Eeine Vision für die Neuordnung des Weltfinanzsystems: Das muss dem französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy zufolge das Resultat des Gipfels der 20 führenden Industrie- und Schwellenländer sein. Das zeigt: Die Erwartungen sind hoch an das Treffen im Weissen Haus in Washington am 15. November.

Damit sie erfüllt werden können, hat es bereits im Vorfeld des Gipfels einen Gipfelmarathon gegeben. Am 4. November trafen sich die europäischen Finanzminister in Brüssel. Danach lud Sarkozy nach Paris. Und jetzt tagen die Finanzminister der G 20 in Brasilien.

Wohl kein grosser Wurf

Doch trotz der intensiven Vorbereitung, trotz der Dringlichkeit der Lage an den weltweiten Finanzmärkten darf bezweifelt werden, dass es einen grossen Wurf geben wird. Wenn die Staats- und Regierungschefs nächstes Wochenende im State Dining Room unter dem Porträt Abraham Lincolns zusammenkommen, dann haben sie hohe Hürden auf dem Weg zu einer neuen globalen Finanzordnung vor sich.

Die lassen sich fast alle an einer einzigen Organisation festmachen: Dem Internationalen Währungsfonds IWF. Fast alle Länder sind sich einig, dass die totgeglaubte Finanzorganisation mit 185 Mitgliedstaaten nun gestärkt werden muss. Nur das Wie werden sie auf so kurze Frist kaum beantworten können. Denn es gibt diesbezüglich gleich mehrere Hindernisse:

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Finanzierung: Seit Wochen fordert der britische Premierminister Gordon Brown, dass auf dem Gipfel eine Finanzspritze für den IWF verkündet wird. Schliesslich klopft derzeit ein Staat nach dem anderen in Washington an und bittet um Kredit. Die 2,1 Mrd Dollar für Island, die 15,7 Mrd Dollar für Ungarn und die 16,4 Mrd für die Ukraine waren erst der Anfang. Mehrere hundert Mrd Dollar seien nötig, damit die Institution strauchelnden Staaten effektiv unter die Arme greifen könne, sagt Brown.

Allerdings sind sich nicht alle Staaten einig, dass wirklich Geld fehlt. Das Washingtoner Finanzministerium ist bereits auf die Bremse getreten. «Der Fonds scheint recht gut ausgestattet», sagte ein US-Regierungsvertreter. Die Aussage hat Tragweite: Denn ohne die Amerikaner bewegt sich im Fonds nichts. Sie verfügen über ein Vetorecht in der Institution. Zudem dämpfen auch einige Europäer, allen voran die Deutschen, die Erwartungen: «Der IWF hat genug Möglichkeiten, sich zu refinanzieren», heisst es in Berlin.

Machtbalance: Beständig weist IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn darauf hin, dass der Einfluss der aufstrebenden Volkswirtschaften an der Bretton-Woods-Organisation steigen muss. Die G 20 kämen schliesslich in Washington zusammen, nicht die G 8 genannten grössten Industrieländer. Der Schlüssel zu einer Umverteilung liegt allerdings in den sogenannten Quoten. Sie legen zum einen fest, wie viel Geld jedes Land dem Fonds zur Verfügung stellen muss und wie gross der Stimmanteil ist.

Wer über wie viele Quoten verfügt, entscheidet eine vom IWF festgelegte Formel, in die verschiedene Faktoren wie das Bruttoinlandprodukt eingehen. Da schon kleinste Quotenänderungen zu neuen Machtkonstellationen führen können, ist es ausgeschlossen, dass es kurzfristig zu einer Änderung der Berechnungsweise kommen wird. Zumal sich die 185 Länder im April gerade erst nach jahrelanger, mühseliger Kleinarbeit auf eine Reform geeinigt haben.

US-Dominanz: Abgesehen vom Vetorecht bei wichtigen Entscheidungen, sichert allein die räumliche Nähe die US-Dominanz im Fonds. Das Hauptquartier liegt an der 19. Strasse im Nordwesten Washingtons, einen kurzen Spaziergang entfernt vom Weissen Haus. Viele der rund 2500 Mitarbeiter haben eine amerikanische Elite-Universität besucht. Der «MD», wie der IWF-Chef intern genannt wird, ist zwar traditionell ein Europäer, doch an seiner Seite sitzt ein Amerikaner als Stellvertreter, der das Tagesgeschäft im Fonds managt und im Zweifelsfall entschlossen amerikanische Interessen vertritt. So haben die Amerikaner ihren Einfluss genutzt, die Regeln zu verschärfen, nach denen der Fonds jährlich die Wirtschaftspolitik seiner Mitglieder bewertet.

Unbewegliches Europa: Nicht nur die USA betrachten den Fonds als Machtinstrument, sondern auch die Europäer. Die Länder halten vehement an ihren Sitzen im 24-köpfigen Exekutivrat fest, der über das Tagesgeschäft und die Kreditvergabeprogramme entscheidet. Seit Jahren bereits drängen viele Wissenschaftler und Entwicklungsorganisationen darauf, dass die EU-Staaten sich auf einen gemeinsamen Sitz beschränken. Das würde zum Beispiel afrikanischen Ländern mehr Mitsprache ermöglichen. Doch die Macht, über Auflagen für Kreditnehmerländer zu entscheiden, ist zu verlockend, um einen solchen Reformschritt zu wagen.

Reformunfähiger Fonds: Über Jahrzehnte galt der IWF als Arbeitgeber der ersten Wahl. Der IWF zahlt grosszügige Gehälter, und wer in Washington angestellt ist, geniesst meist einen ausgezeichneten Ruf in Ökonomen-Kreisen. Doch die Organisation ist streng hierarchisch und bürokratisch. Wer im Fonds ausharrt, steigt mehr oder weniger unweigerlich auf. Die strenge Hackordnung widerspricht dem Gedanken, dass der Fonds auch ein Hort der wissenschaftlichen Unabhängigkeit sein soll.

• USA ohne Führung Die Vereinigten Staaten, die einflussreichste Nation überhaupt im IWF, ist entscheidungsunfähig. Präsident George W. Bush hat nichts mehr zu sagen, Nachfolger Barack Obama, der sich bereits am Freitagabend mit den Staats- und Regierungschefs treffen will, darf noch nichts entscheiden. Es dürfte deshalb kommen, wie es ein Insider vermutet: Der Gipfel sei nicht mehr als der Start zu einer langen Gipfelserie.