Die Stärke der Verwerfungen an den Finanzmärkten hat selbst Spitzenökonomen überrascht. Entsprechend vorsichtig sind sie nun, einen Termin für das Ende der Krise vorauszusagen. Mit einer Trendwende rechnen sie aber frühestens im 2. Halbjahr 2009, wenn nicht gar später. «Die jetzige Rezession wird heftiger ausfallen als alle anderen Abschwünge seit dem Zweiten Weltkrieg. Ich erwarte nach einem grausamen nächsten Jahr für 2010 zumindest eine wirtschaftliche Stagnation», sagt Robert Solow, der für seine Forschung über Mechanismen des Wirtschaftswachstums 1987 ausgezeichnet wurde.

2009 wird Klärung bringen

Ein ähnlich düsteres Szenario entwirft Georg Akerlof, Laureat von 2002. «Wir können froh sein, wenn wir 2010 durch sind.» Die negative Psychologie von Konsumenten und Unternehmern müsse erst durchbrochen werden. Nach einer langen Phase des sorglosen Wachstums wird dies grösserer Anstrengungen von Regierungen und Notenbanken bedürfen. «Vertrauen kann schnell zerstört werden, es aufzubauen, ist dagegen ein langwieriger Prozess.» Preisträger Michal Spence hat einen Trost parat. «Mitte 2009 werden wir zumindest Klarheit darüber haben, wie es mit der Krise weitergeht.» Bemerkenswert ist dabei, dass die Nobelpreisträger aller Couleur dem Staat eine Hauptrolle bei der Bewältigung der Krise einräumen.

«Die Regierungen müssen jetzt völlig ideologiefrei rasch Konjunkturprogramme auflegen», sagt Solow. «Die Erfahrung zeigt, dass man aus einem Abschwung umso schwieriger herauskommt, je länger er dauert. Denn dann haben sich die negativen Erwartungen der Akteure erst einmal verfestigt.» Damit die Ausgabenprogramme wirken, müssen die Staaten nach Ansicht der Experten zwischen 3 und 5% der jährlichen Wirtschaftsleistung nun zusätzlich investieren. Einhellig fordern die Nobelpreisträger eine Neubewertung der Anlagerisiken. Das mit zahlreichen Nobelpreisen geehrte Konzept der Risikostreuung (Diversifikation) sei durch die jüngste Krise diskreditiert worden. «Wenn sämtliche Anlageklassen miteinander korrelieren und sich somit der Airbag Diversifikation nicht mehr auslöst, wenn es an den Märkten kracht, brauchen wir ein neues Modell», sagt Spence.

Anzeige

Künftig müssen wir uns stärker um die Absicherung von Aktien im Portefeuille kümmern. Auch Akerlof hält die klassische Risikostreuung nach Markowitz für überholt. Wenn alle Marktakteure das gleiche Modell benutzten und dann gleichzeitig aus den Märkten flüchten, kann das System nicht funktionieren. In Zukunft müssten Investoren einen grösseren Teil ihres Geldes in sicheren Investments wie Staatsanleihen anlegen. Akerlof rät Anlegern zu einem kritischen Umgang mit Bankern. «Wenn der Berater ein Wunderprodukt anpreist, sollte man auf dem Absatz kehrt machen.»

Auch kluge Köpfe verloren Geld

Es mag ein schwacher Trost sein, wenn auch die klügsten Köpfe in der Krise Geld verloren haben. «Mein Sparplan hat dramatisch an Wert eingebüsst», gesteht Solow. Er hat einmal mehr feststellen müssen, dass einzelne Anleger die Märkte nicht schlagen können.

Diese Weisheit beherzigt Akerlof schon länger. «Ich habe mein Geld in Indexfonds, weil ich weiss, dass ich nicht besser als der Markt bin. Bin aber mit den Indizes in die Tiefe gerauscht.» Auch Spence hat Verluste zu beklagen. «Ich habe zuletzt einen Teil meiner Hedge-Fonds verkauft, sonst aber nichts verändert. Wenn selbst Geldmarktfonds kippen, gibt es wenig Plätze, wo das Geld sicher ist.»

Auch wenn sämtliche Spitzenökonomen die scharfen Kursverluste für übertrieben halten, will noch keiner zum grossen Einstieg trommeln. «Klar haben sich die Kurse weit von ihren fundamentalen Werten abgekoppelt. Vor einem Einstieg würde ich aber erst einmal eine Beruhigung abwarten», sagt Spence.

«Müssen uns in Demut üben»

Tatsächlich hadern einige Spitzenökonomen mit ihrer Zunft. Schliesslich hat niemand die Krise auch nur annähernd vorausgesehen, sodass sich selbst die englische Queen jüngst bei einem Besuch der renommierten London School of Economics nach einem Grund für das Versagen erkundigte. «Wir Ökonomen müssen uns stärker in Demut üben», räumt Spence ein. «Das Gedankengut der letzten 25 Jahre ist obsolet geworden.»

Auch Akerlof geht mit der eigenen Zunft hart ins Gericht. «Das Standardmodell der vergangenen 20 bis 30 Jahre hat komplett versagt. Anders als es die Wissenschaft seit Jahrzehnten predigt, führen freie und möglichst wenig regulierte Märkte nicht zum grössten Wohlstand für alle, sondern können die Welt ins Chaos stürzen. Nonchalant geht Solow mit der Fehlbarkeit der eigenen Wissenschaft um. «Ökonomen sind keine guten Prognostiker. Aber Vorhersagen gehören auch nicht wirklich zum Geschäft der Zunft.»

Scherzhaft relativiert Akerlof aber auch: «Sie rufen ja erst den Spengler, wenn das Rohr kaputt ist und machen keinen Termin schon ein Jahr im Voraus.»