Sie suchen für Ihren Fonds stets nach günstig bewerteten Titeln. Nach dem neuer­lichen Kurssturz an den Börsen wähnen Sie sich wohl im Schlaraffenland?

Georg von Wyss: Es stimmt, durch die fallenden Kurse ergeben sich noch mehr Gelegenheiten. Entsprechend kaufen wir jetzt auch zu, allerdings in kleinen Schritten. Wir halten jetzt schon sehr unter­bewertete Aktien. Wenn wir jetzt nochmals einen Fonds starten würden, wäre die heutige Situation tatsächlich einem Schlaraffenland ähnlich. Deshalb kann ich nicht verstehen, dass Anleger zu ­diesen Kursen noch Aktien verkaufen.

Die Lage in Europa verschlechtert sich rasant. Ist es da nicht verständlich, dass Investoren ihr Risiko reduzieren?

Aber die jetzigen Kurse enthalten schon einen grossen Teil der Risiken. Der europäische Euro Stoxx Index steht heute auf demselben Stand wie im Frühling 2009, als die USA ihre Bonitäts-Bestnote verloren. Insgesamt notieren die ­Aktienmärkte wieder auf dem Niveau der 1990er-Jahre – inzwischen haben sich aber die Gewinne der Unternehmen im Schnitt verdoppelt. Das ist der Schlüssel zu neuem Wachstum, wenn sich die Lage in Europa bessert.

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Sie setzten auf Halten und Abwarten. In den letzten zwölf Jahren haben die Anleger mit dieser Strategie nichts verdient. Muss heute nicht viel flexibler investiert werden?

Wenn alle Welt Aktien verkauft, sollte man die Gelegenheit zum Einstieg nutzen. Wir sind in Unternehmen investiert, die zum Beispiel Software, Computerchips und Kommunikationstechnik herstellen oder Versicherungen anbieten. Wenn man glaubt, dass solche Güter und Dienstleistungen in den kommenden Jahren gebraucht werden, gibt es keinen guten Grund, sich von deren Ak­tien zu trennen. Ansonsten müsste man ja einen Kartoffelacker haben – und dazu ein Gewehr, um die Ernte zu schützen.

Georg von Wyss, Classic Fund Management

Ihr Fonds konzentriert sich mit Europa und Amerika auf derzeit stagnierende Regionen. Können Investoren heute noch ohne das Wachstum der Schwellenländer auskommen?

Aber wir sind ja über grosse westliche Konzerne in Schwellenländern investiert. Diese haben bereits namhafte Aktivitäten dort und profitieren stark von diesem Schritt. Unser Vorgehen hat auch den Vorteil, dass wir uns in den sehr ­diversen und uns ziemlich unbekannten Rechtssystemen und Kulturen der Schwellenländer nicht bewegen müssen – diese Arbeit machen die Firmen, deren Aktien wir kaufen.

Auch bei den Einzeltiteln ist Ihre Auswahl mutig. Sie halten mit EFG International und Vontobel Positionen in Schweizer Privatbanken. Diese kämpfen mit einem massiven Strukturwandel. Wo sehen Sie da das Potenzial?

Mit diesen Titeln im Portefeuille stehen wir schon ziemlich alleine da! Wenn sich aber die Börsenlage bessert, und davon gehen wir über die nächsten drei Jahren aus, profitiert die Branche ganz direkt. Dann haben Schweizer Privatbanken das Potenzial, ihren Börsenwert zu verdoppeln.

Ihr Fonds ist zudem in Zurich und Swiss Re investiert. Deren Kursverlauf vermag auch nicht gerade zu begeistern.

Dafür sind die Bewertungen und Dividenderenditen attraktiv. Die Versicherer haben in ihrem Kerngeschäft in den letzten Jahren gut gearbeitet. Allerdings waren die Zinserträge auf der An­lageseite sehr schlecht, was die Fortschritte aufwog. Wenn die Zinsen jedoch steigen, werden die Versicherer rasch sehr viel besser dastehen. Wir sehen diese Titel deshalb auch als Absicherung ­gegen eine mögliche Inflation.

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Welche Sektoren interessieren Sie sonst noch?

Wir schauen uns sicher jene Branchen an, die von der Börse besonders malträtiert wurden. Aber im Wesentlichen konzentrieren wir uns auf einzelne Unternehmen, die ein überzeugendes Geschäftsmodell und eine attraktive ­Bewertung vorweisen können.