Was lange Zeit nur eine Frage für Wirtschaftshistoriker war, beschäftigt aktuell immer mehr Ökonomen: Wie bilden sich Blasen und warum? Schon die Dotcom-Blase verhalf dem Thema zu grosser Aktualität. «Man konnte live miterleben, wie sich reihenweise die Bewertungen von den Fundamentaldaten entfernten», erzählt Wirtschaftsprofessor Harrison Hong von der Universität Princeton.

Und plötzlich war Princeton, 65 km südlich der Wall Street, Dreh- und Angelpunkt einer höchst aktuellen Forschungsrichtung. Eine Gruppe junger Wissenschaftler –Harrison Hong, Wei Xiong und Markus Brunnermeier –, die der damalige Wirtschaftsprofessor und heutige «Chefbeobachter» der Blasenbildung, Ben Bernanke, an die Universität geholt hatte, kam zu interessanten Ergebnissen:

Blasen entstehen, wenn Investoren zutiefst uneinig sind in der Beurteilung einer grossen Neuentwicklung wie des Internets. Weil es so viel schwerer fällt, auf fallende statt auf steigende Preise zu setzen, dominieren die bullishen Investoren.

Wenn sie einmal begonnen haben zu wachsen, charakterisieren sich Blasen durch einen rasanten Anstieg des Handels.

So eine Manie kann anhalten, auch wenn viele bereits eine Blase wittern, denn keiner kann sie allein erfolgreich angreifen. Nur wenn skeptische Investoren simultan handeln, platzt die Blase.

Aufgrund dieser und weiterer Ergebnisse sollte die Notenbank versuchen, die Entstehung von Blasen zu verhindern, raten die Forscher, anstatt Ansätze wie den von Alan Greenspan zu verfolgen. Spätestens die jüngste Blase hätte klar gemacht, dass aufmerksames Abwarten und eine Aufräumaktion nach dem Platzen der falsche Weg seien. «Hoch entwickelte Ökonomien sind stark von der Gesundheit des Finanzsystems abhängig, und diese Blase zerstörte die Fähigkeit des Finanzsystems, die US-Wirtschaft zu finanzieren», sagt José Scheinkman, den Bernanke 1999 nach Princeton geholt hatte.

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Absturz folgt auf Optimismus

Wer sind die jungen Wissenschaftler? Harrison Hong, ein gebürtiger Vietnamese, wuchs in Kalifornien auf und konnte den Tech-Boom unmittelbar miterleben. Er erinnert sich: «Alle um mich herum wurden plötzlich reich, ich fühlte mich schrecklich.» Folglich stieg er 2000 ein, kurz bevor die Blase platzte. 2002 kam er nach Princeton und weiss inzwischen: Grosse Innovationen führen zu grossen Unterschieden in der Bewertung zwischen bearishen und bullishen Investoren.

Zunächst läuft alles bestens für die Optimisten. Aber an einem bestimmten Punkt der Blasenbildung verflüchtigt sich der Optimismus, die Preise fallen. Man glaubt, Skeptiker würden die Preise jetzt für vernünftig halten und einsteigen. Tun sie das nicht, ist das ein Zeichen, dass die Preise schon viel zu hoch sind – und sie fallen weiter. Die Haltung bearisher Investoren «ändert sich mit grösserer Wahrscheinlichkeit bei fallenden Märkten», schreibt Hong.

Das erkläre, warum Preise viel schneller fallen, als sie steigen. In den vergangenen 60 Jahren waren 90 % der grössten Tagesveränderungen im S&P 500 Bewegungen nach unten. Wenn viel geliehenes Geld angelegt wird, beschleunigt sich der Preisverfall, denn Investoren wollen schnell verkaufen, um Schulden zu begrenzen. Wei Xiong, 32, der im Jahr 2000 nach Princeton kam, ergänzt: «Auf dem Höhepunkt einer Blase zahlen Leute völlig überzogene Preise und handeln wie verrückt.» Er fand zusammen mit Scheinkman heraus, dass Investoren unerschütterlich daran glauben, dass sie Recht haben und die anderen nicht. Und sie sind überzeugt, sie könnten immer noch einen höheren Preis erzielen. Heute herrscht Uneinigkeit über die Rohstoffpreise: Wie weit reflektieren sie die chinesische Nachfrage und was daran ist bereits Manie? Der Handel weist in Richtung Blase, das Volumen der Rohölkontrakte ist um 50% höher als vor einem Jahr. Doch Untersuchungen von Hong zusammen mit Motohiro Yogo von der Wharton School zeigen anhand eines Vergleichs von Cash- und Future-Preisen, dass die Rohstoffpreise zwar hoch seien, aber noch keine Blasenbildung zu erkennen sei. Blasen wachsen oft weiter, trotz Warnungen von Fachleuten. Markus Brunnermeier, 39, ist diesem Phänomen auf der Spur. Wenn ein Gruppe von Händlern die Preise irrational nach oben treibt, dann sollten rationale Händler sich das eigentlich zunutze machen und verkaufen.

Aber schon John Maynard Keyne, warnte: «Märkte können viel länger irrational bleiben als Investoren solvent.» Anleger, die eine Blase vermuten, attackieren sie nur, wenn sie darauf vertrauen, dass auch andere mit an Bord sind. Zusammen könnten rationale Anleger gegen eine Blase wetten und damit grosse Gewinne machen. Wenn sie sich aber nicht koordinieren, ist es für den Einzelnen riskant, dagegen zu wetten. Also schwimmen sie mit dem Strom.