Wann erfasst die Finanz- und Bankenkrise die Wirtschaftsprüfer?

Peter Athanas: Ich muss eines festhalten: Verglichen mit anderen Krisen zuvor wird gegenwärtig wenig über die Rolle der Wirtschaftsprüfer gesprochen. Man geht nicht davon aus, dass die Wirtschaftsprüfer Mitverantwortung tragen. Und dies meiner Meinung nach völlig zu Recht.

Warum sind Sie so sicher?

Athanas: Die Diskussion dreht sich primär um das Risikomanagement und die Risikokontrolle der Banken und um die Verantwortung der Verwaltungsräte.

Dennoch ist nicht auszuschliessen, dass auch die Wirtschaftsprüfer in die Kritik geraten werden.

Athanas: Das schliesse ich auch nicht aus, denn wir befinden uns in einer kritischen Phase. Das letzte Mal, als wir die Bankabschlüsse prüften und eine Stellungnahme abgaben, war Ende 2006. Damals gab es noch einen funktionierenden Markt. Viele Instrumente waren mit einem Triple-A geratet. Die Liquidität war vorhanden. Deshalb ist 2006 für uns kein Problem, denn der Markt funktionierte.

Und heute?

Athanas: Jetzt gibt es keinen Subprime-Markt mehr, und trotzdem müssen die Banken diese Positionen bewerten und wir sie prüfen. Es existieren anerkannte Bewertungsmodelle. Doch wenn wir den testierten Abschluss per Ende 31. Dezember 2007 bekannt geben und eine Bank kommt ein paar Tage oder Wochen später mit neuen Abschreibern, dann stellt sich die Öffentlichkeit die Frage: Was hat der Wirtschaftsprüfer eigentlich geprüft?

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Eine berechtigte Frage?

Athanas: Die Öffentlichkeit wird schwer nachvollziehen können, dass wir technisch vollkommen richtig vorgegangen sind: Die Banken haben die Bewertung an einem bestimmten Stichtag, also per 31. Dezember 2007, vorgenommen, und wir haben diese Werte auf eben diesen Stichtag geprüft. So kommt ein Wahrnehmungsproblem auf die Wirtschaftsprüfer zu. Es könnte das Gefühl entstehen, sie hätten die Wirtschaftsprüfung nicht im Griff oder mit den Grossbanken einen Pakt geschlossen. Was natürlich blanker Unsinn ist.

Hätten Sie unter keinen Umständen die Vorboten der Finanzkrise erkennen können, so bei Ihrer Mandantin UBS?

Athanas: Die Geschwindigkeit und das Ausmass der Verwerfungen haben uns ebenso überrascht wie die meisten anderen Marktteilnehmer. Doch selbst wenn wir uns Sorgen gemacht hätten, hätten wir uns gar nicht einbringen können. Denn gemäss dem Fair-Value-Accounting-Standard müssen alle Handelspositionen nach Marktwert bilanziert werden. Wir dürfen gar nicht verlangen, dass Reserven in die Bilanz eingebaut würden. Genauso wenig darf das Management dies tun. Der Markt gibt den Preis vor. Wir haben keinen Interpretationsspielraum.

Trotzdem: Die Öffentlichkeit schüttelt den Kopf.

Athanas: Der Wirtschaftsprüfer prüft bei Handelspositionen die von den Banken vorgenommenen Bewertungen an einem bestimmten Stichtag. Wenn sich danach die Märkte radikal verändern, und zwar nach oben wie auch nach unten, dann stimmt der Wert, den wir geprüft haben, nicht mehr mit den aktuellen Werten überein. Aber die zusätzlichen Offenlegungen sollen dem Investor helfen, sich selber ein Bild über das Risiko machen zu können. Sehen Sie: Wir Wirtschaftsprüfer sind nicht die Wächter des Risikoappetits der Wirtschaft.

Was heisst die Finanzkrise für einen Wirtschaftsprüfer wie Ernst & Young?

Athanas: Für unser Geschäft stellen sich ein paar grundlegende Fragen: Reichen unsere Risikokontrollsysteme und Bewertungsmodelle bei derart grossen Verwerfungen wirklich aus? Die zweite Frage, die wir uns stellen, ist, ob wir Wirtschaftsprüfer mit besseren Accounting-Standards derartige Verwerfungen hätten verhindern können.

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Und hätten Sie?

Athanas: Nein, denn wir schaffen und bestimmen diese Standards nicht selber. Wir wenden sie an und setzen sie um.

Dennoch haben diese Standards und Bewertungsmodelle offensichtlich versagt.

Athanas: Sie leiden unter dem gleichen Problem wie jene der Finanzindustrie. Man ist in den mathematischen Model-len nicht von derartigen Verwerfungen ausgegangen. Da sind die Banken ebenso überrascht worden wie wir Wirtschaftsprüfer.

Also ist der Fair-value-Ansatz gescheitert?

Athanas: Das hört man jetzt überall. Hätte man, so wird argumentiert, einzelne Positionen auf Grund einer Risikoeinschätzung bewertet, dann hätte möglicherweise alles besser ausgesehen ? dann hätte man da und dort gewisse Reserven in die Bilanzen einbauen können. Das ist alles hypothetisch. Ich kann mir selbst zum jetzigen Zeitpunkt kein besseres Modell vorstellen als Fair Value.

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Das müssen Sie erklären.

Athanas: Das gegenwärtige Hauptproblem ist das Misstrauen der Banken untereinander. Das bezieht sich auf die Zahlen, die sie veröffentlichen, sowie auf die Bewertung. Was wir endlich brauchen, sind Accounting Standards, die weltweit einheitlich sind und identisch angewendet werden.

Hat Ihre Branche die Lektionen aus den Bilanzskandalen um Worldcom und Enron gelernt?

Athanas: Ernst & Young kann man punkto Risikomanagement und Qualitätsansprüche nicht mehr mit der Firma vor fünf Jahren vergleichen. Zum Teil wurden wir durch den schweizerischen und den US-Gesetzgeber dazu gezwungen. Es hat einiges gekostet, das Risikomanagement zu implementieren. Wir prüfen heute aber tiefer und sind besser dokumentiert. Wir haben uns nicht dagegen gewehrt. Klare Regeln und eine Aufsicht, die unsere Position gegenüber den Kunden stärken, waren nötig und richtig.

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Dennoch wird der Ruf nach noch mehr Regulierung erst recht erschallen.

Athanas: Davon gehe ich aus. In der Schweiz dürfte in der politischen Diskussion der Ausbau der Bankenkommission beziehungsweise der Finanzmarktaufsicht gefordert werden. Global wird man sich fragen, ob die Eigenkapitalausstattungen der Finanzhäuser und die Liquiditätsanforderungen ausreichen. Und für diese Fragen habe ich durchaus Verständnis. Doch ich warne vor mehr Regulierung. Denn man kann den Bogen überspannen, und das System würde kippen.

Was verstehen Sie darunter?

Athanas: Bei noch mehr Regulierung wird es die breit abgestützten Wirtschaftsprüfungsunternehmen, die multidisziplinär tätig sind, in der heutigen Form nicht mehr geben. Wenn wir gezwungen werden, bei den Steuerberatern, den Risikoberatern und den Transaktionsberatern noch härtere Aufsichtsregeln anzuwenden, müssen wir unser Geschäft total aufspalten. Dann wird es Audit-only-Companies geben, und das führt zwangsläufig zu einer Qualitätseinbusse.

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Warum?

Athanas: Ich stelle zudem fest, dass der Job des Wirtschaftsprüfers im Zuge der Regulierung nicht attraktiver geworden ist. Zum einen hat man eine Riesenverantwortung, zum anderen schwebt einem dauernd das Damoklesschwert der Haftung über dem Kopf. Schliesslich kommt der Druck von mir als Unternehmer, wir wollen schliesslich auch Geld verdienen.

Sie machen bewusst auf Schwarzmalerei.

Athanas: Wir könnten unser Geschäft auch als Ernst & Young Auditing machen. Die Frage ist, wie kann man die Wirtschaftsprüfung besser machen? Da bin ich dezidiert der Meinung, dass mehr Regulierung für die Qualität nichts bringt. Ich weiss wirklich nicht, was wir punkto Risikokontrolle noch mehr machen könnten. Wenn man diese zusätzlichen Kontrollen wirklich wünscht, dann dürften die Kunden kaum bereit sein, drei- bis viermal mehr zu zahlen.

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Weil in der Schweiz zwischen den Wirtschaftsprüfern ohnehin bereits ein Preiskampf tobt?

Athanas: Ja, und seine Dominanz ist eine Katastrophe. Wirtschaftsprüfung ist ein ganz schwieriges Geschäft geworden. In der Schweiz gibt es zwar nur drei Grosse. Aber dadurch, dass kleinere Wirtschaftsprüfer grösser und Grosse noch grösser werden wollen, herrscht ein knallharter Wettbewerb um Preise. Die Preise um die grossen Mandate, die in der Schweiz angesichts der zunehmenden Regulierung hätten steigen müssen, sind im Gegenteil gesunken.

Um wie viel?

Athanas: Um 10 bis 20%. Das ist angesichts der gleichzeitig wesentlich gestiegenen Erwartungen massiv.

Sie haben 2006 einen Umsatz von 500 Mio Fr. erreicht. Werden Sie im gleichen Stil ? mindestens 9% ? wachsen?

Athanas: Langfristig ist für uns das optimale Wachstum 8%. Das vermögen wir verkraften. Mehr ist nicht nachhaltig.

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Sie machen auf Understatement ?

Athanas: Überhaupt nicht, denn mehr Umsatz können wir nur über Menschen generieren. Wenn wir 8% wachsen wollen ohne Fluktuation, brauchen wir 8% mehr Personal, also zusätzlich 160 Leute. Jetzt ist es aber nicht so, dass wir keine Leute verlieren. Wir sind ein Ausbildungsunternehmen. Wir haben traditionell eine Fluktuationsrate von 10 bis 20%. Das heisst, wir verlieren mindestens 200 Personen und brauchen 160 neue dazu, um 8% zu wachsen ? also jedes Jahr mindestens 360 neue Mitarbeiter. Wenn wir zu schnell wachsen, können wir all diese Leute nicht richtig integrieren. Deshalb haben wir 8% Wachstum als ideale Grösse definiert.