. Gleichzeitig ist SAM gut positioniert und international erfolgreich.

Welche Zukunftspläne haben Sie?

Ringger: Es ist mir persönlich sehr wichtig, Sustainability im Finanzmarkt weiter voranzutreiben und neuen Ideen und Konzepten zum Durchbruch zu verhelfen. Ich bin Finanzunternehmer und werde weiterhin, aber anders als bisher, Nachhaltigkeit in Anlagestrategien giessen und aufzeigen, worum es geht und wie man erfolgreich nachhaltig investieren kann.

Allerdings tobt draussen die Finanzkrise. Hand aufs Herz: Ist Nachhaltigkeit derzeit nicht ein Thema, das die Investoren herzlich wenig interessiert?

Ringger: Kurzfristig ist das der Fall. Mittelfristig glaube ich, dass das Thema Nachhaltigkeit von der aktuellen Lage profitiert. Private und institutionelle Investoren werden sich aufgrund der Turbulenzen zunehmend an nachhaltigen, langfristigen und damit zukunftsorientierten Anlagemöglichkeiten orientieren.

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Welchen Einfluss hatte die Finanzkrise bisher auf das Interesse an nachhaltigen Produkten?

Ringger: Die Investoren sind im Moment zurückhaltend mit neuen Aktienengagements, auch bei den nachhaltigen Anlagen. Anderseits betrifft uns die Krise weit weniger, weil die Investoren, die in Nachhaltigkeitsfonds investiert sind, einen längeren Anlagehorizont haben als Investoren in traditionelle Fonds. Die nachhaltigen Anbieter hatten in der Regel weniger Rücknahmen. Die Volumenzuwächse sind zwar kleiner geworden, aber auch mit einer geringeren Nachfrage war Nachhaltigkeit eines der Hauptthemen im 1. Halbjahr 2008.

Sie haben vor ein paar Wochen neue Geschäftsräumlichkeiten bezogen. Erwarten Sie, dass SAM das rasche Wachstumstempo vom letzten Jahr beibehalten kann?

Ringger: Letztes Jahr war sicher ein aussergewöhnliches Jahr. Die verwalteten Vermögen von SAM haben sich 2007 mehr als verdoppelt. Dieses Jahr haben wir negative Einflussfaktoren von den Aktienmärkten, und die Investoren sind generell vorsichtiger geworden. Auf der anderen Seite können wir immer noch Nettoneugelder generieren, was in diesem Umfeld aussergewöhnlich ist. Und ich denke, wir werden vom Vertrauensverlust gegenüber den grossen Finanzinstituten profitieren. Viele der Investoren haben eine kritische Haltung gegenüber den grossen An- bietern eingenommen, und das kommt den kleinen, transparenten Boutiquen zugute.

Das heisst, Sie werden das Wachstum 2008 nicht mehr verdoppeln ?

Ringger: ? ja gut, wir haben ja noch ein paar Monate vor uns (lacht). Nein, das ist nicht absehbar. Aber wir erwarten ein Wachstum im zweistelligen Prozentbereich.

Das rasche Wachstum bringt Herausforderungen mit sich. Örtlich haben Sie diese gelöst, Sie haben grössere Räumlichkeiten bezogen. Wie sieht Ihre Personalstrategie aus?

Ringger: Eine ganz grosse Herausforderung ist die Pflege der Unternehmenskultur in einer Wachstumsphase. Wenn sie 20 oder 50 Leute sind und dann 100, dann verändert sich die Kultur. Ich denke ein wichtiger Punkt ist, dass wir die Kultur pflegen, die wir haben, und diese weiter entwickeln.

Im Moment haben Sie rund 100 Mitarbeiter. Bauen Sie weiter aus?

Ringger: Ja. Wir haben den Bereich alternative Investments neu gegründet und den ersten Fonds lanciert; da werden wir sicher neue Spezialisten einstellen. Aber auch der Vertrieb in Asien und in den USA läuft sehr gut. Das Asienteam wurde mit einer Person verstärkt, die von Zürich aus diesen Markt betreut, und auch in den USA werden wir noch zulegen. Im Weiteren werden wir in die Weiterentwicklung der Research-Methodik investieren.

Zur lokalen Präsenz in den Märkten: Sie haben ja im Moment in Zürich, New York und Melbourne Niederlassungen. Ist auch eine Niederlassung in Asien geplant?

Ringger: Asien decken wir vorerst von Zürich aus ab. In einer ersten Phase, wenn wir im Ausland etwas aufbauen, ist es wichtig, dass die Mitarbeiter das Unternehmen, die Prozesse und die Kultur kennen lernen. Auf diese Weise können sie lernen und intern ein Netzwerk aufbauen. In der Folgephase gehen diese Mitarbeiter dann vor Ort. Das haben wir z.B. beim Aufbau in den USA so umgesetzt.

In welchem Kundensegment erwarten Sie am meisten Wachstum?

Ringger: Wir haben in den letzten zwei bis drei Jahren starkes Wachstum im Retailbereich von Privat- und Grossbanken gesehen. Das hat jetzt durch die Börsensituation etwas abgenommen. Auch die institutionellen Investoren fangen langsam an, nachhaltig zu investieren. Viele Jahre war das nicht der Fall. Wichtig werden auch die Sovereign Wealth Funds. Wir sind gerade in einer grösseren Transaktion mit einem grossen Staatsfonds aus dem Mittleren Osten. Diese Fonds sind ein wichtiger Zukunftsmarkt. Die Staatsfonds haben heute 3000 Mrd Dollar Anlagevermögen. Wenn der Ölpreis ungefähr bei 100 Dollar bleibt, dann würde das Vermögen in fünf Jahren auf 12000 Mrd Dollar steigen, also einer Vervierfachung entsprechen.

Vor kurzem ist die Neugewichtung des Dow Jones Sustainability Index publiziert worden. Auch Schweizer Firmen sind vertreten. Wie machen sich die diese in Sachen Nachhaltigkeit?

Ringger: Die Schweizer Unternehmen sind in der Vergangenheit sehr gut gewesen. Aber zwölf Schweizer Firmen in einem Universum von 320 ist keine überdurchschnittliche Vertretung. Die Schweiz hat ihren Vorsprung der letzten Jahre mit ein paar Ausnahmen eingebüsst. Stark aufgeholt haben asiatische Firmen ? vor allem in Japan. In den USA war Nachhaltigkeit aufgrund politischer und wirtschaftlicher Rahmenbedingungen bisher weniger ein unternehmerisches Thema als in Europa. Aber das ändert sich jetzt rasch. Wir stellen viel höheres Interesse der börsenkotierten Unternehmen in den USA fest. Die europäischen Unternehmen müssen jetzt aufpassen, dass sie den Anschluss nicht verpassen.

Kann man sagen, dass die Schweiz den Zug verpasst hat?

Ringger: Vor 15 Jahren hatten wir einige Solarpioniere. Diese waren damals führend. Die Weiterentwicklung und Vermarktung der Technologie hingegen wurde von Staat und Finanzmarkt nicht gefördert. Deutschland hat dies gemacht und eine weltweit führende Industrie entwickelt.

Die Subventionen für die Solarenergie in Deutschland sind nicht unumstritten.

Ringger: Ja, richtig. Aber wenn wir wüssten, wie gross weltweit die Subventionen für Nuklearenergie oder fossile Energie sind, würden wir uns darüber nicht mehr aufregen. Die Produktionskosten der erneuerbaren Energien sinken pro Jahr um 7 bis 8%. Dank der Subventionen haben solche Unternehmen im Wind-, aber auch im Solarbereich ein Niveau erreicht, das sie konkurrenzfähig gemacht hat bzw. in ein paar Jahren sein werden. Der Payback für Deutschland ist schon längst gekommen. Tausende von Arbeitsplätzen sind geschaffen und hohe Steuereinnahmen generiert worden. Die deutschen Firmen exportieren heute nach China, wo sie Niederlassungen eröffnet und wiederum Arbeitsplätze geschaffen haben.

Kommen wir noch auf Aktien und Nachhaltigkeit zu sprechen. Sie sind verantwortlich für die Anlageberatung der Sustainable Performance Group (SPG). Die Aktie hat seit Jahresbeginn rund 25% an Wert verloren. Wirkt sich Nachhaltigkeit wirklich positiv auf den Aktienkurs aus?

Ringger: Wir sollten Anlagestrategien über einen längeren Zeitraum messen. Wenn Sie die letzten zweieinhalb Jahre betrachten, dann hat sich ein Investment ausbezahlt. SPG liegt über dem Vergleichsindex. Als Benchmark nehmen wir wir haben ein global diversifiziertes Portfolio den MSCI ex Financial, weil wir nicht in Finanzaktien investieren ...

... Was Ihnen ja eigentlich zugute gekommen sein müsste.

Ringger: Der Grund, weshalb wir dieses Jahr 3,5% hinter dem Benchmark liegen, ist, dass Aktien kleinerer Unternehmen bisher stärker unter Druck gekommen sind als diejenigen grösserer Firmen. Zudem sind viele grosse Fonds in Solaraktien investiert. Diese hatten grosse Rücknahmen von Investoren, die Positionen verkaufen mussten, das hat auf die Preise gedrückt. Die Bewertung einiger dieser Firmen sind damit jedoch auf ein attraktives Niveau gefallen, und die wirtschaftlichen Aussichten für diese Unternehmen sind weiterhin intakt.

Welches ist Ihre Prognose für den Ölpreis?

Ringger: Ich weiss auch nicht, wie hoch der Ölpreis sein wird. Was ich hingegen weiss, ist, dass das Angebot abnimmt. Weltweit werden weniger Reserven gefunden, und es wird zudem immer teurer, diese zu fördern. Der Abbau von Ölschiefer kostet beispielsweise 100 bis 120 Dollar pro Barrel. Auf der Nachfrageseite wird sich der Energiebedarf in den nächsten Jahren durch das Wirtschaftswachstum stark erhöhen. In China kann man von einer Verdoppelung der Nachfrage in den nächsten 30 Jahren ausgehen. Die langfristige Tendenz des Ölpreises ist klar steigend. Die untere Bandbreite könnte aufgrund der Förderkosten zwischen 70 und 80 Dollar pro Barrel liegen und die obere Bandbreite sehe ich bei 130 und 150 Dollar. Auf diesem Niveau wird die Nachfrage stark zurückgehen.

Bei welchen erneuerbaren Energien sehen Sie das meiste Potenzial?

Ringger: Wir sehen dort immer mehr, dass sich die Preise vom Öl entkoppeln. Historisch gesehen war es immer so, dass bei steigendem Ölpreis die erneuerbaren Energien profitiert haben und umgekehrt. Für Windkraft sind wir sehr positiv, gerade in den USA. In der Schweiz und Europa sehen wir auch weiterhin Potenzial, weil wir weniger Standorte und auch grösseren politischen Druck haben, die ganzen Windanlagen aufzubauen. Aber die USA und vor allem China haben sehr grosse Windprojekte. Also weiterhin Wind und vor allem Solarenergie. Solartechnologien werden langfristig unsere Energieversorgung sicherstellen.