So schnell kann es gehen: Noch vor wenigen Wochen war Öl mit mehr als 145 Dollar je Barrel so teuer wie nie zuvor. Weltweit ärgerten sich Autofahrer und Haushalte über die hohen Energiekosten, sorgten sich Ökonomen und Politiker über die Folgen für die Konjunktur. Nicht auszuschliessen aber ist, dass die Stimmung bald wieder dreht.

Denn der Ölpreis fällt. Seit Mitte Juli hat er 14% eingebüsst, davon allein 6% in der letzten Woche so viel wie nie seit dem Jahr 2004. Inzwischen notiert der Preis für 1-Monats-Future-Kontrakte auf Öl unter 125 Dollar je Barrel.

Amerikaner bleiben zuhause

Trotzdem ist keineswegs Entwarnung angesagt. Denn im Grunde tritt gerade ein, was Experten seit Langem vorausgesagt haben: Je stärker und je schneller sich Öl als zentraler Schmierstoff der Weltwirtschaft verteuert, desto schneller und stärker belastet das in der Regel auch die Konjunktur. Zwar hat diese lange Zeit dank der immensen Nachfrage aus Schwellenländern wie China oder Indien relativ robust auf den Preisanstieg reagiert.

Mittlerweile gibt es aber doch deutliche Warnsignale, insbesondere aus den USA. Die Vereinigten Staaten sind mit 24% der weltweiten Nachfrage nach Erdöl das wichtigste Verbraucherland. Kühlt sich die Wirtschaft spürbar ab, sinkt auch die Nachfrage nach dem teuren Rohstoff, zumal ab einem gewissen Preis die Haushalte ih-ren Verbrauch spürbar drosseln. Von einer «Zerstörung der Nachfrage» spricht Edward Morse, ein Ölexperte der US-Investmentbank Lehman Brothers. Vor allem in den USA liess die Nachfrage nach Öl und Benzin zuletzt deutlich nach. «Die Amerikaner fahren nicht nur weniger, sie nutzen auch energieeffizientere Autos», sagt Morse.

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Ähnlich sieht es in anderen Industriestaaten aus. Und selbst für China rechnen Experten damit, dass sich die Nachfrage langsam abschwächt.

Die Internationale Energieagentur (IEA) erwartet daher, dass die weltweite Ölnachfrage in diesem Jahr um weniger als eine Mio Barrel auf 86,85 Mio Barrel pro Tag steigen wird; damit fiele der Zuwachs nur halb so gross aus, wie noch im Januar erwartet.

Auf viele Finanzinvestoren, die bisher kräftig am steigenden Ölpreis verdient haben, wirkt das reichlich abschreckend. Viele von ihnen ziehen sich zusehends aus dem Markt zurück.

Transportbranche ausgebremst

Dennoch ist kaum zu befürchten, dass die Förderländer ihre Produktion drosseln, um den Ölpreis wieder nach oben zu treiben. Denn ein zu hoher Preis ist auch nicht in ihrem Interesse, weil das den Anreiz der Verbraucherländer erhöht, nach Alternativen zum Öl zu suchen. Das würde dem Ölpreis langfristig noch viel mehr schaden.Derweil trifft das immer noch hohe Niveau der Ölpreise auch die Unternehmungen hart. Nicht nur in der Schweiz, wo die Spediteure nun dem Bundesrat Zugeständnisse bei der Schwerverkehrsbesteuerung abzuringen suchen, sondern auch in Europa: So könnten allein in Deutschland hochgerechnet 50000 mittelständische Firmen ins Wanken geraten. Die deutsche Industrie befürchtet angesichts der Einbussen beim Wirtschaftswachstum inzwischen den Verlust tausender Arbeitsplätze.

«Preise generell unter Druck»

Besonders schwer betroffen ist die Verkehrsbranche, wie die Befragung der Wirtschaftsauskunftei Creditreform ergab. Allein bei den Spediteuren droht wegen der Mehrbelastung 3000 Firmen die Insolvenz. Dies wären vier Mal mehr als im vergangenen Jahr.

Auch aus anderen Branchen, gerade aus der Luftfahrt, heisst es, der harte Wettbewerb erlaube es kaum, die höheren Energiepreise an die Kundschaft durchzureichen. «Auf der Langstrecke holen wir etwa ein Drittel unserer Mehrkosten wieder rein. Doch innerhalb Europas ist dies nur in geringerem Ausmass oder gar nicht möglich. Hier sind die Preise generell bereits stark unter Druck», sagte Swiss-Chef Christoph Franz.

Die Kerosinpreise sind im reinen Fluggeschäft inzwischen der grösste Kostenfaktor vieler Fluggesellschaften.