Hand aufs Herz: Rechnen Sie noch damit, das PostFinance eine Banklizenz erhalten könnte?

Jürg Bucher: Es wird nicht einfach. Aber letztlich wird das Parlament entscheiden. Der Entscheid selber ist nicht vor Ende 2009 zu erwarten.

Planen Sie eine Kampagne?

Bucher: So wie die Gegenseite lobbyiert, bringen auch wir unsere Informationen unters Parlament ? parteiübergreifend.

Sie sagen, PostFinance sei bereit, auf die Staatsgarantie zu verzichten, wenn sie eine Banklizenz erhalte. Sie nehmen damit aber schlechtere Refinanzierungskonditionen in Kauf, weil der Staat nicht mehr für die Kredite bürgt.

Bucher: Dazu gilt es festzuhalten, PostFinance ist ein Passivgeldinstitut. Wir haben, auch wenn wir eigene Hypotheken vergeben würden, keinen Refinanzierungsbedarf am Markt. Vielmehr stellt sich die Frage, wie wir die bald 50 Mrd Fr. Kundengelder rentabel und sicher anlegen.

Und die einzige Antwort darauf ist eine Banklizenz?

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Bucher: Die Politik hindert uns an einer besseren Diversifikation, beispielsweise in Hypotheken und KMU-Kredite in der Schweiz, und zwingt uns, in Auslandsanlagen zu investieren. Darum sind heute über 50% unserer Kundengelder im Ausland angelegt, schwergewichtig im Bond- und Geldmarkt.

Auch in den USA, wo die Kreditkrise am schlimmsten wütet?

Bucher: Wir haben mehrere Milliarden im US-Bondmarkt investiert, aber nicht direkt in Subprime. Natürlich gibt es Wertminderungen, aber nicht in Form von Verlusten im Portefeuille. Wir haben einzelne Anlagen zwar umgeschichtet, aber nicht abgebaut. Wir haben bisher keine Anzeichen dafür, dass wir einen grösseren Abschreiber machen müssten.

Die Konkurrenz behauptet derweil, selbst eine Bundesbeteiligung an PostFinance von nur 50% käme einer Staatsgarantie gleich. Was entgegnen Sie?

Bucher: Primär haftet bei Ausfällen das Eigenkapital. Dieses ist im Konzern für PostFinance nach Basel-II-Kriterien vorhanden. Wir verfügen über 2,5 Mrd Fr. Eigenkapital, um PostFinance jederzeit genügend kapitalisieren zu können. Brauchen würden wir nach Basel II derzeit 1,8 Mrd Fr., inklusive Reserven. Zudem käme der Bund als Eigner erst bei einem Totalcrash zur Kasse. Klar ist auch, dass sämtliche Banken explizit oder implizit über eine Staatsgarantie verfügen. Auch die UBS würde man nicht fallen lassen. Das ist die Realität.

Wo würde der Kunde von einer PostFinance mit Banklizenz profitieren?

Bucher: Mit der Lizenz wären wir in der Produktgestaltung flexibler: Wir bräuchten keine Partner, wir könnten in der Preisgestaltung, bei Angeboten im Sparbereich, Hypotheken und Krediten attraktiver sein. Die Marge, die wir heute mit Partnern teilen, käme teilweise den Kundinnen und Kunden zugute.

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Wie sieht die Marge aus, welche sie mit den Partnern teilen?

Bucher: Die liegt im üblichen Bereich des Schweizer Retailmarktes, also bei knapp 1% im Hypothekarmarkt.

Wie stark würde sich die Gewinnkraft steigern, wenn Sie diese Marge nicht mehr teilen müssten?

Bucher: Sie können von einem grösse- ren zweistelligen Millionenbetrag ausgehen.

Schon jetzt steuert PostFinance den grössten Anteil zum Gewinn der Post und damit auch zur erstmaligen Abgabe an den Bund für 2007 bei. Würde der Bundesbeitrag nach Einführung einer Banklizenz steigen?

Bucher: Die Post braucht den Gewinnbeitrag der PostFinance in Zukunft noch viel mehr, weil der Postmarkt weiter liberalisiert wird. Der Bund erwartet eine Gewinnablieferung. Heuer hat er erstmals 300 Mio Fr. erhalten. Wenn der Bund weiter einen Betrag erwartet, muss die Post hohe Gewinne erzielen. Hinzu kommt die Sicherstellung einer ausgezeichneten Grundversorgung. Die Politik kann nicht den Fünfer und das Weggli bekommen: Ein offener Markt und ein Konzern, der Gewinn abliefert, eine ausgezeichnete Grundversorgung bietet, aber gleichzeitig im Markt gefesselt ist ? das geht nicht zusammen.

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Das heisst, wenn der Bund keine Banklizenz will, muss er mit weniger Abgaben der Post rechnen?

Bucher: Ja, weil das Gewinnpotenzial einer eingeschränkten Post schmilzt. Aber ich hoffe, dass er die Eigentümerinteressen mitgewichtet.

Angenommen, Raiffeisen würde die im Interview mit der «Handelszeitung» aufgebrachte Drohung wahr machen und in der Peripherie Filialen schliessen, falls Sie eine Banklizenz erhalten. Wären Sie dann bereit, einzuspringen?

Bucher: Die Grundbedürfnisse im Bankwesen decken wir bereits heute in rund 2500 Poststellen ab. Hypotheken und komplexere Dienstleistungen erhalten die Kunden in den Filialen und von mobilen Beratern zu Hause oder in der Poststelle. Mit oder ohne Banklizenz erhöhen wir die die Zahl der Filialen von heute 25 bis Ende 2009 auf 37. Dazwischen gibt es neu 57 mobile Zonen.

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Die Banklizenz kommt so oder so nicht so schnell. Bemühen Sie sich, Freiheiten auf anderem Wege zu erhalten?

Bucher: Es gibt Alternativen zur Universalbankenlizenz: Noch vorteilhaftere Kooperationen oder mit erweiterter Geschäftstätigkeit über das Postgesetz.

Wie stehen die Chancen, dass ihnen der Umweg über das Postgesetz gelingt?

Bucher: Das wird die politische Diskussion zeigen. Aber eine Bankenlizenz wäre der einfachste Weg für die Unternehmung, die Aufsicht und den Eigentümer.

Aber gerade der Bundesrat hat sich ja sehr klar gegen eine Universallizenz ausgesprochen.

Bucher: Bezüglich der Ausweitung unserer Geschäftstätigkeit war der Bundesrat deutlich. Wir begrüssen hingegen seine Vorschläge betreffend einer Aufsicht durch die Finma sowie der Herauslösung der PostFinance aus die Post als eigenständige Tochtergesellschaft.

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Wenn alle Ihre Bemühungen vergeblich wären ? liesse sich allenfalls die Marke PostFinance verkaufen?

Bucher: PostFinance ist unter den 50 wertvollsten Marken der Schweiz mit einem Wert von rund 150 Mio Fr. und einem Unternehmenswert von 3 bis 4 Milliarden. Aber die Option, die Marke zu verkaufen, gibt es nicht. Die Post braucht die Erträge von PostFinance zu dringend, gerade in der gegenwärtigen Phase der Liberalisierung.

Zurück zum Hier und Jetzt: Wie kommt die Zusammenarbeit mit der Münchener Hypothekenbank voran?

Bucher: Gerade in den letzten Tagen haben wir das Geschäft operativ gemacht, wir liegen genau im Zeitplan und sind deshalb zufrieden mit dem Projektverlauf. Es ist aber jetzt noch zu früh, schon eine Bilanz zu ziehen.

Wie schnell können die bisherigen UBS-Hypotheken auf das neue Angebot übertragen werden?

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Bucher: Neue Hypotheken werden nur noch über die Münchener Hypothekenbank ausgegeben; die alten UBS-Kredite behalten wir, bis sie auslaufen. Das dauert noch einige Jahre.

Auf dem Schweizer Hypothekenmarkt tobt jetzt schon ein aggressiver Preiskampf. Mit dem neuen Partner im Rücken werden Sie nun nochmals zu tieferen Preisen ins Geschäft einsteigen?

Bucher: Wir haben unsere Preise bereits angepasst und befinden uns nun bei den Spitzenreitern der günstigen Angebote. Gleichzeitig fahren wir eine Netto- preis-politik: Alle Kunden bekommen den gleichen Preis, es wird nicht mehr verhandelt. Wir machen beim Zinsbasar nicht mit.

Aber bei Lockvogelangeboten schon: Wer ein 45-minütiges Hypotheken-Beratungsgespräch bei der PostFinance führt, der erhält 100 Fr. bar auf die Hand. Wie viele Kunden konnten sie damit schon gewinnen?

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Bucher: Dieser Versuch lief nur in einzelnen Filialen, steht aber allen Stellen und Regionen frei zur Anwendung. Die Aktion kommt bei Kunden wie bei Beratern sehr gut an. Es ist ein gutes Instrument, um den Kunden unser Angebot bekannt zu machen.

Im Bereich der Sparkonti gehören Sie zu den Anbietern mit den besten Konditionen. Liegen weitere Steigerungen beim Sparzins drin?

Bucher: Die Aktion 4% Zins läuft jetzt noch einen Monat, unsere Zinsen gehören auch sonst zu den besten. Wir werden aber sicher auch in Zukunft mit Überraschungen aufwarten. Denn unsere Strategie ist ganz klar, zu einem der führenden Sparinstitute der Schweiz zu werden.

Wie erfolgreich sind Sie in der Umsetzung dieser Strategie?

Bucher: 2007 hatten wir 9% Zuwachs bei den Spargeldern, 2008 wird es nicht weniger sein.

Profitieren Sie von den Auswirkungen der Kreditkrise auf die Grossbanken?

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Bucher: Die Finanzmarktkrise schadet dem ganzen Finanzplatz, ich bedaure, was da passiert ist. Aber wir haben auch sehr gute Zahlen im 1. Quartal: Wir konnten 53000 Konten neu eröffnen, in der Vorjahresperiode waren es noch 37 000.

Und jetzt?

Bucher: Wenn ich den April und den Mai anschaue, geht es im gleichen Rhythmus weiter ? viele Mitarbeitende legen Sonderschichten ein, um den Ansturm zu bewältigen.