Während der Einbruch der Preise für die Benchmark-Ölsorte Brent auf ein Fünfjahrestief verschiedene Volkswirtschaften von Russland bis Venezuela erschüttert, genießen die weltgrößten Rohstoff-Handelshäuser - die von Genf aus rund ein Drittel des weltweiten Öl kaufen und verkaufen - den Rückfall in einen «Bärenmarkt».

«Bei den Rohstoffhändlern ist die Stimmung dieser Tage sehr viel optimistischer», sagt Roland Rechtsteiner, Partner bei dem Branchenberater Oliver Wyman in Zürich: «Sie alle halten große Lagerbestände und eine große Infrastruktur vor. Das kann nur zu Geld gemacht werden, wenn es Volatilität gibt.» Daher seien die Zeiten gut für sie.

Handelshäuser lösen die Banken ab

Seit Banken, darunter JP Morgan Chase & Co., Deutsche Bank AG und Barclays Plc, das Geschäft mit physischen Rohstoffen zurückgeschraubt oder sich ganz daraus zurückgezogen haben, hat das Engagement der Handelshäuser, von Vitol Group bis Trafigura Beheer BV, zugenommen. Sie kauften Tanklager, Pipelines und Raffinerien. Damit haben die Händler mehrere Optionen um von plötzlichen Preisveränderungen zu profitieren.

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Der Ölmarkt befindet sich seit Juli in einer Contango genannten Lage, bei die Preise am Tagesmarkt niedriger sind als am Terminmarkt. Das habe den Ausblick für Gewinne aus dem Handel verbessert, sagte Alex Beard, weltweiter Leiter Öl bei Glencore Plc mit Sitz im schweizerischen Baar auf einer Investorenkonferenz in London.

Interessantes Handelsumfeld

Befindet sich ein Markt in Contango, können Händler, die Zugang zu oder die Kontrolle über Lagertanks haben, Geld verdienen, wenn die Kosten für die Lagerhaltung von Öl oder Ölprodukten niedriger sind als die Differenz zwischen dem derzeitigen Preis und dem Preis am Terminmarkt.

«Es besteht kein Zweifel, dass ein Markt in Contango ein interessanteres Handelsumfeld bietet als eine Backwardation», sagte Beard mit Bezug auf die umgekehrte Marktlage. Glencore, der zweitgrößte unabhängige Ölhändler, ist laut Beard stärker bei dem Contango im Handel von Ölprodukten engagiert als im Rohölhandel.

Schweizer Rohstoffhandelsbranche macht Milliarden

Trafigura, drittgrößter unabhängiger Ölhändler der Welt, hat ein Handelsvolumen von mehr als 2,5 Millionen Barrel Öl täglich und freut sich ebenso über die derzeitige Entwicklung. «Die Strukturumkehr bei Brent von Backwardation zu Contango nach Juni hat die Lagerhaltung produktiver gemacht und war allgemein eine Unterstützung für unsere Profitabilität», hieß es im Geschäftsbericht der niederländischen Firma.

Die Schweizer Rohstoffhandelsbranche kommt auf einen Jahresumsatz von 21 Mrd. Dollar jährlich und trägt 3,5 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt des Landes bei - mehr als der Tourismus. Das geht aus staatlichen Daten hervor. In Genf, wo Trafigura, Mercuria Energy Group Ltd., Gunvor Group Ltd. und Vitol alle bedeutende Niederlassungen unterhalten, macht der Rohstoffhandel mehr als zehn Prozent vom BIP aus.

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Sinkende Preise entlasten die Marge

Der Einbruch der Ölpreise kommt durch die Verringerung der Kosten für Handelsfinanzierungen allen Handelsfirmen zugute, insbesondere auch den kleinen, wie Olivier Jakob, Managing Director bei Petromatrix AG in Zug berichtet. Der Branchenberater gibt einen täglichen Informationsdienst zum Ölmarkt heraus. «Sie handeln eher in einem Nischenmarkt mit relativ geringen Margen. Wenn die Kosten sinken, ist das für sie besser», sagte Jakob in einem Interview mit Bloomberg News.

(bloomberg/lur)