Tokios Aktienmarkt hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten schon so manchen Weckruf gehört. Am Ende waren es dann jedoch meist nur kleine Strohfeuer. «Die meisten Investoren sind inzwischen ziemlich genervt von der schlechten Wertentwicklung japanischer Aktien», sagt daher Klaus Kaldemorgen, Chef der Fondsgesellschaft DWS, einer Tochter der Deutschen Bank. «Die meisten haben inzwischen japanische Aktien verkauft.»

Pluspunkt China

Genau hierin könnte jetzt aber eine Chance liegen. Denn nach wie vor ist Japan die zweitgrösste Volkswirtschaft der Welt und Tokios Börse nach Marktkapitalisierung immer noch die Nummer zwei hinter New York. Einen solchen Finanzplatz ganz aussen vor zu lassen, ist für die meisten institutionellen Anleger kaum möglich. Mancher hat daher auch in den vergangenen Monaten schon wieder zugegriffen.

Dazu beigetragen hat auch, dass sich der Nikkei 225 Index im vergangenen Jahr deutlich schlechter entwickelte als die meisten anderen grossen Indizes. Dies hing damit zusammen, dass Japans exportorientierte Wirtschaft besonders stark von der Rezession betroffen war. Seit Anfang Dezember 2009 hat Tokios Börse jedoch deutlich aufgeholt. Offenbar setzten viele Investoren damals darauf, dass der Nachzügler zu den anderen aufschliessen wird.

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Es hat sich aber auch das Bild von Japans Wirtschaft gewandelt. Die Exportorientierung gilt inzwischen als Vorteil, denn der Hauptabnehmer, China, boomt bereits wieder. «Wir erwarten, dass die chinesische Wirtschaft ihr schnelles Wachstum beibehält und dies die japanischen Exporte unterstützt», sagt Kiichi Murashima von der Citigroup. Und daher hat er seine Prognose für das Wachstum in diesem Jahr soeben von 1,3 auf 2,1% erhöht. Ähnliches gilt für die meisten anderen Beobachter. Morgan Stanley geht von einem Plus von 1,8 statt 0,4% aus. Bob Doll, Aktienstratege der US-Fondsgesellschaft BlackRock, gibt daher japanischen Aktien sogar den Vorzug gegenüber europäischen.

Langfristig lauern Gefahren

Ein weiterer Punkt, der für japanische Aktien spricht, ist die Entwicklung des Yen. «Ein sinkender Yen-Kurs ist traditionell gut für japanische Aktien», sagt Kaldemorgen. Tatsächlich verliefen Yen-Kurs und Tokios Börsen-Index in der Vergangenheit oft erstaunlich diametral - stieg der Yen, sanken die Kurse. In den vergangenen anderthalb Jahren hat der Yen stark aufgewertet, sodass sich dieser Trend nun wieder umkehren könnte.

Kaldemorgen sieht daher an Japans Börse ein Potenzial von 20 bis 30%. Allerdings warnt auch er vor allzu viel Euphorie. Denn er sieht ein Engagement im Land der aufgehenden Sonne vor allem als Trade, als kurzfristige Chance auf Sicht von sechs bis neun Monaten. Langfristig sieht er deutlich mehr Gefahren. Diese rühren vor allem von der Alterung der Gesellschaft her; in der Folge sinken seit Jahren die Sparquoten der Japaner, da sie das Geld im Alter benötigen. Dies hätte gravierende Auswirkungen für die Finanzierung des japanischen Staatshaushaltes. Denn bisher ist es für den Finanzminister kein Problem, immer neue Schulden aufzunehmen: Japanische Sparer kaufen die Schuldtitel.

Unbedingt absichern

Mit dieser bequemen Lage könnte es für Japan jedoch bald vorbei sein. Kaldemorgen glaubt, dass Japan schon Ende dieses Jahres auf ausländische Kredite angewiesen sein könnte. Dann würden höchstwahrscheinlich die Zinsen steigen, die Regierung könnte also nicht mehr so günstig zu neuen Krediten kommen.

Mittelfristig steht das Land also vor neuen Turbulenzen. Wer als Anleger aber dennoch auf die kurzfristigen Chancen für einen Kursauftrieb setzen will, sollte dies auf jeden Fall währungsgesichert tun, denn sonst geht die Wette nicht auf - wenn die Kurse in Japan zwar steigen, aber gleichzeitig der Wert des Yen fällt, wird daraus ein Nullsummenspiel. Wer dagegen so viel Mut, hat auch auf Einzeltitel zu setzen, sollte es einmal mit einer Dividendenstrategie versuchen. Traditionell zahlten japanische Firmen zwar nur geringe Dividenden. Dies hat sich jedoch in den vergangenen Jahren deutlich geändert.

So schlecht japanische Aktien in den vergangenen Jahren insgesamt abschnitten: Jene Unternehmen, die die höchsten Gewinnbeteiligungen auszahlten, zogen allen anderen davon. Zu diesen Unternehmen gehören beispielsweise Takeda Pharmaceuticals, Daiichi Sankyo oder Ricoh. Allerdings sollten Anleger bei Einzelinvestments stets die höheren Risiken abwägen, die sich für sie daraus ergeben können.