Das Kursfeuerwerk macht den freien Fall an den Aktienmärkten schon fast wieder vergessen. Nach den verschiedenen angekündigten Rettungspaketen rund um den Globus ist die Erleichterung an den Börsen spürbar. «Man darf sich aber keiner Illusion hingeben», sagt Aquila-Chefökonom Martin Hüfner. «Auch bei diesen Massnahmen liegen die Probleme in der praktischen Durchführung.» So sind die genauen Details und die Folgen der Massnahmen noch unklar (siehe Kasten).

Die Aktionen der Regierungen, Behörden und Notenbanken haben aber eine starke Botschaft an die Finanzmärkte gesandt. Es wurde signalisiert, dass der Staat alles in seiner Macht Stehende tut, um das Finanzsystem zu retten. «Die Stimmung dürfte sich kurzfristig aufhellen, mit einer längeren Erholung an den Börsen ist aber nicht zu rechnen», sagt Maximilian Münch, Leiter Aktien Schweiz bei der UBS.

Weitere Zinssenkungen

Denn entscheidend wird sein, ob die Aktionen innert nützlicher Zeit greifen, die Abwärtsspirale nachhaltig durchbrochen werden kann und sich an den Finanzmärkten langsam wieder neues Vertrauen bildet. Für Roger Kunz, Head Investment Strategy von Clariden Leu, reicht der gemeinsame Plan zur Stabilisierung nicht aus. Je länger die Geld- und Kreditmärkte eingefroren bleiben, desto stärker schränken die Banken ihre Kreditvergabe an Unternehmen ein. «Wir rechnen mit einer milden globalen Rezession, jedoch nicht mit einer Depression», sagt Kunz. Deshalb müssten die Zinsen in Europa um 1 weiteres Prozent gesenkt werden. Die Erwartung einer weltweiten Rezession wird in den aktuellen Aktienkursen bereits vorweggenommen.

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Andererseits sind die Schätzungen für die zukünftigen Gewinne der Unternehmen noch immer zu hoch. Auch wenn sich in dieser extrem volatilen Börsenlage kurzfristige Trading-Möglichkeiten ergeben, mahnen Aktienexperten weiterhin zur Vorsicht. Laut den Analysten von Morgan Stanley kann frühestens im nächsten Sommer mit einem Bullenmarkt gerechnet werden. Angesichts der erwarteten Reduktion der Gewinnschätzungen, des anhaltenden Einbruchs der amerikanischen Häuserpreise und der Bilanzprobleme der Banken seien die Risiken nach wie vor zu hoch.

Gesundheit und Telekom

«Sicherheit und defensive Ausrichtung sind das oberste Gebot», sagt auch Kunz von Clariden Leu. Er empfiehlt deshalb die Sektoren Gesundheit und Telecom. Auch Münch von der UBS setzt angesichts der drastisch steigenden Finanzierungskosten und der sich abschwächenden Wirtschaft auf Qualitätstitel. Der Aktienstratege rät vor allem zu defensiven Pharmawerten wie Roche und Novartis. Zudem setzt er auf solid finanzierte Unternehmen, die zuletzt vom Aktienmarkt stark abgestraft wurden. «Bei Swatch und Richemont wurde in den Kursen bereits sehr viel Negatives vorweggenommen.» Dies gelte auch für ABB oder Givaudan.

 

 


Der Patient Finanzsystem ist noch nicht über den Berg

W ir sind an einer Weggabelung, von einer leichten Rezession bis zu einem Kollaps des Finanzsystems ist nach wie vor alles möglich», sagt Jan Amrit Poser, Chefökonom der Bank Sarasin. Auch wenn der Systemkollaps unwahrscheinlich geworden sei, bleibe die Lage prekär. Die Geld- und Kreditmärkte sind noch immer angespannt. «Das grösste Risiko ist, dass die Aktion nicht richtig greift und die Kreditmärkte eingefroren bleiben», so Poser.

Wahrscheinlich sei aber das Vertrauen bisher nicht an die Geldmärkte zurückgekehrt, weil die angekündigten Massnahmen noch nicht umgesetzt wurden. Ähnlich sieht dies Hüfner, Chefökonom von Aquila: «Die Banken werden einander erst wieder Geld ausleihen, wenn die Garantien für die Bankenkredite auch tatsächlich gesprochen wurden.»

Mit den Bürgschaften soll das gegenseitige Vertrauen der Banken wieder hergestellt werden. Hüfner ist zuversichtlich, dass dies auch gelingt und sich damit der Stau am Interbankenmarkt auflösen wird.

Für die Schweizer Grossbanken könnte dies allerdings nachteilig sein: «Wenn die Kredite zwischen den Banken im Euroraum garantiert sind, ist dies für die kurzfristige Finanzierung von UBS und CS eher ein Nachteil, weil die beiden Grossbanken keine solchen Garantien bieten können», sagt Martin Janssen, Professor am Institut für schweizerisches Bankwesen der Universität Zürich.

Zum konzertierten Massnahmenpaket der Regierungen gehört auch, dass Staaten den notleidenden Banken mit frischem Eigenkapital unter die Arme greifen. Dabei besteht allerdings die Gefahr, dass die Institute von der staatlichen Kapitalbeteiligung gar keinen Gebrauch machen. «Sie wollen sich am Markt kein Stigma einhandeln», sagt Hüfner. Wenn sich der Staat beteiligt, werden zum Beispiel die Anteile der bestehenden Aktionäre verwässert.

Konrad Hummler, geschäftsführender Teilhaber der Bank Wegelin, weist in seinem Anlagekommentar auch auf allfällige konjunkturelle Auswirkungen der Staatsinterventionen hin: «Alles, was jetzt zur Strukturerhaltung im Finanzsystem unnötigerweise ausgegeben wird, wird als Wachstumsbremse die sich ankündigende Rezession verlängern.» (ng)