STEUERN. In Grossbritannien leben rund 17% von Europas so genannten High Networth Individuals. Das sind Menschen, die über ein Finanzvermögen von mehr als 1 Mio Dollar verfügen, berichten Merrill Lynch und Cap Gemini. Und die «Sunday Times» weiss, dass von den zehn reichsten Menschen in Grossbritannien sieben aus dem Ausland stammen. Unter den Bekannteren: Lakshmi Mittal, der für sein Londoner Anwesen 70 Mio Pfund (142 Mio Dollar) zahlte, sowie Roman Abramowitsch. Dass angesichts der Globalisierung des Reichtums so viele Menschen nach Grossbritannien kommen, hat ganz praktische Gründe: Niedrige Steuern und die geografische Lage der Insel. In Grossbritannien müssen Ausländer, deren «eigentliche Heimat» oder Domizil woanders liegt, nur das Geld versteuern, das sie im Inland verdienen oder nach Grossbritannien einführen. Das übrige Vermögen wird nicht besteuert. In den USA beispielsweise ist das Welteinkommen zu versteuern.

Und wer Geschäfte sowohl in den USA als auch im asiatischen Raum macht, der weiss die Tatsache zu schätzen, dass alles «nur einen Katzensprung» entfernt ist. «Überall ist man in drei bis fünf Stunden. Man kann morgens wegfliegen und ist am Abend schon wieder da», freut sich Thor Bjorgolfsson, ein 40-jähriger isländischer Milliardär, der unter anderem Anteile an tschechischen und bulgarischen Unternehmen handelt. Speziell für Inder und einen Teil der Afrikaner in London spielen auch historische Bindungen an das ehemalige Mutterland eine Rolle.

New York will aufholen

Mittlerweile steht London in direkter Konkurrenz zu New York als internationalem Finanzzentrum, sodass sogar die gemeinnützige Partnership for New York City einen Briten als Berater geholt hat, um New Yorks Position zu festigen. Es gibt zwar Zeichen, dass sich der Zuzugsboom abschwächt, beispielsweise sind die Häuserpreise zum ersten Mal seit 22 Monaten wieder gesunken. Aber noch ist kaum etwas davon zu spüren. Rund 65% der in Zentral-London für 4 Mio Pfund (pro Einheit) oder mehr verkauften Häuser wurden nach Schätzungen der Maklerfirma Savills von Personen gekauft, die nicht im Land geboren wurden, darunter Residenzen wie ein Penthouse-Appartment am Hyde Park für rund 80 Mio Pfund.

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Das Leben wird massiv teurer

«Kehrseiten» des Booms in London sind etwa die starke Frequentierung des Privatflugplatzes Farnborough, wo kaum noch Start- oder Landezeiten zu bekommen sind, oder die hohen Preise in Nachtklubs und Restaurants. Auktionen bei Christies sind überfüllt, Mindestgebote werden auch in Rubel aufgeführt. Wirklich nachteilig ist die Lage allerdings für Geringverdienende und junge Angestellte, die sich in der Londoner Stadtmitte keine Wohnung mehr leisten können, sodass manche Stadtteile bereits Spezialprogramme etwa für Lehrer oder Krankenschwestern aufgestellt haben.Und auch wenn das britische Establishment sich «not amused» zeigt («Alles nur Angabe nach dem Motto: Ich bin reich, ich leiste mir Champagner für 3000 Pfund pro Flasche», so der Chef des exklusiven Travellers Club, Philip Vallance), die Bemühungen um weiteren Zuzug gehen weiter: London richtete Büros in Peking und Schanghai ein, um für die Stadt zu werben.Kontraproduktiv klingt da die Steuererhöhung für Ausländer, die Schatzkanzler Alistair Darling kürzlich ankündigte. Demnach soll, wer länger als sieben Jahre im Land lebt, eine zusätzliche Pauschalsteuer von 30000 Pfund bezahlen. Die sieben Jahre sind bewusst gewählt: Ausländische Banker oder Fondsmanager bleiben selten länger. So bleibt der Finanzstandort London attraktiv.