Herr Cecchetti, die Banken melden hohe Gewinne, die Boni sprudeln wieder. Ist die Krise überstanden?

Stephen Cecchetti: Es ist schön, dass es den meisten Banken wieder gut geht. Das gibt ihnen die Möglichkeit, ihre Kapitalposition aufzubauen. Aber zu sagen, wir hätten alles hinter uns, dafür ist es zu früh. Es gilt immer noch, eine stabile Grundlage aufzubauen, auf der wir weitergehen können. Dazu gehören Verbesserungen im regulatorischen Bereich und die Reaktionen des Finanzsystems darauf. Die Gewinne sind eine Sache, jetzt geht es darum, dass die Banken ihre Kapitalbasis stärken.

Man hat den Eindruck, dass die Gewinne eher als Boni in die Taschen der Banker fliessen als in den Aufbau des Kapitals.

Cecchetti: Generell sind die Boni zurückgegangen. Die Dividenden, die an die Aktionäre ausgeschüttet werden, sind auch viel tiefer als vor der Krise. Die relativ hohen Gewinne werden also zu einem guten Teil zurückbehalten, um die Kapitalbasis zu stärken. Aber klar: Wir wissen heute noch nicht sicher, wie rasch die Banken die geforderten Kapitalniveaus erreichen.

Die Banken haben Zeit bis 2018, um die neuen Regeln nach Basel III zu erfüllen. Wo stehen wir heute in diesem Prozess?

Cecchetti: Angesichts der kurzen Zeit, die zur Verfügung stand, haben wir sehr rasch eine internationale Einigung über die neuen Regeln erzielt. Das war sicher ein grosser Erfolg. Jetzt müssen wir das umsetzen, die Staaten müssen die Regelungen in die nationalen Gesetze übernehmen, und wir müssen noch einige Details etwa zu den Liquiditätsanforderungen klären. Aber im Grossen und Ganzen sind wir zufrieden.

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Die Beratungsfirma Oliver Wyman sieht die nächste Krise schon im Jahr 2015.

Cecchetti: Ich glaube nicht, dass es so kommt. Ich glaube, das können wir verhindern. Wymans Szenario geht davon aus, dass die neuen Kapitalanforderungen für Banken eingeführt werden, aber die riskanten Aktivitäten sich ausserhalb des regulierten Systems ansiedeln. Wir müssen die Regulierung so wasserdicht zumachen, dass nichts durchsickert.

Ist die Übergangsregelung bis 2018 nicht viel zu lang?

Cecchetti: Nein, da mache ich mir keine Sorgen. Erstens sind die Anforderungen wirklich sehr streng. Sie sind etwa sieben Mal höher als vorher. Wir verlangen ja nicht nur eine höhere Eigenkapitalquote, also mehr Eigenkapital im Verhältnis zu den risikogewichteten Aktiven. Wir verschärfen gleichzeitig auch die Definition, was als Eigenkapital zählt und wie die risikogewichteten Aktiven zu berechnen sind. All das zusammengenommen bedeutet: Wo vorher eine Kapitalquote von 1 Prozent gefordert war, verlangen wir nun eine Quote von 7 Prozent. Zweitens haben viele Banken längst damit angefangen, Kapital aufzubauen. Wir erwarten, dass die Banken schneller vorwärtsmachen und nicht bis 2018 warten, um die Anforderungen zu erfüllen. Und die meisten werden sich nicht mit den Minimalanforderungen begnügen. Zum Beispiel die Schweiz will ja höhere Anforderungen durchsetzen.

Da gibt es aber starke Opposition.

Cecchetti: Wir werden sehen. Unsere Erfahrung ist, dass die Banker selbst ein Interesse an einem stabilen und sicheren Finanzsystem haben.

Deutsche-Bank-Chef Joe Ackermann warnt davor, dass die höheren Anforderungen in der Schweiz andere Länder unter Druck setzen würden.

Cecchetti: Das ist realistisch. Niemand will das nächste Island sein.

Jetzt, wo das Gröbste überstanden ist, könnten sich einzelne Länder mit largeren Regeln Vorteile zu schaffen versuchen. Wird es ein «Race to the bottom» geben?

Cecchetti: Nein, es wird ein «Race to the top» geben. Kein Land wird die Minimalstandards unterbieten. Aber es wird einige geben, welche sie übertreffen. Länder, die jetzt nicht von der Finanzkrise betroffen waren, hatten schon vorher weit höhere Standards. Zum Beispiel in Lateinamerika und Asien, die in den 1990er-Jahren eine Bankenkrise durchlitten hatten. Sie haben ihre Lektion viel früher gelernt. Es kommt sicher auch darauf an, welches Gewicht der Bankensektor hat. In den USA macht die Bilanzsumme aller Geschäftsbanken zusammen vielleicht 80 Prozent des Bruttoinlandprodukts aus, in Island war die Bilanzsumme der Banken acht Mal so gross, in der Schweiz ungefähr fünf Mal. Diese Grössenverhältnisse müssen die nationalen Behörden berücksichtigen.

Genügt Basel III?

Cecchetti: Das ist ein lebendiger Prozess. Wir sollten nicht glauben, dass wir die endgültige Lösung gefunden haben. Das Finanzsystem entwickelt sich, es passt sich den Regelungen an. Es gibt Innovationen, manche sind zum Wohle der Volkswirtschaft, andere können schädlich sein. Die Regulatoren befinden sich in einer Art Wettrüsten mit dem Finanzsystem. Wie Spione beobachten wir, was sich im Finanzsektor tut, und der Finanzsektor schaut, was wir machen. Das ist gut so.

Banker warnen, dass wegen der Regulierung riskante Geschäfte in das Schattenbankensystem, in Hedgefonds, gehen.

Cecchetti: Das macht mir sehr viel weniger Angst. Wenn man die Banken sicherer macht, reduziert sich das Risiko in der Volkswirtschaft. Selbst wenn ein Teil dieser Aktivitäten in die Hedgefonds abwandert: Hedgefonds haben nicht das gleiche Anreizproblem wie die Banken, und sie arbeiten mit viel weniger Leverage, sind also weniger stark fremdfinanziert.

Warum?

Cecchetti: Bei den US-Banken sind die Aktiven zehn oder zwölf Mal so hoch wie das Eigenkapital. Bei den meisten europäischen Banken betrug das Verhältnis 30 bis 60 zu 1, heute liegt es eher am unteren Rand dieser Bandbreite. Bei Hedgefonds beträgt das Verhältnis nur 2 bis 4 zu 1. Aber entscheidend ist, dass die Manager der Hedgefonds mit ihrem eigenen Vermögen investiert sind. Dann wird sich der Manager ganz anders verhalten. Die Hedgefonds sind auch nicht direkt verbunden mit den Banken, wie das deren Aussenbilanz-Vehikel vor der Krise waren. Insgesamt sinkt das Risiko im System.

Dann sind die Warnungen vor der Verschiebung der Risiken ein Vorwand?

Cecchetti: Eigentlich ist die Reaktion der Banken ganz natürlich. Sie möchten einfach weiter das tun, was in der Vergangenheit für sie gut funktioniert hat. Aber aus volkswirtschaftlicher und sozialer Sicht musste sich etwas ändern. Unser Job ist es, sicherzustellen, dass sich etwas ändert.

Sie haben auf die Risiken durch Derivative hingewiesen und eine Registrierungspflicht gefordert, wie bei Medikamenten.

Cecchetti: Manchmal gewinnen Sie, manchmal verlieren Sie. Wir haben die nationalen Behörden immerhin motivieren können, verstärkt in Richtung zentrale Clearingstellen für Derivate zu gehen. Ich habe eine Registrierung vorgeschlagen.

... Banker werden Sie dafür hassen ...

Cecchetti: Ich hoffe nicht. Es ist ja nichts Persönliches.