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Postfinance: Lizenz zum Expandieren

Einer von 2,8 Millionen Kunden: Per April 2013 soll die Postfinance in eine Aktiengesellschaft umgewandelt werden.
Einer von 2,8 Millionen Kunden: Per April 2013 soll die Postfinance in eine Aktiengesellschaft umgewandelt werden.

Das 100-Milliarden-Institut wird nächstes Jahr zur Bank und Aktiengesellschaft. Auf dem Weg dahin gibt es noch einige Probleme zu lösen.

Von Gérard Moinat
am 22.08.2012

Es wirkte etwas handgestrickt und ­abgesprochen. Zum Halbjahresabschluss befragte ein Interviewer in breitem Berndeutsch den Postfinance-Chef Hansruedi Köng. Erste Frage: «Syt dr zfride mit em Gwinn?» Antwort: «Mir sy sehr zfride mit em Gwinn.» Das Video stammt unverkennbar aus der PR-Abteilung des gelben Riesen. Sie stellte es ins Internet. Kaum mehr als 400 Leute schauten es sich auf Youtube bisher an.

Das passt gut zum momentanen Kommunikationsverhalten des Konzerns. Vieles wirkt improvisiert. So setzte sich jüngst Postchef Jürg Bucher noch ein letztes Mal in Szene, bevor er Ende Monat abtritt. Über Westschweizer Medien brachte er aus heiterem Himmel die Idee einer Volksaktie für die Postfinance aufs Tapet. Bei der Postfinance selbst war man über solche Absichten nicht im Bilde.

«Es gibt diesbezüglich bei Postfinance keinerlei Pläne», kommentiert ein Sprecher die Aussagen seines obersten Chefs Bucher. Das neue Postgesetz sehe theoretisch die Möglichkeit einer Minderheitsbeteiligung von Privatanlegern vor, ein solches Projekt existiere aber nicht.

Anweisungen im Herbst

Die Postfinance befindet sich derzeit in einer kritischen Phase. Der Finanzdienstleister der Post wird gerade in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. So will es das Ende 2010 vom Parlament beschlossene neue Postorganisationsgesetz. Im Herbst 2011 reichte das Institut zudem ein Gesuch zur Unterstellung unter die Finanzmarktaufsicht Finma ein. Nun ist die Aufsichtsbehörde daran, die Postfinance mit ihren über 3400 Mitarbeitern und 2,8 Millionen Kunden mit 102 Milliarden Franken betreuten Vermögen auf Herz und Nieren zu durchleuchten. Eine Mammutaufgabe: Es ist der grösste Neueintritt in der Geschichte der Finma.

Knackpunkt ist dabei die Höhe des Eigenkapitals. Absehbar ist, dass die Finma die Postfinance in die zweite von fünf Risikoklassen einteilen wird. Zu dieser Kategorie gehört zum Beispiel auch die Raiff­eisen-Gruppe. Das hat Folgen für die ­Eigenmittelunterlegung. Banken der Kategorie zwei müssen 14 Prozent der risikogewichteten Aktiva in Eigenkapital halten und zusätzlich 2,5 Prozent als antizyklischen Puffer. In absoluten Zahlen kursiert heute die Grössenordnung von 4 Milliarden Franken, die alleine die Postfinance zur Umwandlung in eine Bank benötigt.

Das ist nicht das einzige Geld, das die Post bereitstellen muss. Weitere 2 Milliarden Franken soll der Rest des Konzerns beanspruchen. Bei einem aktuellen Eigenkapital der Post von knapp 5 Milliarden ergibt sich so eine Lücke von mehr als 1 Milliarde Franken. Diese Mittel will die Führung über Schuldscheindarlehen im Wert von 1,3 Milliarden bei institutionellen Anlegern aufnehmen.

Die endgültige Höhe des Eigenkapitals der Postfinance AG und den Zeitpunkt der Bereitstellung wird die Finma erst im Laufe ihres Bewilligungsprozesses festlegen. Der Entscheid wird im Herbst erwartet. Je grösser die Postfinance bis dahin wird, desto mehr Eigenkapital braucht sie. In den letzten Jahren war das Wachstum beträchtlich. Die Kundenvermögen liegen heute doppelt so hoch wie noch vor vier Jahren. Und der Gewinn schwoll in den letzten Jahren rasch an – auf 591 Millionen Franken im letzten Jahr. 2012 konnte der Finanzarm der Post bereits zur Jahreshälfte 300 Millionen erwirtschaften.

Postfinance-Chef Köng kündigte an, dass er dieses Tempo kaum aufrechterhalten kann. «Die Zeit der Rekordergebnisse ist vorbei», sagte er kürzlich in einem Interview. Das dürfte Post und Bund schmerzen. Denn diese profitierten jahrelang vom lukrativen Schaffen der Postfinance. Die Gewinne wurden unter anderem zur Stärkung des Eigenkapitals der Post, aber auch für die Finanzierung der hauseigenen Pensionskasse verwendet. Mit einem Deckungsgrad von 96,7 Prozent wäre sie weiter dringend auf Gewinne angewiesen. Sie braucht nochmals 400 Mil­lionen, um endlich auf eine Basis zu kommen, auf der alle künftigen Leistungen auch mit Kapital gedeckt sind.

Die Höhe des Eigenkapitals und die Gewinnverteilung sorgen für heftige Diskussionen. Dabei geht vergessen, dass auch die langfristige Strategie der neuen Bank erst einmal überdacht werden muss. Heute ist der Zahlungsverkehr ihr starkes Bein. Künftig muss sie neue Geschäftsfelder erschliessen, um weniger von Zahlungen abhängig zu sein. Als eines dieser Gebiete könnte sich Experte Urs Bischof von Ernst & Young das Wertschriftengeschäft vorstellen. «So etwa das Securities Lending zwischen Banken, also quasi das besicherte Interbankenkreditgeschäft.»

Bischof schätzt, dass die Postfinance mit der Banklizenz allgemein in neue Geschäftsfelder vorstossen werde, die mehr Ermessensspielraum bieten. Falls die Postfinance im Wertschriftenbereich zu Investitionen bereit sei, wäre sie ein ernst zu nehmender Anbieter, ist ein anderer anonymer Bankberater überzeugt. «Mit Erhalt der Bankbewilligung der Finma ist ein eigenständiges Wertschriftengeschäft für die Postfinance eine Option», bestätigt ein Sprecher. Die Postfinance arbeitet bisher etwa im Online-Brokerage mit der Waadtländer Kantonalbank zusammen.

Immobilien als Startgeschenk

Bisher hatte das Postfinance-Management in der Geschäftsstrategie einen klaren Fokus auf sichere Anlagegeschäfte. Zwei Drittel der Kundengelder sind in mittel- und langfristige Obligationenportfolios investiert, fast ein Drittel im kurzfristigen Geldmarkt. Das Institut ist damit einem Zinsrisiko ausgesetzt: «Der Wert der Wertschriften könnte bei einem Zinsanstieg stark sinken, womit die Kapitaldecke dünner würde», sagt Martin Brown von der Universität St. Gallen. Auch darum tut eine Verbreiterung Not.

Doch ganz so weit ist der politische Prozess noch nicht: Nebst dem Entscheid der Finma braucht es für die Umwandlung in eine Postbank Aktiengesellschaft im 2. Quartal 2013 noch mehrere Beschlüsse des Bundesrates. Danach wird die Post ihre Tochter mit Bar- und Sachwerten wie etwa Immobilien ausstatten, bevor Post und Postbank juristisch getrennte Wege gehen.

Vielleicht wird die PR-Abteilung des gelben Riesen dann erneut ein Video mit Bankchef Köng auf Youtube laden. «Syt dr zfride?» «Mir sy sehr zfride.»

Outsourcing: Geschäft mit Grenzen

Branchenprimus
Heute stellt der Zahlungsverkehr das starke Standbein der Postfinance dar. Sie ist Primus im Geschäft mit jährlich mehr als 907 Millionen Transaktionen. Seit 2005 wickelt sie auch Geschäfte für Fremdinstitute, die UBS und andere Banken ab. «Wir stehen bezüglich Übernahme von Zahlungsverkehraufgaben im Gespräch mit weiteren Banken», so ein Sprecher. Daneben führe man «lose Gespräche über die Zusammenarbeit in anderen Verwaltungsbereichen, etwa in der Kreditabwicklung ». Mit ihrem Angebot bei den Zahlungen stösst die Postfinance aber an Grenzen. Die Banken sind bei der Weitergabe von Kundendaten zunehmend zurückhaltend. Zudem haben einige von ihnen bereits viel in ihre eigenen Systeme investiert. Interessant ist daher vielmehr das Mengengerüst an Kunden und Transaktionsvolumen, das die Postfinance in anderen Bereichen zum Tragen bringen könnte.

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