Dies ist die beste aller Welten - jedenfalls für den Silberpreis. Während einerseits Teile der Weltwirtschaft spürbar Fahrt aufgenommen haben, nehmen andererseits die Sorgen um die Staatsfinanzen der klassischen Industrienationen eher noch zu.

So wird das weisse Metall auf der ganzen Bandbreite seiner Nutzung stark nachgefragt ob als Werkstoff in der Industrie oder als Wertspeicher für Anleger, die sich ums grosse Ganze sorgen. Inzwischen hat der Preis die Marke von 20 Dollar je Feinunze geknackt.

Im Fahrwasser des Goldes

Silber schwimmt damit erfolgreich im Fahrwasser seines «grossen Bruders», des Goldes. Der ultimative Krisenschutz kämpft sich in seiner Handelswährung Dollar seit Tagen an sein Allzeithoch aus dem Juni dieses Jahres heran, das bei knapp 1266 Dollar lag.

Von seinem Höchststand ist Silber zwar noch meilenweit entfernt - das Hoch von rund 50 Dollar aus dem Jahr 1980, verursacht durch eine gigantische Spekulation der Gebrüder Hunt, dürfte so schnell wohl nicht wieder erreicht werden. Aber immerhin ist es nun wieder so teuer wie zuletzt im März 2008, nachdem der Zusammenbruch der US-Bank Bear Stearns einen Vorgeschmack auf die folgende Finanz- und Wirtschaftskrise gegeben hatte. Damals war Silber im Fahrwasser des Goldes als Hort der Sicherheit vor allem bei Investoren gefragt. Der folgende Absturz auf gut 8 Dollar binnen weniger Monate belegt indes, wie komplex und spekulativ das Geschäft mit Silber ist.

Zwitter unter den Edelmetallen

«Silber ist unter den klassischen Edelmetallen eine Art Zwitter», sagt Wolfgang Wrzesniok-Rossbach vom Edelmetallkonzern Heraeus. «Es hat hohe Bedeutung als Industrierohstoff, wird aber zunehmend auch von Investoren nachgefragt.» Weil sich aber die Aussichten für die Wirtschaft im Laufe von 2008 verdüsterten, stürzte ähnlich wie Öl und andere Rohstoffe eben auch Silber ab. Die steigende Nachfrage nach Silber als Investment konnte das nicht kompensieren. Nun sieht die Welt wieder anders aus. Die Wirtschaft, vor allem jene der Schwellenländer, läuft. Das bedeutet: Silber wird gebraucht. Denn es besticht durch seine Vielseitigkeit und ist schwer ersetzbar. Silber weist von allen Metallen die höchste Leitfähigkeit für Wärme und Energie auf. So ist es im Einsatz bei der Herstellung von Batterien oder Katalysatoren, findet sich in Handys, Laptops oder Kühlschränken. Laut einer Analyse der Bank Unicredit werde die Industrienachfrage nach Silber in den kommenden zehn Jahren um jeweils 8% wachsen.

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Einen besonders grossen Anteil daran könnte die Photovoltaikbranche haben. «Dort wird Silber immer wichtiger», sagt Wrzesniok-Rossbach. So reflektieren silberbeschichtete Zellen das Sonnenlicht um ein Vielfaches besser und erhöhen so den Wirkungsgrad der Anlagen. Der Bedarf aus dieser Branche wird auf 1200 bis 1500 t jährlich geschätzt - bei einer Förderung von rund 20 000 t. Wer Silber als Industriemetall mit dem Aussterben der klassischen Fotografie totsagte, wird nun eines Besseren belehrt.

Der Silberberg von i-Shares

Bleibt umso weniger für all jene, die Silber als Ergänzung zum Sicherheit versprechenden Gold als eigene Anlageklasse sehen und ihre Wertpapierdepots damit bestücken wollen. Und auch deren werden ständig mehr. Schliesslich haben die Folgen der Finanzkrise ganze Staaten und sogar Währungssysteme an den Rand des Kollapses gebracht.

Vor allem die börsengehandelten Rohstofffonds (ETC) auf Edelmetalle, die in der Regel physisch mit dem Stoff hinterlegt sind, gewinnen an Beliebtheit. Allein der grösste dieser Fonds für Silber, der i-Shares Silver Trust, hält mittlerweile Bestände von knapp 9300 t. Über die gesamte ETC-Angebotspalette kauften Investoren jüngst in wenigen Tagen mehr als 3 Mio Unzen hinzu.

Enorme Risiken

Die Rally beim Silberpreis ist aber mit Vorsicht zu betrachten. Die Erfahrung zeigt, dass Silber als kleiner Bruder die Bewegungen des teureren Goldes häufig nachvollzieht - allerdings mit deutlicheren Ausschlägen.

Das birgt enorme Risiken, bietet aber auch Chancen. «Die Stärke von Silber spricht auch dafür, dass die Musik bei Edelmetallen kurzfristig weiterspielt», sagt Werner J. Ullmann, Rohstoffexperte bei ERA Resources. Thorsten Schulte wird konkreter, er erwartet bis 2011 Preise von bis zu 25 Dollar je Feinunze. An die Adresse weniger spekulativ eingestellter Anleger richtet er aber zugleich auch die Warnung: «Der Silberpreis wird schwankungsanfällig bleiben.»