Ben Bernankes Ankündigung, die US-Geldpolitik wieder straffen zu wollen, hat die Märkte kräftig durcheinandergewirbelt. Nur die Ölpreise hielten sich erstaunlich stabil. Erstaunlich deshalb, weil das fundamentale Umfeld eigentlich für fallende Notierungen sprechen würde.

Zum einen gibt es derzeit kaum Nachfrageimpulse. Die Weltwirtschaft steht nach wie vor auf wackeligen Beinen. Zum anderen ist das Angebot an Öl im Augenblick nicht knapp. Im Gegenteil: Die Opec fördert über ihrem Produktionsziel von 30 Millionen Barrel pro Tag.

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Ägypten und Syrien als Preistreiber

«Die relative Stärke der Ölpreise lässt sich vor allem mit Angebotsrisiken erklären», schreiben die Analysten der Commerzbank in einer aktuellen Publikation. Die Marktteilnehmer befürchten, dass Öl knapp werden könnte, und sie handeln es daher mit einer Risikoprämie. Vor allem die instabile Lage im Nahen Osten bereitet Sorgen, nachdem sich die Situation in Ägypten wieder dramatisch zugespitzt hat.

Droht dem Land ein Bürgerkrieg, wie er in Syrien schon seit mehr als zwei Jahren tobt? Zwar sind beide Länder keine wichtigen Ölproduzenten, doch aufgrund der geopolitischen Lage Syriens respektive der volkswirtschaftlichen Grösse Ägyptens sind sie von immenser Bedeutung für die Stabilität in der Region.

Immerhin: Als Lichtblick könnte sich die Wahl des als gemässigt geltenden Hassan Rohani zum neuen iranischen Präsidenten herausstellen. Dadurch ist eine Eskalation des Konflikts zwischen Iran und Israel etwas unwahrscheinlicher geworden.

Aufholjagd von WTI

Bei der Nordseesorte Brent gilt es noch einen weiteren Punkt zu beachten: Die Internationale Energieagentur erwartet in den nächsten Wochen grosse Produktionsausfälle in der Nordsee. «Grund sind Wartungsarbeiten auf den Plattformen und an den Pipelines», erklären die Commerzbank-Experten.

Infolgedessen könnte die Fördermenge um bis zu 330'000 Barrel pro Tag zurückgehen. Trotzdem verteuerte sich Brent gegenüber der US-Ölsorte WTI nicht weiter. Im Gegenteil, in den vergangenen Wochen kam es zu einer spektakulären Aufholjagd von WTI gegenüber Brent, sodass WTI nur noch knapp 5 Dollar billiger als Brent ist.

Noch im Februar hatte die Differenz 23 Dollar betragen. Der Grund für diese Outperformance: Ausgebaute Pipeline-Kapazitäten am US-Knotenpunkt Cushing ermöglichen den Transport von mehr WTI an die Ostküste der USA und andere Regionen. Dort muss nun weniger Brent importiert werden. Als Folge werden die Preise angeglichen.

Politische Lage treibt den Preis

Fazit: Geopolitische Risiken könnten den Ölpreis temporär noch weiter nach oben treiben. Das spräche für kurzfristige Long-Trades. Allerdings dürfte der Trend nicht dauerhaft aufwärts gerichtet sein. Stattdessen erscheint mittelfristig eine Seitwärtsbewegung auf etwas niedrigerem Niveau am wahrscheinlichsten.

Dafür sprechen auch die fallenden Forwardkurven von Brent und WTI an den Terminmärkten. Vor diesem Hintergrund sollten konservative Anleger derzeit Öl-Investments präferieren, die auch bei einer Seitwärtsbewegung Rendite generieren respektive die mit einem gewissen Sicherheitspuffer ausgestattet sind.