Seit 25 Jahren arbeitet Stephen Roach bei der New Yorker Investmentbank Morgan Stanley. Lange Zeit leitete er dort das Team von global agierenden Ökonomen. Seit Juni vergangenen Jahres betreut der 63-Jährige als Verantwortlicher für Asien bei Morgan Stanley in Hongkong Kunden, Regierungen und Aufsichtsbehörden in der ganzen Region. Lange bevor die aktuellen Finanzmarktturbulenzen begannen, war Roach schon für seine bearishe Einstellung bekannt. Wie ist seine Einschätzung der gegenwärtigen Krise?

Werden die Preiseinbrüche, die drastischen Einschnitte in der Kreditvergabe und der weit verbreitete Pessimismus zu einer grossen Depression führen?

Stephen Roach: In meiner 35-jährigen Karriere als Ökonom habe ich fünf Rezessionen und zwölf Finanzkrisen mitgemacht. Sie waren alle unterschiedlich. Diese ist noch schlimmer. Aber so heftig wie in den 30er Jahren, das denke ich nicht. Der Vergleich mit historischen Richtwerten ist noch verfrüht.

Wohin, glauben Sie, entwickelt sich die US-Wirtschaft 2009, und welche Folgen hat das für Asien?

Roach: Die USA befinden sich in einer tiefen Rezession, die vor allem von den eingefrorenen Kreditmärkten bestimmt wird. Ich glaube, wenn die Kreditmärkte langsam wieder auftauen, wird die Rezession nicht ganz so schlimm. Dennoch wird sie fast das ganze Jahr 2009 bestimmen und womöglich noch ins Jahr 2010 schwappen. Asien bleibt weiter eine exportbestimmte Wirtschaft, weshalb es aufgrund des nachlassenden Konsums in Amerika Druck spüren wird. Die gute Nachricht ist, dass die Region nicht kollabieren wird wie vor zehn Jahren, aber ein langsameres Wachstum bis ins Jahr 2010 hinein ist wahrscheinlich.

Wann wird der US-Markt die Talsohle erreicht haben?

Roach: Ich denke, dass irgendwann in der zweiten Hälfte 2009 wieder Auftrieb in den amerikanischen Kapitalmarkt kommen wird. Doch die Frage ist, wie lang die Rally anhält, wenn der Markt die Talsohle überwunden hat und es wieder ? und das wird es zweifelsohne ? nach oben geht. Meine Einschätzung ist, dass es im frühen Stadium eine schwache Erholung sein wird. Dieser Umstand verhindert, dass der Aufwärtstrend an den Märkten zu lang und zu stark ausfallen wird.

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