Der Mediensprecher hängt den Hörer abrupt auf. Fragen zu ihrer Beteiligung an Nationale Suisse will die Landesbank Baden-Württemberg nicht beantworten. Das Stuttgarter Fi­nanz­institut ist mit 11,4 Prozent der grösste Einzelaktionär und sein Chef Hans-Jörg Vetter sitzt im Verwaltungsrat der traditionsreichen Basler Versicherung.

Doch die Staatsbank ist seit einiger Zeit daran, ihre Beteiligungsportefeuilles zu durchforsten. Durch die Finanzkrise in finanzielle Schieflage geraten, musste die grösste deutsche Landesbank 2008 mit Steuergeldern gerettet werden. Im Gegenzug für die 5 Milliarden Euro schwere Finanzspritze verpflichtete sich das Kreditinstitut, sich auf sein Kerngeschäft vor ­allem mit mittelständischen Firmen- und Privatkunden zu konzentrieren. Zudem soll die Bilanzsumme um 40 Prozent reduziert werden.

Dafür muss die Landesbank Baden-Württemberg oder kurz LBBW sich von Beteiligungen trennen, die keinen strategischen Charakter haben. Konsequenterweise ist dazu auch das Engagement bei Nationale Suisse zu zählen, ging es hier doch von Anfang an nie um eine Kooperation an der Kundenfront.

Zum Schrumpfen verurteilt

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Bereits ausgestiegen sind die Stuttgarter etwa bei der Fondsanbieterin DekaBank, der Energiebörse EEX und der Bausparkasse LBS Baden-Württemberg. Vergangenen Februar wurde zudem die Liegenschaftentochter LBBW Immobilien veräussert – für das Portfolio mit insgesamt 21500 Wohnungen löste die klamme Bank 1,435 Milliarden Euro. Auch kleinere Engagements mit nur zweistelligen Millionenwerten werden veräussert – etwa die Beteiligung bei der Quirin Bank im Wert von 25 Millionen Franken. Diese wurde vorletztes Jahr an den belgischen Finanz­investor RHJ abgegeben, der vom ehe­maligen Winterthur-Chef Leonhard Fischer geführt wird.

Das Nationale-Suisse-Paket ist mit rund 80 Millionen Franken deutlich mehr wert. «Die Beteiligung liegt schon lange auf dem Tisch», erklärt Stefan Schürmann, Versicherungsanalyst bei der Bank Vontobel. In Finanzkreisen heisst es, dass die UBS der Landesbank Baden-Württemberg schon einmal angeboten habe, die Aktien im Markt zu platzieren – vergeblich. Schürmann glaubt indes nicht an einen schnellen Verkauf: «Das nervöse Börsenumfeld ist derzeit nicht besonders günstig für Finanzaktien.» Der Nationale-Aktienkurs steht denn heute auch 40 Prozent tiefer als vor fünf Jahren.

Andere Börsenbeobachter lesen dagegen im Anfang Mai erfolgten Kursrutsch der Na­-ti­o­nale-Suisse-Aktie die gestiegene Erwartung, dass demnächst etwas passieren könnte. Der LBBW steht es jedenfalls frei, wann und wie sie sich von den Aktien trennen will. Es bestehe kein Aktionärsbindungsvertrag zwischen LBBW und Nationale ­Suisse, heisst es dazu am Konzernsitz des Versicherers in Basel.

Die Landesbank Baden-Württemberg stieg 2006 in Basel ein. Das Finanzengagement stand im Zusammenhang mit der Strategieänderung, die Konzernchef Hans Künzle ab 2005 beim Versicherer durchsetzte. Kernelement war die Konzentra­tion auf Spezialversicherungen. Zu den sogenannten Specialty Lines zählen unter anderem Transport-, Reise-, Kunst- oder Kreditausfallversicherungen und Deckungen im Bereich Engineering. So versichert zum Beispiel Nationale Suisse mit der deutschen Allianz-Gruppe zusammen die Arbeiten am Gotthardbasistunnel. Letztes Jahr entfielen auf solche Spezialversicherungen bereits knapp 35 Prozent der Prämieneinnahmen. Bis 2013 sollen es 40 Prozent sein, was rund 700 Millionen Franken entsprechen dürfte.

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«Wir brauchten langfristige Schlüssel­aktionäre, die uns erlaubten, diese Neupositionierung in aller Ruhe umzusetzen», erläutert Künzle. Ein Teil jener Anteilseigner sei gleichzeitig auch Kooperationspartner – wie die beiden deutschen Versicherer VHV und Nürnberger sowie die Basler Kantonalbank. Bei der Verbindung zur Gebäudeversicherung des Kantons Bern dagegen gehe es primär um die Unterstützung der Strategie. Dasselbe gelte auch im Fall der LBBW.

«Apple» des Assekuranzsektors

Dieser Aspekt sei inzwischen weniger bedeutend, meint Künzle. Denn heute besitze Nationale Suisse eine funktionierende Strategie, und die Gesellschaft habe mehr Standfestigkeit. «Zurzeit wäre es wohl gar nicht so falsch, wenn der Publikumsanteil von gut 44 Prozent stiege und die Aktie etwas breiter gestreut würde», folgert der Konzernchef. Aber am Hauptsitz wird ergänzt, es sei nicht Aufgabe von Nationale Suisse, den Verkauf eines Ak­tienpakets zu unterstützen. Deshalb engagiere man sich auch nicht aktiv.

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Das sei gar nicht nötig, findet Fabrizio Croce. Der Versicherungsanalyst von Kepler Capital Markets ist überzeugt, dass die Nationale-Suisse-Titel aus dem Besitz der LBBW auf eine rege Nachfrage stossen würden. Das Geschäft mit Spezialversicherungen sei lukrativ und ausgesprochen wachstumsstark, sodass er Nationale Suisse als «die Apple-Aktie des Versicherungssektors» bezeichnet. Nennenswerte Positionen in diesem Titel aufzubauen, sei für Pensionskassen und andere institutionelle Anleger praktisch unmöglich, weil der frei handelbare Anteil klein sei. Zu viele der Papiere seien derzeit in festen Händen. Dazu zählen auch Pakete, die seit Jahren die beiden Schweizer Versicherer Helvetia und Baloise halten. Croce sieht seine positive Einschätzung der Nationale-­Suisse-Aktie durch das Engagement dieser beiden Gesellschaften bestätigt. «Wer sonst als ein Mitbewerber kann das Potenzial einer Versicherungsaktie besser einschätzen», findet der Experte.

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Bei der Helvetia will man nicht detailliert Stellung zum Nationale-Suisse-Paket von 4,4 Prozent nehmen, das 2007 aufgebaut wurde. Es handle sich um ein Fi­nanz­engagement, heisst es in St.Gallen. Ganz konkrete Absichten verfolgte dagegen die Baloise, als sie vor 15 Jahren 10 Prozent der Nationale Suisse erwarb. Sie hoffte, damit den kleinen Basler Mitbewerber zu einer Hochzeit zwingen zu können. Doch die Baloise kam mit ihrem Werben kein Stück voran und blieb auf ihren Aktien sitzen.

Die Baloise-Führung unterschätzte den Willen der Nationale Suisse, eigenständig zu bleiben. An dieser Haltung änderte sich seither nichts. Unterstrichen wird das auch durch die Absicht, bis auf weiteres an der Stimmrechtsbeschränkung von 5 Prozent festzuhalten. Kepler-Analyst Croce ist daher überzeugt, dass das LBBW-Paket nicht in seiner Gesamtheit bei der Baloise landen wird.

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Nationale Suisse ist zwar bereit, die Tür einen Spalt breit weiter aufzumachen. Aber nicht für jedermann.