Raiffeisen vergab im ersten Jahr nochmals mehr Hypotheken. Gehen Sie angesichts der drohenden Überhitzung am Immo­bilienmarkt da nicht hohe Risiken ein?

Pierin Vincenz:
Nein, wir haben die Risiken im Griff. Wir wachsen schon seit mehreren Jahren über dem Markt, und während der ganzen Zeit haben wir unsere ­Risikopolitik nicht verändert. Die Verluste und Wertberichtigungen sind sehr tief ­geblieben. Wenn unser Wachstum aufgrund gelockerter Vergabekriterien zustande gekommen wäre, müsste sich dies auch in höheren Verlusten niedergeschlagen haben. Das war nicht der Fall.

In den letzten Jahren war der Immobilienmarkt auch noch nicht überhitzt.

Es gibt Regionen – etwa rund um den Zürichsee und am Ufer des Genfersees –, in denen die Immobilienpreise sehr stark gestiegen sind. Es gibt aber keine generellen Übertreibungen. Die Nachfrage nach Liegenschaften steigt im ­Moment vor allem aufgrund des tiefen Zinsniveaus und der Zuwanderung.

Die Nationalbank und die Finanzmarktaufsicht warnen jedoch seit längerem vor einer Immobilienblase. Wissen Sie es bei Raiffeisen besser?

Wir nehmen die Warnungen ernst. Wir haben aber das Know-how und kennen die lokalen Gegebenheiten. Eine vorsichtige Kreditvergabepolitik ist in unserem eigenen Interesse. Solange die Zinsen tief sind, die Zuwanderung hoch und die Schweiz attraktiv ist, bleibt die Nachfrage nach Immobilien hoch.

Nun beschloss der Bundesrat, dass per ­1. Januar 2012 Hypothekarforderungen, die über die üblichen Belehnungs- und Tragbarkeitsnormen hinausgehen, mit ­zusätzlichen Eigenmitteln unterlegt werden müssen. Was halten Sie davon?

Im Moment ist noch einiges unklar. Wir warten die konkreten Eckwerte ab. Allerdings erachten wir die Kreditpolitik als die ureigenste Aufgabe und Verantwortung einer Bank, die nicht staatlich reglementiert und damit verteuert werden soll. Raiffeisen hat diese Verantwortung schon immer wahrgenommen und ist damit – wie auch ihre Kunden – gut gefahren.

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Das Vorgehen ärgert Sie also?

Wir waren sehr überrascht über die Ankündigungen des Bundesrates. Es wäre effizienter gewesen, wenn er mit den wichtigsten Akteuren auf dem Hypothe­karmarkt an einem runden Tisch die Anliegen diskutiert hätte. Das ist die bewährte Art, wie in der Schweiz erfolgreich politisiert wird und die Rahmenbedingungen – auch für die Wirtschaft – gestaltet werden.

Raiffeisen verfolgt einen forschen Expan­sionskurs. Die Konjunkturlage verschlechtert sich nun gerade stark. Drücken Sie jetzt auf die Bremse?

Wir sind natürlich auch von konjunkturellen Einflüssen betroffen. Im Moment können wir unser geplantes Wachstum weiterhin sicherstellen. 2011 werden wir 16 neue Bankstellen eröffnen. Unser Geschäftsmodell bietet Wachstum mit Stabilität und Nachhaltigkeit.

Sie wachsen rasch – passt das zum ­Genossenschaftsmodell?

Ja, unbedingt. Derzeit zählen wir über 1,7 Millionen Genossenschafter. Sie sind sogar bereit, als Teil ihrer Mitgliedschaft die sogenannte Nachschusspflicht mitzutragen – auch wenn wir dies in einem Konkursfall faktisch nicht brauchen. Nicht nur Kunde zu sein, sondern über die Entwicklung der eigenen Bank mitzuentscheiden, ist für viele Leute attraktiv. Ein Riesenvorteil dieses Modells ist auch, dass wir uns nicht in eine falsche Richtung entwickeln. Bei Raiffeisen kann nicht ein kleines Gremium hochtrabende Pläne entwickeln. Bei uns wird breit diskutiert und ­kritisiert und es braucht am Schluss die Mehrheit überzeugter Genossenschafter.

Doch auch bei Raiffeisen tut sich eine Lohnschere auf – zwischen der Zentrale und den Filialen. Das sorgt sicher nicht nur für beste Stimmung.

Wir haben in der Gruppe das heute gültige Kompensationsmodell breit diskutiert. Es ist dann vom Verwaltungsrat beschlossen worden. Die Lohndifferenz ist zum Teil damit begründet, dass in der Zentrale viele Spezialisten arbeiten.

Der Bankangestellte im Wallis hat wenig Verständnis für Ihre Millionenbezüge.

Wir sind zum Ergebnis gelangt, dass wir wettbewerbsgerechte Löhne bezahlen müssen. Dieser Faktor muss stimmen, sonst bleiben die Mitarbeitenden nicht bei Raiffeisen.

Sie monieren immer wieder Wettbewerbsverzerrungen durch die Staatsgarantie anderer Institute. Können Sie die beziffern?

70 Prozent der Banken in der Schweiz haben eine implizite oder explizite Staatsgarantie. Deswegen erhalten sie ein besseres Rating. Investoren achten wieder vermehrt auf Rating und Sicherheit einer Bank. Eine Auswirkung dieser Wettbewerbsverzerrung spüren wir täglich am Kapitalmarkt. Gegenüber den Kantonalbanken, die eine explizite Staatsgarantie haben, bezahlen wir 40 bis 50 Basispunkte mehr. Dieser Nachteil fällt in einem Umfeld sinkender Margen stark ins Gewicht.

Raiffeisen ist auch «too big to fail» und geniesst eine implizite Staatsgarantie.

Nach den Kriterien der «Too big to fail»-Expertengruppe fallen wir nicht unter die systemrelevanten Banken, auch wenn wir in einzelnen Geschäftsbereichen in der Schweiz eine wichtige Rolle spielen. Ich bin nicht der Meinung, dass alle Banken eine Staatsgarantie haben sollten. Die Banken und die gesamte Finanzwelt sind viel zu nahe beim Staat. Das ist für die Schweiz ein grosses Risiko. Es geht aber auch um unsere Glaubwürdigkeit im Sektor der kleinen und mittleren Firmen. Andere Banken werben ganz konkret mit der Staatsgarantie. Wir positionieren uns anders und legen Wert darauf, ­unabhängig zu sein. Die Raiffeisengruppe besteht aus 330 selbstständigen Banken, die sich in ihrem Geschäftskreis als Kleinfirma auch behaupten müssen.

In der Bankiervereinigung sind Banken mit den unterschiedlichsten Interessen vereint. Sie haben sich geweigert, sich an der Garantieübernahme bei der Abgeltungssteuer zu beteiligen. Sind solche Querelen symptomatisch für den Verband?

Die Mitglieder der Bankiervereinigung haben sehr unterschiedliche Geschäftsmodelle und Interessen zu vertreten. Dadurch entstehen harte und kontroverse Diskussionen. Hinzu kommt, dass die Konkurrenzsituation heute viel brutaler ist als noch vor wenigen Jahren. Damals haben wir uns jeweils gemeinsam überlegt, den Hypothekarzins zu erhöhen. Heute befinden wir uns in einer hetero­genen, sehr diversifizierten Bankenlandschaft mit extremen Veränderungen.

Welche Folgen haben die Abkommen über die Abgeltungssteuer für die Banken?

Damit fällt ein Grund weg, weshalb ausländische Kunden ihr Geld in die Schweiz bringen. Es wird aufwendiger, Vermögen zu akquirieren. Die Margen kommen unter Druck. Die Schweiz wird wegen der politischen Stabilität und der Rechtssicherheit aber weiter ein attraktiver Vermögensverwaltungsplatz bleiben.

Wie viel Vermögen wird aus der Schweiz abfliessen?

Das ist die grosse Schätzfrage. Wenn wir mit allen wichtigen Ländern ein Steuerabkommen schliessen, werden wohl eher 10 Prozent als 50 Prozent der Vermögen abwandern. Ich glaube aber nicht an eine Schrumpfung des Finanzplatzes. Das Thema Vorsorge und Vermögensverwaltung wird für den Schweizer Bankenplatz auch in der Zukunft eines der grossen Themen bleiben.

Der Schweizer Bankenplatz ist im Visier der USA. Was kommt hier noch auf die Banken zu?

Es ist für die Schweiz sicher einfacher, im nachbarschaftlichen Verhältnis Lösungen zu finden, als sich mit den USA zu einigen. Die Amerikaner haben viel härtere Mittel. Es wäre wünschenswert, wenn nicht jede einzelne Bank eine Lösung mit den Amerikanern suchen müsste, sondern wenn der Staat eine Gesamt­lösung aushandeln könnte. Die Verhandlungen dazu laufen eher zäh, wie man in der Branche so hört.

Bedeutet dies, dass die Globallösung vom Tisch ist?

Nein, entschieden ist noch nichts. Es ist offen, ob wir mit einer globalen Lösung zum Ziel kommen oder ob am Ende doch jede Bank zur Rechenschaft gezogen wird. Die Amerikaner könnten auch eine ganze Zahl von Banken einzeln ins Visier nehmen und sie quasi nach dem Muster der UBS abarbeiten.

Ist dies ein realistisches Szenario?

Das ist im Moment noch offen. Im Vergleich zum UBS-Fall haben wir aber einen Vorteil: Wurden wir damals überrascht, so kennen wir jetzt die Spielregeln und können dagegenhalten. Wir knicken nicht mehr ein, wenn von den Amerikanern Drohgebärden kommen.

 

Der Mensch

Name: Pierin Vincenz

Alter: 55

Wohnort: Niederteufen AR

Familie: Verheiratet, zwei Kinder

Ausbildung: Betriebswirtschaft Universität St. Gallen, Doktorat

Karriere:

  • Bis 1995: Positionen bei der Schweizerischen Treuhandgesellschaft, bei Bankverein und Hunter Douglas
  • 1996 bis 1998: Leiter DepartementFinanz der Raiffeisen Gruppe
  • Seit 1999: Vorsitzender der Geschäftsleitung der Raiffeisen Gruppe

 

Das Unternehmen

Raiffeisen ist mit 328 Mitgliedsbanken und 1106 Filialen die drittgrösste Schweizer Bankgruppe. Sie vergibt beinahe jede vierte Hypothek im Land.