Alessandro Bee ist Ökonom bei der Bank J. Safra Sarasin in Zürich. Er erwartet, dass die Europäische Zentralbank (EZB) schon bald Lockerungsmassnahmen ergreift, um die Wirtschaft zu stützen. Das könnte auch Folgen für die Schweiz haben, so Bee.

Die Anleger schauen gebannt Richtung EZB. Welche geldpolitischen Schritte sind dort zu erwarten?

Alessandro Bee: Die Aussagen von EZB-Präsident Mario Draghi lassen darauf schliessen, dass bereits im Juni mit weiteren Massnahmen zu rechnen ist. Laut Draghi ist die Zentralbank bereit dazu. Das ist nachvollziehbar, da sie weiterhin von einer sehr tiefen Inflation ausgeht.

Was wird die EZB unternehmen?
Wir rechnen mit zwei Massnahmen. Es dürfte einerseits zu einer weiteren Senkung des Refinanzierungssatzes von 0,25 auf 0,1 Prozent kommen. Zudem gehen wir davon aus, dass die EZB ein Programm zum Ankauf von verbrieften Wertschriften, sogenannten «Asset Backed Securities», lancieren wird. Dafür würden Kredite an kleinere Unternehmen gebündelt und auf den Markt gebracht. Die EZB würde diese dann aufkaufen. Im Juni könnte der Startschuss erfolgen.

Anzeige

Was bringt ein solches Programm?
Es ist ein grosses Problem, dass die Unternehmen von den Banken Kredit nur noch zu sehr unvorteilhaften Konditionen oder gar nicht mehr erhalten. Zwar haben sich die Zinskonditionen auch in der Euro-Zone-Peripherie in den letzten zwei Jahren extrem verbessert. Für Unternehmen sind sie aber weiterhin unvorteilhaft. Das Kreditwachstum ist denn auch zu gering. Hier möchte die EZB ansetzen, und sie könnte mit einem derartigen Programm viel bewirken.

Mehr als mit dem negativen Zins für Banken bei der EZB?
Diese Massnahme hätte einen anderen Fokus. Der Negativzins hilft, den Euro zu schwächen. Ich könnte mir daher vorstellen, dass der negative Einlagezins als Massnahme kommt, sollte der Euro weiterhin derart stark bleiben. EZB-Präsident Draghi hat zuletzt versucht, den Euro schwachzureden. Das ist ihm kurzfristig gelungen. Wenn Reden aber langfristig nicht hilft, dann wird der negative Zinssatz zu einer Option.

Wovon hängt das ab?
Wenn der Euro-Dollar-Kurs von alleine auf 1,35 sinkt, dann braucht es diese Massnahme nicht. Sollte der Kurs weiter bei 1,40 verharren, muss die EZB handeln.

Was hätte das für Auswirkungen für die Schweiz?
Der Negativzins für Banken wäre wohl spürbar. Es würden wahrscheinlich Gelder aus dem Euro- in den Franken-Raum fliessen. Die Gefahr für die Schweizerische Nationalbank SNB wäre dann, dass die Gelder nicht nur in den Dollar, sondern auch in den Franken investiert werden. Das würde zu einer Aufwertung des Frankens führen. Die SNB könnte sich in einem solchen Fall gezwungen sehen, präventiv die Zinsen zu senken.

Die expansive Geldpolitik wird also noch eine Weile weiterverfolgt?
In den USA wird in den nächsten Monaten die Diskussion Fahrt aufnehmen, wie die US-Notenbank Fed den ersten Zinsschritt kommuniziert und wie das Land von der expansiven Geldpolitik Abschied nehmen wird. In Europa kann es noch etwas länger dauern.

Anzeige

Wie lange noch?
In den USA könnte eine erste Zinserhöhung Mitte 2015 erfolgen. Bei der EZB kann es gut und gerne noch ein Jahr länger dauern. Lange warten wird die EZB aber kaum. Denn die zeitliche Distanz zwischen den beiden Notenbanken war in der Vergangenheit eher gering.

Was heisst das für die Anleger?
Es bedeutet vor allem, dass die Geldpolitik expansiv bleibt und damit Staatsanleihen unattraktiv sind. Die Jagd nach Rendite bleibt ein grosses Thema. Riskantere Titel sind damit interessanter, zum Beispiel europäische Hochzinsanleihen.

Etwa solche aus der Euro-Peripherie?
Ja, aber keine Staatsanleihen. Die Fundamentaldaten verbesserten sich zwar, die Papiere sind jedoch unterdessen sehr teuer. Firmenbonds sind da attraktiver.