Es ist über 14 Wochen her, dass ein Unternehmen bei einem Börsengang (IPO) in Europa mehr als 100 Mio Dollar eingenommen hat. Das ist die schlimmste Börsengang-Trockenperiode seit 1993. «Während des letzten Abschwungs war es generell noch möglich, einen Deal zu einem bestimmten Preis abzuschliessen», sagt Peter Günthardt, Leiter European Equity bei der Schweizer Grossbank UBS. «Aber in den letzten Monaten konnten Unternehmen zu keinem Preis Aktienkapital einsammeln.» Starteten im 3. Quartal des Vorjahres noch 183 Unternehmen aufs Parkett, waren es 2008 in diesem Zeitraum nur noch 69 Börsengänge. Noch deutlicher sank das Emissionsvolumen: Während vor einem Jahr noch 12,6 Mrd Euro zusammenkamen, brachten die IPO in Europa dieses Jahr gerade mal noch 1,6 Mrd Euro ein.

Sogar Schwellenländer-Börsengänge sind zurückgestellt worden, da den Anlegern offenbar der Appetit auf Risiko fehlt und die Wachstumsaussichten dieser Unternehmen nicht so sicher sind. «Ein Hauptgrund, warum Anleger Unternehmen aus Schwellenländern mochten, war, dass sie an das Wachstum dieser Märkte und an das Steigen der Rohstoffpreise glaubten. Hier kam es zu einer Abkühlung, aber das wird sich wieder ändern», so Günthardt.

Der letzte Börsengang an der London Stock Exchange liegt inzwischen 13 Wochen zurück. An der New York Stock Exchange sind es 11 Wochen, an der Deutschen Börse 18 Wochen und 46 an der russischen.

«Volatilität ist ein Killer»

Obwohl das letzte Listing an der Euronext erst vor sieben Wochen stattfand, hat doch kein Unternehmen, das in den vergangenen zwölf Monaten an die Börse ging, mehr als umgerechnet 100 Mio Dollar eingenommen. Die beispiellos hohe Volatilität der Aktienmärkte hat den IPO-Markt zum Erliegen gebracht.

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Ed Law, Ko-Chef Kapitalmärkte Westeuropa bei der Deutschen Bank, sagt: «Volatilität ist ein wahrer Killer. Es ist sehr schwierig, für einen Deal über zwei Wochen einen Preis festzulegen, wenn die Vergleichswerte im Markt täglich zwischen 5 und 10% schwanken!» Craig Coben, Chef Kapitalmärkte Europa, Mittlerer Osten und Afrika bei Merrill Lynch, meint: «Sogar wenn ein Emittent nicht preissensitiv ist und in der Lage ist, das Geld zusammenzubekommen, um den Deal abzuschliessen, wäre doch sehr davon abzuraten, mit einer Emission fortzufahren, da es auf dem Sekundärmarkt keine Käufer gibt.» Kurz: Der IPO gelingt, dann stürzt der Aktienkurs ab.

Auch falls im nächsten Jahr wieder etwas Stabilität in die Märkte einkehren sollte, erwarten die Banker nur wenige Börsengänge. Die Abwesenheit von kurzfristigen Hedge-Fonds-Käufern schädigt den IPO-Markt ebenfalls. Die Qualität der Unternehmen, die am Ende eines Bullenmarkts an die Börse gingen, war zwar nicht grossartig, aber es gab immer Hedge-Fonds, die die Aktien kurzfristig kauften und dann wieder verkauften», sagt Sam Mahtani vom Fondsmanager F&C. Günthardt schätzt, dass Hedge-Fonds seit der zweiten Hälfte 2004 zwischen 25 und 30% bei einem Börsengang gekauft hätten.

Eine andere Implikation der Kreditkrise wird eine Erhöhung der Kosten für das Einsammeln von Aktienkapital sein, da Anleger für das höhere Investmentrisiko eine höhere Rendite erwarten werden.