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Interview
«Naheliegend ist ein Ausbau des US-Geschäfts»

Schmolz + Bickenbach: Die Aktionäre streiten weiter. (Bild:

Die ausserordentliche Generalversammlung von Schmolz + Bickenbach entscheidet über eine Kapitalerhöhung und einen Umbau des Verwaltungsrats. Expertin Helga Kern analysiert die Ausgangslage.

Von Urs Aeberli
am 04.09.2013

Hinter den Vorstössen an der Generalversammlung bei Schmolz + Bickenbach vom am 26. September steht Victor Vekselberg. Er hält mit den Gründerfamilien 40,5 Prozent des Kapitals. Was der Oligarch mit dem Konzern vorhat, erklärt Helga Kern. Sie sitzt im Investment Advisory Committee des Swiss Active Alpha Fund. Der Fonds ist an Schmolz + Bickenbach beteiligt.

Die Generalversammlung soll eine Kapitalerhöhung um 430,5 Millionen Franken absegnen. Der «alte» Verwaltungsrat wollte nur eine Erhöhung um 330 Millionen. Ist mit dem höheren Betrag die Eigenkapitalausstattung wieder auf komfortablem Niveau?
Helga Kern: Die Kapitalausstattung wird mit einer Eigenkapitalquote von rund 35 Prozent ausreichend sein. Ich gehe davon aus, dass ein massgeblicher Teil der zufliessenden Mittel zur Rückzahlung des Fremdkapitals von rund einer Milliarde Euro verwendet wird, um dadurch die Finanzierungskonditionen zu verbessern. Gleichzeitig wird die derzeit bescheidene Liquidität von 60 Millionen Euro erhöht, womit sich der unternehmerische Spielraum vergrössert.

Sind 35 Prozent Eigenkapital im Konkurrenzvergleich hoch?
Die Eigenkapitalquote der Mitbewerber beträgt im Mittel rund 40 Prozent. Acerinox verfügt beispielsweise über eine Eigenkapitalquote von 37 Prozent und Voestalpine über eine solche von 38 Prozent.

Was für strategische Weichenstellungen erwarten Sie von der neuen bestimmenden Aktionärsgruppe um Victor Vekselberg?
Bisher fehlen klare Aussagen zur strategischen Stossrichtung. Naheliegend ist ein Ausbau des US-Geschäfts der Finkl Group in den USA, wo 2013 ein neues Stahlwerk in Chicago in Betrieb genommen wurde. Denkbar ist auch die Erschliessung neuer Märke in Osteuropa, wo die Unternehmen der Vekselberg-Gruppe stark verankert sind. Schmolz + Bickenbach erzielt heute 83 Prozent des Umsatzes mit Edel- sowie mit hitze-, rost- und säurebeständigem Stahl. Nur 6 Prozent des Umsatzes werden ausserhalb der EU und USA erarbeitet. Da die Maschinenbau- und Automobilindustrie in Russland und den anderen Ostbockstaaten an Bedeutung gewinnt, ergeben sich gute Chancen, den Konzern dort geographisch breiter abzustützen. Hinzu kommt, dass es sich lohnt, die vergleichsweise teuren Edelstahl-Produkte auch über grössere Distanzen zu transportieren als zum Beispiel günstigen Baustahl.

Und der Verkauf der Stahlhandelsaktivitäten, den der bisherige Verwaltungsrat erwog?
Zum Verkauf der Stahlhandelsaktivitäten ist nur bekannt, dass das Vorhaben von den neuen Hauptaktionären geprüft wird. Das Hauptargument für den Verkauf – die hohe Mittelbindung – hat im Zuge der besseren Kapitalausstattung an Bedeutung verloren. Der Bereich hat aber in der Vergangenheit kaum je die Kapitalkosten verdient.

Wird das neue Hauptaktionariat auch am Konzern- und Finanzchef festhalten?
Zum Verhältnis von Konzernchef Johannes Nonn und Finanzchef Hans-Jürgen Wiecheda zu Vekselberg kann ich nichts sagen. Der «alte» Verwaltungsrat hat dem Management aber grosszügige Kontrollwechselklauseln und Verträge bis 2016 gewährt.

Ihr Fonds ist in Schmolz + Bickenbach investiert. Was macht die Aktie interessant?
Der Swiss Active Alpha Fund hat Aktien von Schmolz + Bickenbach erworben, nachdem das Pflichtangebot von Vekselberg beziehungsweise seiner Investmentfirma Renova bekannt wurde. Das war so etwas wie ein «Free Lunch» – der Titel war durch das Übernahmeangebot zu 2.85 Franken nach unten abgesichert und bietet auf der anderen Seite die Möglichkeit, von der Restrukturierung beziehungsweise vom Turnaround sowie von einer Erholung der Stahlindustrie zu profitieren. Im ersten Halbjahr 2013 haben die meisten europäischen Stahl- beziehungsweise Edelstahlproduzenten wie Arcelor Mittal oder Salzgitter noch mit Gewinnwarnungen aufgeschreckt. Seither macht sich aber wieder mehr Zuversicht breit, beispielsweise bei Acerinox und Voestalpine. Wichtigste Element sind die gute Konjunktur in den Vereinigten Staaten und zumindest eine Stabilisierung in Südeuropa.

Schmolz + Bickenbach verfügt laut Bilanz über enormen Immobilienbesitz. Besteht hier für die Aktionäre Zusatzfantasie, dass Vekselberg diesen Besitz versilbern könnte?
Die Stahlindustrie erfordert eine hohe Mittelbindung. Schmolz + Bickenbach verfügt über Sachanlagen mit einem Anschaffungs- und Buchwert von 2850 beziehungsweise 900 Millionen Euro. Davon entfallen nur 660 respektive 284 Millionen auf Grundstücke und Gebäude mit einem Brandversicherungswert von gesamthaft 1500 Millionen Euro. Ein massgeblicher Teil der nicht betriebsnotwendigen Immobilien wurde in den vergangenen Krisen bereits veräussert. Das Argument, dass in grossem Umfang weitere Immobilien «versilbert» werden könnten, war vor allem seitens der schweizerischen Aktionärsgruppe zur Abwehr von Vekselberg aufgebracht worden.

Helga Kern sitzt im Investment Advisory Committee des Swiss Active Alpha Fund. Der Fonds ist an Schmolz + Bickenbach beteiligt.

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