Angesichts der Turbulenzen an den Aktienmärkten suchen die Anleger Sicherheit. «Im Moment findet eine Flucht in defensive Titel statt», sagt Beatrice Kunz, Analystin von Clariden Leu. Davon dürften Roche und Novartis in den nächsten Wochen und Monaten profitieren.

Allerdings sind die defensiven Qualitäten der Pharmaaktien heute längst nicht mehr so ausgeprägt wie früher. «Die Pharmatitel sind mittlerweile so volatil, dass sie nicht mehr zu den defensiven Aktien gezählt werden können», sagt Michael Nawrath, Analyst der Zürcher Kantonalbank (ZKB). Novartis und Roche würden heute an der Börse eine durchschnittliche Volatilität aufweisen. Pharma bleibt aber in dem Sinne defensiv, dass die Branche wenig von der Konjunktur abhängig ist. Denn Medikamente braucht es immer.

Innovationen sind gefordert

Dennoch verschlechtern sich die Aussichten für den Sektor zunehmend. «Die Pharmabranche hat ein Strukturproblem», sagt Nawrath. «2009 ist noch relativ wenig durch Patentabläufe belastet, dann rollt aber eine noch grössere Patentablaufwelle auf die Industrie zu, als man es in den letzten zwei Jahren gesehen hat».

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Die Branche werde auch von Generikakonkurrenz und Preisdeckelungen bedroht. Zudem setzten die Zulassungsbehörden die Anforderungen an neue Medikamente immer höher.

«Das organische Wachstum reicht nicht mehr aus», sagt Nawrath. Die grossen Pharmafirmen müssten die geforderte Innovation immer häufiger durch Übernahmen von Biotech-Unternehmen oder Projekteinlizenzierungen einkaufen.

Novartis hat kürzlich das Biopharmaunternehmen Speedel übernommen und konnte auch sonst mit positiven Nachrichten aufwarten. Zuletzt hat der Pharmakonzern von der europäischen Kommission die Zulassung für eine erweiterte Anwendung des Osteoporose-Medikaments Aclasta erhalten.

Dagegen musste Roche eine Verzögerung beim Produktekandidaten Actemra hinnehmen. Auf dem Aktienkurs lastet aber vor allem die Unsicherheit bezüglich der vollständigen Übernahme der amerikanischen Tochter Genentech. Es wird erwartet, dass Roche das Übernahmeangebot noch nachbessern muss. Die Marktspekulationen reichen von einem Scheitern der vollständigen Übernahme bis hin zu fast einer Verdoppelung des Angebotspreises.

Rückschläge zum Kauf nutzen

«Der Newsflow für Novartis war im 3. Quartal etwas positiver als für Roche», fasst Kunz von Clariden Leu zusammen. Dies zeigt sich auch in der Kursentwicklung. In den letzten drei Monaten hat Novartis rund 2,5% gewonnen, Roche dagegen 7,8% verloren. Novartis ist mit einem geschätzten Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 12,5 für 2009 schon fast so hoch bewertet wie Roche (KGV 12,9), dem teuersten Titel im Pharmasektor. Angesichts der bereits hohen Bewertung haben die Analysten der Bank Vontobel kürzlich die Aktie von «Buy» auf «Hold» zurückgestuft, zumal auch künftige Kurstreiber fehlten. Ähnlich sieht dies Michael Nawrath von der ZKB: «Novartis hat wider Erwarten in den letzten beiden Quartalen den Konsens jeweils übertroffen.» Bezeichnend sei aber, dass die Ziele deshalb nicht nach oben angepasst wurden. Die Aktie von Novartis werde erst wieder interessant, wenn Rückschläge in der Pipelineentwicklung oder Ergebnispräsentationen unter dem Konsens den Aktienkurs belasten und sich damit neue Einstiegschancen bieten würden.