Anleger in Deutschland haben die Qual der Wahl unter über 300000 Derivaten (Hebelprodukten und strukturierten Produkten). Der Boom dieser neuen Anlagevehikel hat auch eine ganze Reihe neue Medien wie das «Zertifikatejournal», die «Zertifikate-Woche» oder die «Zertifikate-News» des «Handelsblattes» hervorgebracht. Neutrale Internet-Plattformen wie Onvista.de, zertifikateweb.de oder die Webseite von Scoach geben Anlegern hinsichtlich der Preise einen ersten Überblick, aber etliche potenziell wichtige Punkte wie die Margen, Kostenstrukturen, Spreads oder Handelsliquidität bleiben unklar.

Hier sind jetzt drei Anbieter auf dem Markt, welche Zertifikate-Ratings entwickelt haben. Scope hat im April ihr Angebot auch für Privatinvestoren unter der Webseite www.zertifikate.scope.de geöffnet. Anleger können nach Produkten oder Basiswerten recherchieren und Vergleiche vornehmen. Auch bei professionellen Beratern oder Banken ist das (kostenpflichtige) Angebot beliebt, weil sich hier überprüfen lässt, ob etwa die Konditionen für ein bestimmtes Produkt marktgängig sind. Erfasst sind 140 000 Produkte, mehr als 1000 Basiswerte und 14 verschiedene Strukturen. Anleger bekommen, wenn sie von bestimmten Basiswerten ausgehen, Chancen-Risiko-Profile unterschiedlicher Produktetypen.

Angemessene Preise für Berichte

Die Firma FWW-Rating verkauft via die Webseite www.fww-ratings.de ausführliche Einschätzungen, die Ergebnisse der Ratings selber sind kostenfrei. Einzelne Banken ermöglichen Gratis-Downloads, weil sie die Kosten für Endanleger übernehmen. Die Preise (1 bis 10 Euro) für die Berichte sind angemessen, wenn man die möglichen Verluste von Fehlkäufen einkalkuliert. Das Rating besteht in einer Risikostufe und einer Note, die sich auf die drei Kriterien Kosten, Konzept und Kommunikation zusammensetzt. Neben «harten» Informationen wie den Preisen fliessen auch weitere ein, z.B. Klumpenrisiken bei Basiswerten oder Neugewichtungen während der Laufzeit. Die umsonst erhältliche «Zertifikate-Woche» stellt jeweils vier einzelne Produkte kurz vor und bewertet sie. Bis jetzt sind rund 200 Produkte mit unterschiedlichen Basiswerten zugänglich.

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Neu ist die European Derivatives Group (EDG), sie lässt sich, ähnlich wie die grossen Bonitätshüter Standard & Poors oder Moody’s, von den Banken, die ein bestimmtes Produkt bewertet haben möchten, bezahlen. Das auf www.derivatives-group.com veröffentlichte Sterne-Rating stützt sich auf wissenschaftliche Ansätze und verspricht, Zertifikate nicht nur hinsichtlich der Auszahlungsmodalitäten, sondern auch bei den Preisen über die Laufzeit hinweg zu vergleichen. Handelsqualität, Emissionshausprofile, Transparenz und Konstruktionsmerkmale fliessen in die Bewertungen ein.

In der Schweiz gibt es keine derartigen Plattformen. «Solche Ratings helfen zwar den Anlegern im Dschungel der vielen Produkte, aber der Hauptfaktor für einen Erfolg ist immer noch die Anlagestrategie, die sich in einer Markterwartung widerspiegelt und die wiederum zur geeigneten Auswahl eines Produktes führt» sagt Rino Borini, CEO von financialmedia AG in Zürich. Dieses Unternehmen betreibt die Plattform www.investchannel.ch und publiziert das Investmagazin «PUNKT». «Ratings können Anlegern weiterhelfen, aber es kommen weitere Faktoren hinzu wie der Basiswert, was mit den Dividenden geschieht und ob Management-Gebühren erhoben werden», erklärt Borini weiter.

Daniel Manser, Derivateexperte und Geschäftsführer bei Derivative Partners Media in Zürich, hat für sein Unternehmen, das die Monats-Publikation «payoff magazine» herausgibt und mit www.payoff.ch eine anbieterneutrale Webseite unterhält, keine Pläne, ein Derivate-Rating zu lancieren. «Einige wichtige Informationen, welche in die Ratings einfliessen, wie der Spread oder die durchschnittlichen Handelsvolumen, veröffentlichen wir schon jetzt auf der eigenen Webseite, andere wie die Ratings von Emittenten werden im ‹payoff magazine› monatlich publiziert», erklärt Manser.

SVSP begrüsst die Initiative

Und auch der Schweizerische Verband für Strukturierte Produkte SVSP wird keine Ratings entwickeln. «Der SVSP begrüsst grundsätzlich die private Initiative zur Erhebung von Ratings strukturierter Produkte», so Eric Wasescha, Geschäftsführer des SVSP. Der Verband betreibe aber kein Produktmarketing, das sei Sache der einzelnen Emittenten. «Aus diesem Grund ist der SVSP der Meinung, dass es nicht Aufgabe des Verbandes ist, Produkteratings für strukturierte Produkte selber zu erheben oder durch Dritte erheben zu lassen; folgerichtig plant der Verband auch keine entsprechenden Schritte.»

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