Je höher man steigt, desto stärker schmerzt die Bruchlandung. Kaum ein Unternehmen weiss das besser als Clariant. Die Aktien des in Muttenz ansässigen Spezialchemiekonzerns wurden einst für über 90 Fr. gehandelt das war im Juni 1998. Seitdem ging der Kurs stetig bergab. Im März 2009 notierten die Clariant-Namen bei weniger als 4 Fr.

«Clariant hat zu spät auf die strukturellen Veränderungen in der Branche reagiert», erklärt Patrick Rafaisz, Analyst bei Vontobel. Der Spezialchemiker war über Jahre nicht «speziell» genug: Das Produktportefeuille enthielt zu viele Standardstoffe, welche die Konkurrenz dank Skaleneffekten oder einem attraktiveren Produktionsstandort wie China kostengünstiger herstellen konnte.

Clariant hat reagiert: Der Chemiekonzern hat sich von zahlreichen Geschäftsfeldern getrennt, der Mitarbeiterbestand ist um über ein Drittel zurückgegangen. Das Geschäft mit Textilchemikalien wird innerhalb von drei Jahren nach Asien verlegt, während Papierchemikalien nur noch in Spanien produziert werden. «Für die beiden Geschäftsbereiche ist das die letzte Chance», schätzt Rafaisz. Bewähren sie sich nicht, würde Clariant sie abstossen, vermutet der Analyst.

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Keine Übernahmekandidatin

Mit überraschenden Neuigkeiten seitens Clariant rechnen Experten bis Jahresende nicht. Rafaisz glaubt, dass mittlerweile rund die Hälfte der angekündigten Massnahmen umgesetzt sind. Bis Dezember sollte die Restrukturierung zu 80% abgeschlossen sein. Deshalb werden auch die Restrukturierungskosten, die nach Konzernangaben zwischen 200 und 300 Mio Fr. betragen werden, in diesem Jahr verbucht und entsprechend den Gewinn belasten.

Aufgrund der weltweiten Erholung der Nachfrage rechnen Analysten von Helvea damit, dass Clariant 2010 rund 4 bis 6% wachsen wird. Und auch die stark gebeutelte Ebit-Marge dürfte sich wieder dem Industriedurchschnitt von 9% annähern, vor allem dank der Konzentration auf hochmargige Spezialchemie für Industrie und Konsumenten, die Erdölindustrie sowie Kunststoffadditive.

Den Gerüchten, Clariant würde nach beendetem Turnaround von einem grösseren Player geschluckt, will Rafaisz nicht glauben. «Der Akquisitionshunger der Branche ist für einige Jahre gestillt», sagt er. Die als Käuferin gehandelte deutsche BASF sei noch immer am Verdauen der Basler Ciba. Ausserdem wäre die Fusion aufgrund der Grösse von BASF mit Auflagen verbunden.

Als potenzielle Käuferin kommt zurzeit einzig die belgische Solvay in Frage. Der Verkauf der Pharma-sparte an Abbott hat Geld in die Kassen gespült, mit dem Solvay ihr Spezialchemie-Geschäft verstärken will.

Seit ihrem Tiefststand vom März 2009 hat sich der Kurs der risikoreichen «Turnaround-Aktie» von Clariant auf 15 Fr. rund vervierfacht. Den Anlegern hat das Papier binnen Jahresfrist eine Rendite von über 160% beschert. Dennoch glaubt Rafaisz, dass die Clariant-Aktie nach wie vor günstig bewertet ist. Zu Kursbewegungen dürfte es am 29. April kommen: Dann veröffentlicht Clariant ihre Zahlen fürs 1. Quartal 2010.

BASF erwartet höheren Gewinn

In der Chemiebranche ist einzig Rhodia mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 9,1 auf Basis der Gewinnschätzung für 2011 günstiger bewertet als Clariant (KGV 10). Der französische Chemiekonzern gilt ebenfalls als Turnaround-Fall. «Kaufen» sagen Analysten der Credit Suisse. Auch der Aktie der BASF bescheinigen sie Aufwärtspotenzial. Die führende Chemiefirma dürfte dank höheren Absatzmengen und Kostensynergien aus der Fusion mit Ciba 2010 einen signifikant gesteigerten operativen Gewinn ausweisen.