Turquoise ist in der Testphase. Wie ist diese bis jetzt gelaufen?

Eli Lederman: Wir sind sehr darauf bedacht, dass alles sehr langsam und kontrolliert abläuft. Es gab zu keinem Zeitpunkt technische Probleme. Wir sind schon mit einem grossen Handelsvolumen gestartet, und jeden Tag haben wir mehr Volumen als am Tag zuvor. Seit dem 29. August werden alle 1267 europäischen Aktien gehandelt.

Wann ist der offizielle Start?

Lederman: Ab Mitte September werden alle 50 Mitglieder auf unserer Plattform handeln, einschliesslich unserer neun Aktionäre. An Turquoise sind grosse Investmentbanken wie Merrill Lynch oder Goldman Sachs beteiligt. Offiziell gestartet wird mit der öffentlichen Kampagne am 22. September.

Ursprünglich war der Start für den letzten November geplant. Warum kam es zu dieser Verzögerung?

Lederman: Ende 2006 haben wir als Konsortium verschiedener Investmentbanken begonnen. Die Mitarbeiter der Banken haben für das Projekt auf Teilzeitbasis gearbeitet. Über einige Monate gab es deshalb keine richtige Führung, bis sich die Aktionäre im letzten Oktober entschieden haben, aus dem Projekt ein unabhängiges Unternehmen zu machen, sodass die Fortschritte schneller möglich wurden.

Sie sind seit Dezember 2007 CEO von Turquoise.

Lederman: Ja, es wurde ein komplettes Managementteam eingestellt. Seither sind wir im Plan.

Können bereits italienische Aktien gehandelt werden?

Lederman: Noch nicht. Es hängt alles von den Tests des italienischen Wertpapierabwicklers Monte Titoli ab. Vielleicht werden wir die Genehmigung für den Handel mit italienischen Aktien irgendwann im Oktober erhalten. Es ist enttäuschend, weil wir diesen Prozess von unserer Seite nicht beschleunigen können. Das ist schlecht für Turquoise, seine Mitglieder, die Investoren und die Anleger, die von einem Zugang zur Turquoise-Plattform profitieren.

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Turquoise erstreckt sich über 13 europäische Länder. Haben Sie neben Italien noch weitere Märkte auf dem Radar?

Lederman: In Spanien wollen wir ebenfalls Fuss fassen. Es ist dort aber nicht möglich, das gleiche Turquoise-Modell zu verwenden. Der einzige Weg führt über die Madrider Börse. Es bräuchte eine Gesetzesänderung, um dies zu ändern. Wir sind an allen europäischen Ländern interessiert, in denen die EU-Richtlinie Markets in Financial Instruments Directive (MiFID) in Kraft gesetzt ist. Zu denken ist etwa an die osteuropäischen Staaten. Aber Spanien und Italien sind tatsächlich die zwei grössten Länder, in denen wir derzeit handeln.

Wie viele Schweizer Aktien werden gehandelt?

Lederman: Wir handeln über unsere Plattform 33 Schweizer Aktien mit der grössten Liquidität. Es sind vor allem Bluechips.

Die Schweizer Börse hat reagiert und will bei den Blue Chips die Gebühren um rund einen Drittel senken. Wie viel tiefer liegen die Preise von Turquoise?

Lederman: Ich kenne die Preisunterschiede nicht genau für jede einzelne Börse, generell liegen unsere Preise zwischen einem Fünftel und der Hälfte unter den Gebühren der etablierten Börsenbetreiber in Europa.

Was ist sonst noch ausschlaggebend, um Liquidität auf die Plattform zu ziehen?

Lederman: Gefragt ist vor allem Liquidität für grosse Transaktionen. Wir begegnen diesem Bedürfnis mit einem speziellen Rabattsystem für jene Marktteilnehmer, die Liquidität auf die Plattform bringen, wozu auch die sogenannten Market Maker gehören. Wer Liquidität auf die Plattform bringt, erhält einen Rabatt, der Preisnehmer muss eine Gebühr bezahlen. Dieses Maker-Taker-Modell ist für Banken sehr attraktiv.

Hat sich dies bereits gezeigt?

Lederman: Es muss sich um ein gutes System handeln, denn die Londoner Börse LSE hat angekündigt, eine derartige Preisstruktur betreiben zu wollen. Ein weiterer Vorteil ist unser Marktmodell, das öffentlichen und nicht-öffentlichen Handel kombiniert. Im sogenannten Dark Pool können Banken und Fondsmanager grosse Transaktionen durchführen, ohne den Auftrag vorher ankündigen zu müssen.

Alternative Handelsplattformen schiessen wie Pilze aus dem Boden. Auch die etablierten Börsen verfolgen solche Projekte, wie etwa die Londoner Börse mit Baikal. Wie schätzen Sie diese Konkurrenz ein?

Lederman: Im Moment wissen wir nicht viel über dieses Projekt. Ich erwarte, dass sie nächstes Jahr bereit sein werden. Sie werden aber erklären müssen, ob sie eine Trading-Plattform sein wollen oder ein Broker. Was andere Börsen machen werden, weiss ich nicht. Sicher ist nur, das Umfeld wird sehr kompetitiv.

Wird es zu einer Konsolidierung kommen?

Lederman: Es ist nicht sinnvoll, wenn es neben den etablierten Börsenbetreibern vier oder fünf verschiedene alternative Handelsplattformen gibt. Ich denke, es wird auf eine Konsolidierung hinauslaufen. Am Ende werden noch zwei oder drei Player übrig bleiben.

Ist Turquoise dabei?

Lederman: Ich hoffe es.

Was macht Sie optimistisch?

Lederman: Wir haben viele Tests gemacht. Unser grösster Vorteil ist wirklich die Funktionalität. Wir bieten eine bessere Han-delsoberfläche. Es hat sich bereits gezeigt, dass unsere Plattform die Marktbedürfnisse abdeckt. Wir haben auch Aufträge zwischen dem öffentlichen und dem nicht-öffentlichen Handel gesehen.

Sind die Fixkosten nicht sehr hoch?

Lederman: Wir haben eine sehr tiefe Kostenstruktur. Wir haben zum Beispiel keine grossen Gebäude, die wir bezahlen müssen, und arbeiten mit nur 40 Mitarbeitenden. Andere Organisationen machen das gleiche mit mehreren hundert Mitarbeitenden. Wir haben also gute Voraussetzungen, um sehr wettbewerbsfähig zu sein.

Wann wird Turquoise die Gewinnschwelle erreichen? Lederman: Ich erwarte, dass wir Mitte des nächsten Jahres profitabel sein werden. Welche Gewinnziele haben Sie?

Lederman: Es ist noch zu früh, um über unsere Ziele zu sprechen. Ich kann nur sagen, der Wettbewerb wird sehr hart werden.

Wollen Sie Turquoise irgendwann als Unternehmen an die Börse bringen?

Lederman: Wir denken noch nicht ein-mal an solche Dinge. Im Moment konzentrieren wir uns darauf, mehr Wettbewerb in den Markt zu bringen. Mit der Zeit werden wir weitere Angebote lancieren, zum Beispiel Exchange Traded Funds (ETF). Damit werden wir Ende dieses Jahres starten. Andere Kategorien oder Dienstleistungen werden im nächsten Jahr folgen.

Woran denken Sie?

Lederman: Wir denken aktiv daran, welche Produkte oder Märkte wir noch in unser Angebot aufnehmen könnten. Aber es ist zu früh, um Genaueres zu sagen. Wir werden Ende 2008 unsere Pläne für das nächste Jahr ankündigen.

Wäre der Derivatemarkt von Interesse?

Lederman: Ja, dieses Geschäftsfeld ist sehr interessant. Es handelt sich um einen weiteren Markt, der von mehr Wettbewerb profitieren könnte.

Die ganze Börsenlandschaft in Europa ist im Umbruch. Wie wird die Situation in drei Jahren aussehen?

Lederman: Das ist sehr schwierig zu sagen. Es wird eine ganz andere Struktur sein. Ich erwarte, dass die Konkurrenz sowohl bei kleinen als auch bei grossen Aufträgen stark sein wird.

Wie viel Marktanteil werden die Plattformen gemeinsam ergattern?

Lederman: Ich rechne damit, dass die Handelsplattformen zusammen einen Marktanteil von 50% gewinnen werden, und zwar bereits in den nächsten 12 bis 18 Monaten. Es geht ja nicht nur Turquoise an den Start, sondern zum Beispiel auch BATS oder Nasdaq OMX. Dass ein Interesse für paneuropäische Handelsplattformen besteht, zeigt auch, dass unser Konkurrent Chi-X an Momentum gewinnt. Bei britischen Titeln hält dieser neue alternative Anbieter bereits einen Marktanteil von rund 20%.

Welchen Marktanteil wollen Sie mit Turquoise erreichen?

Lederman: Wir wollen langsam wachsen und über die Zeit Marktanteile gewinnen. In den nächsten Monaten erwarten wir, bereits einen Marktanteil von 5% zu erwerben. Unsere starke Mitglieder- und Aktionärsbasis wird uns helfen, dieses Ziel zu erreichen.

Werden die wichtigen Mitglieder auf Turquoise wechseln?

Lederman: Für die Mitglieder ist es nicht so einfach, nur die Handelsplattform Turquoise zu benützen. Zunächst müssen sie sich mit der «best execution»-Regel von MiFID abfinden. Sie müssen dort handeln, wo die Preise am besten sind. Wir bieten gute Preise, aber wir sind nur eine neue Plattform von vielen. In manchen Fällen werden andere zum Zug kommen.

Haben die Aktionäre signalisiert, dass sie auf der Plattform handeln werden?

Lederman: Nein, wir wissen, dass sie sich Turquoise verbunden fühlen. Aber ich bin sicher, sie werden bei jedem Auftrag wieder neu entscheiden.