V iele Urlaubsreisende auf dem Weg in den Süden kommen mit dem Verlassen des Gotthard-Tunnels bereits in Ferienstimmung: Die Sprachgrenze ist überschritten, das Klima wird milder. Spätestens an der Riviera des Lago di Lugano, im Schatten von Palmen, die mediterrane Architektur vor Augen, umgeben vom Duft von Oleandern und Orangenblüten, stellt sich die Frage, ob man die Reise nach Italien überhaupt noch fortsetzen soll.

An der Peripherie von Mailand

Wer vom Süden über die Grenze nach Lugano kommt, sucht hingegen weniger die Ferienidylle, sondern vielmehr den mit 7600 Beschäftigten nach Zürich und Genf drittgrössten Finanzplatz der Schweiz. Und fühlt sich dabei dennoch wie zuhause. «Wir sprechen die gleiche Sprache wie in Norditalien und gehören dem gleichen Kulturraum an», erklärt Alfredo Gysi, Chef der BSI-Gruppe (siehe Nachgefragt). Die 1873 als Banca della Svizzera Italiana gegründete Bank ist das älteste Finanzinstitut auf dem Platz und mit einer Bilanzsumme von 21 Mrd Fr. das grösste Bankhaus im Tessin. Seit 1998 gehört die BSI zum italienischen Generali-Konzern.

Als Finanzplatz im Einzugsgebiet der Millionenstadt Mailand bildet Lugano das Scharnier zwischen zwei Regionen, die sich nicht nur kulturell nahestehen, sondern auch über sehr gute Handelsverbindungen verfügen. Seit den 1960er-Jahren steht der Bankenplatz Lugano zudem bei den vermögenden Italienern hoch im Kurs dank der Stabilität des Franken, der hohen Servicequalität der Finanzdienstleistungen, der internationalen Ausrichtung sowie dem Schutz der Privatsphäre.

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Vermögen bleibt im Tessin

Schätzungen gehen davon aus, dass rund 200 Mrd Fr. oder die Hälfte aller im Tessin verwalteten Onshore- und Offshore-Gelder aus dem südlichen Nachbarland stammen. Dass dabei auch viel unversteuertes Vermögen in die Schweiz geflossen ist, erstaunt kaum.

Dies ist auch dem italienischen Staat nicht entgangen, der vergangenen Herbst mit einer Steueramnestie, nach 2001 und 2003 bereits der dritten innerhalb von zehn Jahren, versuchte, die italienischen Kunden dazu zu bewegen, ihre Vermögen zu repatriieren. Mit mittelmässigem Erfolg: Dank der Möglichkeit für italienische Kunden, ihre Vermögen zu legalisieren, ohne sie physisch nach Italien abzuziehen, wurde der Finanzplatz deutlich weniger hart getroffen als im Vorfeld befürchtet.

Laut italienischen Quellen hat die im April ausgelaufene Amnestie zu einer Legalisierung von italienischem Schwarzgeld in der Höhe von 85 Mrd Euro geführt. In der Schweiz hätten laut der Tessiner Bankiervereinigung ein Drittel der im Tessin verwalteten Vermögen von Italienern von der Amnestie Gebrauch gemacht, jedoch sei nur die Hälfte davon tatsächlich nach Italien zurückgeflossen.

Insbesondere die grösseren Vermögen hätten gemäss BSI-CEO Gysi die Amnestie genutzt, um die Gelder über italienische Treuhänder zu legalisieren, sie aber weiterhin in der Schweiz verwalten zu lassen.

Zukunft ist steuerehrlich

Trotzdem hat die jüngste Amnestie am Finanzplatz Lugano zu einem Richtungswechsel im Geschäft und zu einem strategischen Umdenken geführt. «Die italienische Steueramnestie war ein gesunder Schock für den Finanzplatz», ist Brunello Perucchi, Chef der Banca Popolare di Sondrio (Suisse), überzeugt. Die Tochtergesellschaft der Volksbank aus dem Veltlin wurde vor 15 Jahren als Universalbank in der Schweiz gegründet. Als Nummer vier im Tessin spricht die BPS vor allem in der Schweiz domizilierte Kunden an.

Laut Perucchi hat die Amnestie gezeigt, über welche Möglichkeiten ausländische Staaten verfügen, wenn es darum geht, ihre Bürger dazu zu bringen, ihre Vermögen zu deklarieren. Er ist deshalb davon überzeugt, «dass die Zukunft des Private Banking steuerehrlich sein wird ».

Italienische Firmen anziehen

Dadurch dürfte der Kampf um die internationalen Vermögen zukünftig auch im Tessin härter werden. Auf der anderen Seite eröffnet dies aber auch Chancen, wenn das Stigma der Steueroase abgelegt werden kann. «Norditalien ist eine Region mit einer sehr hohen Dichte an Unternehmen», sagt Gysi.

Dank der internationalen Vernetzung des Finanzsektors und der deutlich geringeren Bürokratie will man italienische Firmen in Zukunft vermehrt zu einem Umzug ins Tessin bewegen. Und zwar nicht nur als Holding-Sitz. Obwohl die Zukunft des Finanzplatzes Lugano dadurch stark mit der wirtschaftlichen Entwicklung in Norditalien verknüpft ist, wird die Schuldenproblematik in Europa gelassen verfolgt. «Das Problem in Italien ist nicht mit jenem in anderen europäischen Staaten zu vergleichen», so Perucchi.

Wenige Monate nach dem Schock der italienischen Steueramnestie überwiegt im Tessin damit wieder die Zuversicht. Zumal doch die jüngste Amnestie bewiesen habe, dass der Finanzplatz Lugano auch so nach wie vor eine hohe Anziehungskraft auf die Kunden ausübt.


NACHGEFRAGT

«Flucht vor Fiskus steht nicht im Vordergrund.»

Der CEO der BSI Bank und Präsident des Verbands der Auslandsbanken in der Schweiz gilt als geistiger Vater der Abgeltungssteuer.

Welches sind die Besonderheiten des Finanzplatzes Lugano?

Alfredo Gysi: Es sind dieselben Dinge, die den Standort Schweiz ausmachen, also Rechtssicherheit, politische Stabilität, Zuverlässigkeit, Schutz der Privatsphäre sowie die internationale Ausrichtung. Die Flucht vor dem Fiskus steht nicht im Vordergrund.

Dennoch, Lugano hat doch von der Steuerflucht profitiert?

Gysi: Italien hatte in den vergangenen Jahren mehrere Amnestien. Es ist schon fast ein Dauerzustand. Die jüngste Amnestie hat gezeigt, dass die Mehrheit der Kunden, die davon Gebrauch gemacht und ihre Vermögen deklariert haben, die Gelder in der Schweiz belassen haben. Dies gilt insbesondere für die grossen Vermögen. Das beweist doch, dass diese Kunden nicht hier waren, um Steuern zu hinterziehen.

Die EU will den automatischen Informationsaustausch.

Gysi: Die Schweiz ist Ende 2009 aus der Verteidigung in eine proaktive Position übergegangen, indem wir der EU über die Abgeltungssteuer eine sehr gute Lösung angeboten haben. Die Steuereinnahmen aus den in der Schweiz verwalteten Vermögen könnten damit in die EU fliessen, während gleichzeitig die Privatsphäre des Kunden geschützt würde. Keine andere Lösung wäre ähnlich effizient, auch der automatische Informationsaustausch nicht.

Hat diese Lösung eine Chance?

Gysi: Alle, also auch die EU, haben ein Interesse daran, dass die Kunden nicht auf Finanzplätze ausweichen, wo die Einflussmöglichkeit erheblich kleiner wäre. Zudem müssen die europäischen Länder ihren Finanzhaushalt in Ordnung bringen und benötigen dafür dringend zusätzliche Einnahmequellen. Die einzige Möglichkeit, wie dies schnell geschehen kann, ist über die Abgeltungssteuer.

Im Juli wurden in Deutschland 13 Credit-Suisse-Filialen durchsucht. Sehen Sie Parallelen zu den Razzien im Herbst in den Filialen der Schweizer Banken in Italien?

Gysi: In Italien war es ein Akt gegen sämtliche Schweizer Banken und nicht nur ein Institut. Ich gehe nicht davon aus, dass es am Ende einen grossen Einfluss auf die Kunden hatte, die entscheiden mussten, ob sie ihr Vermögen deklarieren sollten oder nicht. Im Gegenteil, mit dieser fadenscheinig begründeten Aktion hat man die Kunden eher bestärkt, ihre Vermögen in der Schweiz zu lassen. Im Falle von Deutschland verfüge ich noch über zu wenige Informationen.