Das Jahr 2011 ist ein symbolträchtiges Datum in der Geschichte der Frauenrechte. 100 Jahre Frauentag, 40 Jahre Frauenstimmrecht in der Schweiz und 15 Jahre eidgenössisches Gleichstellungsgesetz. Das spornt Franziska Teuscher, Vizepräsidentin der Grünen, zu neuen Taten an. «In diesem Jahr mit all den Jubiläen will ich weiter daran arbeiten, dass die Diskriminierung aufgrund des Geschlechts endlich beseitigt wird.» Besonders ermutigt fühlt sie sich dabei von den neuesten Umwälzungen in der EU. Der Europäische Gerichtshof hat entschieden, dass in der Union nach Geschlechtern differenzierte Versicherungsprämien verboten sind (siehe Kasten).

«Ich werde jetzt mit einem neuen Vorstoss im Nationalrat nachdoppeln», verspricht Teuscher. Um bei Kranken-Zusatzversicherungen gleiche Prämien für Frauen und Männer durchzusetzen, reichte sie bereits 1998 eine parlamentarische Initiative ein. Diese wurde damals zwar an-genommen. Aber die nationalrätliche Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit stellte dann fest, dass bereits die Hälfte der Krankenversicherer geschlechtsneutrale Prämien für Privat- und Halbprivat-Zusatzversicherungen anbietet.

Mit hauchdünner Mehrheit von zehn zu neun Stimmen empfahl sie deshalb, die Initiative abzuschreiben. Was der Nationalrat 2004 auch tat.

Noch mauert die Branche

Nun kommt das Thema mit Macht zurück aufs Tapet. Dass das in der EU vorgespurte Thema auch in der Schweiz aufgegriffen wird, überrascht die Experten nicht. «Der Druck auf Schweizer Versicherungen, ebenfalls einheitliche Prämien einzuführen, könnte mit dem Urteil in der EU steigen», erklärt Helvetia-Mediensprecher Martin Nellen. Auch Selma Frasa-Odok, Mediensprecherin des Schweizerischen Versicherungsverbands, hält es für denkbar, dass das Urteil Signalwirkung habe und die Diskussion über Unisex-Prämien in der Schweiz wieder anheize. Im Zentrum der Debatte stünden neben Kranken-Zusatzversicherungen auch die Bereiche Auto- und Todesfall-Versicherungen.

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Dagegen mauert die Branche aber. «Die Schweizer Versicherer lehnen weiterhin ein Verbot unterschiedlicher Prämien für Mann und Frau ab, weil es dem Prinzip der risikogerechten Prämie widerspricht», sagt Frasa-Odok. Doch beim Thema Gleichstellung gerät der Verband bereits ins Lavieren: Der Versicherungsverband stehe voll und ganz zum Grundsatz der Gleichstellung von Mann und Frau. «Für beide Geschlechter sollen gleiche Massstäbe für die Berechnung der Prämien gelten. Gleiche Massstäbe heisst aber nicht immer gleiche Prämien», so Frasa-Odok.

In der EU bleibt den Schweizer Versicherern allerdings keine Wahl. Das wiegt umso schwerer, als sie einen Grossteil ihrer Prämien in Europa erwirtschaften (siehe Grafik). Swiss Life, Zurich oder Helvetia erklären denn auch unisono, man habe den Richterspruch zur Kennnis genommen und analysiere nun die Auswirkungen auf die Geschäftsaktivitäten in Europa.

Verständnis für die abwartende Haltung der Schweizer hat Una Grossmann, Mediensprecherin des deutschen Versicherungsverbands. «Man muss zuerst schauen, wie das Urteil umgesetzt wird.» Die Richter haben den Ball ans Europäische Parlament und an die EU-Kommission zurückgespielt. Von dort wird er an die nationalen Gesetzgeber der EU-Länder weitergegeben. Diese müssen wiederum bis 2012 Regelungen treffen, nach denen sich die Versicherer richten können. Schon heute ist aber klar, wer die Gewinner und Verlierer sein werden.

«Heute zahlen in der EU junge Autolenkerinnen bis zu 25 Prozent weniger Autoversicherungsprämien als ihre männlichen Alterskollegen», erklärt Grossmann. Damit soll nach dem Willen des Europäischen Gerichtshofs ab 21. Dezember 2012 Schluss sein. Ebenso abgeschafft werden Prämienvorteile bei Todesfall-Versicherungen, wo Frauen bisher vom geringeren Sterberisiko und der längeren Lebenserwartung profitieren. Umgekehrt bezahlen Männer heute bei Rentenversicherungen weniger Prämie wegen ihrer tieferen Restlebenserwartung - auch das soll in der EU 2012 passé sein.

«Treffen uns nicht in der Mitte»

Kritiker warnen, dass sich dann Produkte sowohl für Männer als auch für Frauen verteuern könnten. Ein Verdacht, den Grossmann vom deutschen Versicherungsverband so nicht bestätigt. «Aber es kann sein, dass die Gesellschaften bei der Tarifierung Sicherheitspuffer dazuschlagen.» Denn wenn die Versicherer nicht mehr nach risikogerechten, geschlechtstypischen Kriterien kalkulieren können, bestehe eine gewisse Unsicherheit. Daher werde man sich nicht in der Mitte treffen, warnt Grossmann. «Wenn eine Autopolice für Frauen 290 und für Männer 310 Euro kostet, wird der Durchschnittspreis nicht bei 300, sondern bei 305 Euro liegen.»

«Wir gehen ebenfalls davon aus, dass sich die Prämien aufgrund der nötigen zusätzlichen Sicherheiten wohl nicht in der Mitte treffen. Antiselektionseffekte sind zu erwarten», bestätigt Henning Wergen von der Deutschen Aktuarvereinigung. Sein Verband der Versicherungsmathematiker muss die neuen Tarife errechnen und ermitteln, wie viel Zusatzkapital nötig ist. Weil die Überlegungen erst angelaufen seien, könne er noch keine konkreten Angaben machen, so Wergen.

Zusätzliches Milliardenkapital nötig

Erste Schätzungen finden sich immerhin in einem Bericht des britischen Parlaments von 2004, als das Thema Unisex-Prämien in der EU erstmals virulent wurde. Für die britische Assekuranz beziffert der Report den zusätzlichen Kapitalbedarf im Bereich Autoversicherungen auf 3 bis 4 Prozent und bei Lebensversicherungen gar auf 30 bis 40 Prozent der Prämien. Branchenweit summiert sich das auf rund 1 Milliarde Pfund an Zusatzkapital - allein in Grossbritannien. Die Kapitalerfordernis kommt zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt, da 2013 zusätzlich unter dem Stichwort Solvency II verschärfte, kapitalintensivere Aufsichtsregeln in Kraft treten.

«Mehr Eigenmittel zu verlangen, wenn die Versicherer gleichzeitig mit der Erfüllung der Solvency-II-Vorschriften kämpfen, stellt eine zusätzliche Belastung für die Industrie dar», kritisiert Stephen Booth, Research Director beim Londoner Think Tank Open Europe. «Es scheint wirklich, als ob die Richter die ökonomischen Folgen ihres Urteils unberücksichtigt gelassen haben.»