Was war für Sie der schlimmste Börsenverlust, den Sie während den Ferien erlitten haben?
Hanspeter Schreiber: Wenig Glück hatte ich dieses Jahr mit einem Multi Barrier Reverse Convertible in Franken auf Apple, Nokia und Blackberry. Der Kurs des strukturierten Produkts brach in meinen Ferien von rund 95 auf knapp 80 Prozent ein. Grund: Blackberry hat infolge eines eher unerwarteten Verlustes im ersten Quartal rund einen Drittel an Wert verloren. Eine unangenehme Situation. Daran ändert auch die Zahlung eines Quartalscoupons von 6,25 Prozent kaum etwas.

Häufig wird geraten, für die Ferienzeit Stop-Loss-Marken zu setzen. Wie macht man das richtig?
Eine ideale Faustregel gibt es leider nicht. Wo man einen Stop-Loss setzt, hängt davon ab, wieviel man riskieren möchte. Dies können 10, 15 oder mehr Prozent sein. Für die Platzierung des Stop-Loss mag eine Chartanalyse hilfreich sein. Man kann einen Stop-Loss unter einer markanten Unterstützungslinie oder einem längerfristigen gleitenden Durchschnitt setzen. Die Werte sind bei vielen Anlagen relativ problemlos zu bestimmen. Schwieriger wird es bei strukturierten Produkten, denn hier hängt der Preis von der Kursentwicklung eines oder mehrerer Basiswerte ab. Es gilt daher, die Basiswerte charttechnisch zu analysieren und das Resultat auf das strukturierte Produkt anzuwenden.

Viele sparen sich die charttechnische Analyse und setzen die Stop-Loss-Marken zum Beispiel einfach 5 Prozent unter dem aktuellen Kurs.
Ich halte nichts von solchen «Standard»-Stop-Loss-Limiten. Eine Limite zum Beispiel generell bei 3, 5 oder 7 Prozent zu setzen, ist zwar eine einfache Variante. Sie berücksichtigt jedoch zu wenig die eigene Risikoneigung, die Volatilität und die aktuelle Marktverfassung.

Damit Stop-Loss-Limiten funktionieren, braucht es einen liquiden Handel. Was passiert, wenn wie bei vielen strukturierten Produkten gar kein täglicher Handel stattfindet und bei heftigen Marktbewegungen nur Geld/Brief-Kurse gestellt werden?
Nichts! An der Schweizer Börse werden Stop-Loss-Limiten erst aktiviert, wenn tatsächlich ein Abschluss auf oder unter der Stop-Loss-Limite stattgefunden hat. Bei Titeln, die längere Zeit nicht gehandelt worden sind, können Geld/Brief-Kurse schon seit geraumer Zeit unter der Stop-Loss-Limite liegen.

Was ist also zu tun?
Ich empfehle, bei unregelmässig gehandelten Titeln einen Stop-Loss zu bestimmen, den Auftrag aber nicht an der Börse zu platzieren. Besser nutzt man die von verschiedenen Online-Anbietern zur Verfügung gestellten Alerts. Man erhält eine SMS oder ein E-Mail, wenn die gesetzte Kurslimite unterschritten wird. Wichtig ist, dass der Alert aufgrund des Geldkurses ausgelöst wird. Und anschliessend muss man natürlich handeln.

Sollte man nicht einfacher strukturierte Produkte vor den Ferien generell verkaufen?
Generell nein, aber gezielt schon. Ich würde primär Positionen verkaufen, die eine intensive Überwachung erfordern. Dazu zähle ich zum Beispiel Optionen, Mini-Futures und Barrier Reverse Convertibles, bei denen der Stop-Loss weniger als 5 Prozent unter dem aktuellen Geldkurs liegt.

Sollte man zum Beispiel bei bereits gut gelaufenen Titeln vorzeitig Gewinne mitnehmen?
Hier ein klares Ja. Was Sie ansprechen, ist das sogenannte Rebalancing. Das bedeutet, dass bei einer Position, auf der man einen Gewinn ausweisen kann, ein Teil verkauft wird. Den Erlös lässt man auf dem Konto liegen. Nach den Ferien kann man dann in Ruhe über eine Wiederanlage entscheiden.

Umgekehrt: Was für Positionen kann ich bedenkenlos auch während einer längeren Sommerpause behalten?
Hier würde ich vor allem Blue-Chip-Aktien erwähnen. Solche erstklassigen Aktien braucht man auch nicht zwingend mit Stop-Loss-Limiten abzusichern. Bei solchen Titel verfolge ich «buy and hold». Auch keinen Handlungsbedarf sehe ich bei kapitalgeschützten Produkten, bei Barrier Reverse Convertibles, deren Basiswerte einen Abstand zur Barriere von 40 bis 50 Prozent aufweisen, und bei Barrier Reverse Convertibles, die nur noch über eine kurze Laufzeit, aber genügend Abstand zur Barriere verfügen.

Was halten Sie davon, «Buy-and-Hold»-Positionen mit Puts abzusichern?
Die Absicherung eines Wertschriftendepots mit Puts oder auch Mini-Futures short erfordert gute Kenntnisse der Funktionsweise dieser Anlagevehikel, und es braucht Erfahrung. Dieses Wissen kann man nicht noch schnell vor den Ferien erarbeiten. Wenn man es somit bisher noch nicht getan hat, dann sollte man es das erste Mal auch nicht kurzfristig für die Ferienabwesenheit tun.

Keine kurzfristige Hektik vor den Ferien also Wie viele Tage oder Wochen vor den Ferien tätigen Sie die letzten Börsentransaktionen?
Wenn es um Verkäufe geht, so können diese unter Umständen auch am letzten Tag vor den Ferien geschehen. Bei Käufen hingegen würde ich von einem Zeitraum von zwei bis drei Wochen sprechen.

Wenn man dann sein Depot bereit für die Ferien gemacht hat: Soll man sein Mobilgerät mit Kursinformations- und Trading-Apps bewusst daheimlassen?
Ich persönlich bin so investiert, dass ich nicht jeden Tag die Börsenkurse verfolgen muss. Somit versuche ich, meine Ferien zu geniessen und das Börsengeschehen auszublenden. Ehrlicherweise muss ich gestehen, dass mir dies nicht immer hundertprozentig gelingt. Ab und zu schau ich mir mal im Teletext oder in einer Zeitung die aktuellen Indexstände an. Aber nur diese!

Was soll man tun, wenn einem im Ausland heftige Börsenkorrekturen erwischen? Soll man aus der Ferne Schadensbegrenzung versuchen?
Es wird wahrscheinlich schwierig werden, unter Palmen Schadensbegrenzung zu betreiben. Denn die Märkte reagieren heutzutage so schnell, dass dies meistens auch dann nicht gelingt, wenn man nicht in den Ferien ist. Mein Tipp: Strukturieren Sie Ihr Wertschriftendepot vor den Ferien so, dass Sie primär risikoreiche Positionen eliminieren.

Wie sieht es dieses Jahr aus? Erwarten Sie einen ruhigen Sommer an den Finanzmärkten?
Geldanlegen ist Sisyphus-Arbeit. Der Depotwert steigt langsam, aber meist stetig. Schlechte Nachrichten lassen dann die Performance relativ schnell einbrechen. Und man beginnt wieder von vorne. Investoren wissen jedoch nie genau, ob sie unten am Berg stehen oder nahe dem Gipfel sind.

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