Die Idee einer Weissgeld-Strategie für die Schweiz findet immer mehr Anhänger. Sind die Tage des Bankkundengeheimnisses in Sachen Steuern endgültig gezählt?

Siegfried Peyer: Das letzte Wort ist in der Sache sicher noch nicht gesprochen. Aber so, wie das Bankkundengeheimnis in der Vergangenheit angewandt worden ist, wird dies nicht mehr möglich sein. Wie die Zukunft aussehen wird, darüber lässt sich heute nur spekulieren.

Spekulieren Sie! Was sind die Folgen für den Finanzplatz Schweiz, wenn das fiskalische Bankkundengeheimnis fällt?

Peyer: Ich hoffe, dass wir in der Schweiz auch künftig die Privatsphäre der Kunden wahren. Das wird aber wesentlich vom Arrangement mit der EU und möglichen Doppelbesteuerungsabkommen mit anderen Ländern abhängen. Zudem glaube ich, dass ausländische Kunden sich nicht nur wegen des Bankkundengeheimnisses für den Finanzplatz Schweiz entschieden haben, sondern auch wegen der politischen und wirtschaftlichen Stabilität, des Service und der Verlässlichkeit ?

? doch Verlässlichkeit ist nicht gerade das, was die Schweiz heute im Umgang mit dem Bankgeheimnis demonstriert.

Peyer: Das Image des Schweizer Bankenplatzes hat zweifelsohne einige Kratzer abgekriegt. Eben auch, weil keine klare Strategie nach aussen hin ersichtlich ist und weil teil Massnahmen ergriffen worden sind, an deren Rechtsstaatlichkeit zu zweifeln ist.

Kommen die Banken denn mit den paar Kratzern im Image davon?

Peyer: Wenn wir davon ausgehen, dass aufgrund des Steuerstreits Gelder abfliessen, dann ist heute schon der Zwang zur Veränderung da. Wenn der Kuchen kleiner wird, steigt der Konsolidierungsdruck, und auch der Druck auf die Margen dürfte anhalten. Damit ist klar, dass in den kommenden Jahren das Umfeld noch stärker von Konkurrenz geprägt sein wird.

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Rund zwei Drittel des Geschäfts von Hyposwiss entfällt auf Offshore-Kunden. Da muss Ihnen ein solches Zukunfts-szenario doch Sorgen machen?

Peyer: Unsere wichtigsten Regionen, Lateinamerika sowie Osteuropa inklusive der ehemaligen Sowjetunion, sind nicht von der Steuerthematik betroffen. Doch auch dort kann der Druck langfristig steigen.

Weshalb kommen diese Kunden denn zu Hyposwiss?

Peyer: Bei den lateinamerikanischen Kunden stehen Steuerfragen überhaupt nicht im Vordergrund, sondern die Gefahr von Enteignungen, der Gefährdung von Leib und Leben und generell die instabile politische Lage. Die Stabilität der Schweiz spielt für Kunden aus Russland ebenfalls eine wichtige Rolle. In vielen osteuropäischen Staaten ist die Besteuerung tiefer als in der Schweiz. Steuervermeidung ist also kein Beweggrund.

Aber auch die Hyposwiss verwaltet undeklarierte Vermögen?

Peyer: In letzter Konsequenz können Sie nicht klären, ob der Kunde sein Vermögen versteuert - wie wollen Sie dies nachprüfen? Darum ist meiner Meinung nach die Forderung nach einer Weissgeld-Strategie noch nicht die letzte Weisheit, da die Umsetzung schwierig ist.

Die ZKB etwa fragt bei Neukunden nach, ob die Gelder korrekt versteuert wurden. Dies ist bei der St. Galler Kantonalbank (SGKB), dem Mutterhaus der Hyposwiss, aber weiterhin nicht Usus.

Peyer: Es bestehen klare Verhaltensweisen im gesamten Konzern. Wir sind von Gesetzes wegen bis dato nicht verpflichtet, nachzufragen, da Steuernzahlen in die Verantwortung des Individuums fällt. Wir weisen unsere Kunden aber auf die Pflicht zur Versteuerung ihrer Gelder hin.

Gibt es denn bestehende Kunden, die freiwillig unversteuerte Gelder offenlegen?

Peyer: Wir hatten etliche Kunden, hauptsächlich aus dem europäischen Raum, die diesen Schritt nun unternommen haben - um etwa Amnestien zu nutzen. Ich könnte mir vorstellen, dass sich noch mehr Kunden melden.

Sie rechnen also mit mehr Abflüssen und steigendem Druck auf das Offshore- Geschäft. Verstärken Sie Ihre Bemühungen jetzt onshore bei den Schweizer Kunden?

Peyer: Alle Privatbanken haben das Schweizer Geschäft wieder entdeckt. Natürlich wollen auch wir im Heimmarkt wachsen. Wir versuchen dies über Produkte zu erreichen, die besser sind als das, was die Konkurrenz zu bieten hat. Auch unser Service wird geschätzt.

Ziehen Sie auch ein Wachstum über neue Niederlassungen und Filialen in Betracht?

Peyer: Der Konsolidierungsprozess läuft im Schweizer Private Banking, und wir möchten hier - immer in unserem finanziellen Rahmen - mittun. Derzeit sehen wir aber nichts, was zu uns passen würde. Organisches Wachstum und der Aufbau neuer Standorte sind auch ein Thema, aber andere Privatbanken sind hier ebenfalls mit Hochdruck unterwegs.

Kommen Sie zu spät?

Peyer: Nein, das glaube ich nicht. In unserem Geschäft ist die Qualität der Leute und der Beratung entscheidend. Aber es wird nicht einfach.

Auch sonst sind Hyposwiss Zürich und Genf gefordert: Das Kommissionsgeschäft des Konzerns SGKB hat 2009 gelitten, trotz der Erholung an den Börsen. Ist hier Besserung in Sicht?

Peyer: Das 1.Quartal 2010 ist nach wie vor schwierig, die tiefen Zinsen belasten die Erträge. Dieses Jahr wird für die ganze Branche ein schwieriges sein - einiges hängt davon ab, wie sich die Börse entwickelt.

Mit der schwierigen Börsenlage sind auch die Erträge gefallen - geht die Margen- erosion weiter?

Peyer: Die Marge wird nicht mehr weiter erodieren. Aber sie wird auch nicht mehr so schnell das Niveau von vor der Krise erreichen. Wir versuchen, Gegensteuer zu geben, indem wir einen Teil unseres Back-Office ans Mutterhaus ausgelagert haben und noch mehr auf die Kosten achten. Aber letztlich müssen wir uns mittelfristig im Vergleich zu vor der Finanzkrise auf ein tieferes Ertragsniveau einstellen.

Und mit höheren Volumen ausgleichen konnten Sie die Marge bisher auch nicht: Bei Hyposwiss betrug der Abfluss an Kundengeldern 2009 rund 442 Mio Fr.

Peyer: Osteuropäische Kunden haben im Zuge der Krise 2009 grosse Summen bei uns abgezogen, um ihre Firmen zu stützen. Wir stellen jetzt aber keine grossen Abflüsse mehr fest. Im Gegenteil, wir sehen sogar Anzeichen, dass diese Mittel wieder zurückkommen. Wir nutzen unser breites Beziehungsnetz in Lateinamerika und Osteuropa, das uns Gelder zuführt, während wir in der Schweiz enge Kontakte mit Anwaltskanzleien pflegen.

Das gilt für die Hyposwiss Zürich - aber wie sieht es bei der Hyposwiss Genf aus, die sich auf die Verwaltung von Funds of Hedge Funds spezialisiert hat?

Peyer: Das Interesse an Hedge-Fonds nimmt wieder zu, es fliessen Neugelder, und die Pipeline sieht gut aus.

Fonds der Hyposwiss Genf waren in den Madoff-Betrugsfall verwickelt. Ist diese Scharte inzwischen ausgewetzt?

Peyer: Die rechtlichen Aspekte sind inzwischen aufgearbeitet. Wir erwarten keine Forderungen mehr.

Hyposwiss Genf und Hyposwiss Zürich werden seit Jahresbeginn unter dem Dach der Hyposwiss Holding zusammengefasst. Wo greift die Zusammenarbeit schon?

Peyer: Wir haben eine gemeinsame Anlagepolitik, und es gibt Dinge, die wir gemeinsam besser anpacken können: So planen wir eine Marketing-Kampagne für die Hyposwiss Privatbanken am Schweizer Markt in der 2. Jahreshälfte sowie eine neue Internet-Plattform. Die Einheiten bleiben aber betrieblich unabhängig.

Wie können Sie von der neuen SGKB-Tochter in München profitieren?

Peyer: Wir haben ein Freistellungsgesuch gestellt, damit wir unsere Dienstleistungen über die SGKB Deutschland auch jenseits der Grenze anbieten können. Die Genehmigung steht noch aus - es würde mich aber sehr erstaunen, wenn wir länger als bis Mitte Jahr warten müssten.