Am Freitag, 13. März 2009, schien sich der Aberglaube erneut zu bestätigen: Der damalige Bundespräsident Hans-Rudolf Merz gab bekannt, dass die Schweiz künftig nicht nur beim Steuerbetrug, sondern in bestimmten Fällen auch bei der Steuerhinterziehung ausländischen Staaten gegenüber Amtshilfe leisten würde.

Damit war das Schweizer Bankgeheimnis aufgeweicht, Pessimisten sahen es bereits am Ende. Bei allen Kontroversen waren sich die Experten aber sofort einig: Am stärksten von dem Entscheid betroffen sind die Privatbanken. Und damit deren Hochburg: Genf.

Eine halbe Überraschung

Yves Mirabaud zögert, wenn er nach seinen Erinnerungen an den 13. März 2009 gefragt wird. Dann aber lacht er. «Ich glaube, ich habe gearbeitet», sagt der Gesellschafter der Privatbank Mirabaud et Cie., deren Wurzeln bis ins Jahr 1819 zurückreichen. Und ganz ernst fährt Mirabaud weiter: Die Lockerung des Bankgeheimnisses sei nur eine halbe Überraschung gewesen. Dass der Bundesrat irgendwann dem Druck des Auslands nachgeben würde, hätten die Genfer Bankiers vorausgesehen. Deshalb seien sie auch nicht auf dem falschen Fuss erwischt worden.

Die Grossen profitieren

Das kann man glauben, wenn man will. Von aussen sichtbar ist, dass die Genfer Banker auch in diesem Umfeld noch Geld anziehen konnten. So meldete Pictet, die grösste Schweizer Privatbank mit Hauptsitz in Genf, fürs Gesamtjahr 2009 einen Nettozufluss an Kundengeldern von 20 Mrd Fr. Mitbewerber Lombard Odier kam immerhin noch auf 8 Mrd Fr.

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Ob sich aus diesen Zahlen ein Nettowachstum für den Finanzplatz Genf ergibt, ist gemäss Experten aber nicht gewiss. Es sei immerhin denkbar, dass ein Teil der Gelder von kleineren, vermeintlich weniger sicheren Privatbanken zu den grossen geflossen sei, ein Teil aber ins Ausland, wodurch sich für den Finanzplatz insgesamt ein Nettoabfluss an Geldern ergeben hätte. Untermauern lässt sich keine der Thesen, weil die meisten Privatbanken die Diskretion der Publizität vorziehen. Das gilt auch für die Schweizer Niederlassungen der anglo-chinesischen HSBC Privatbank.

Loyalität ist Trumpf

Was Genf von anderen Finanzplätzen unterscheidet? Für Pierre Pâris ist die Antwort klar: Die hervorragende Ausbildung und Qualifikation der Genfer Bankiers. Das sei für den ehemaligen UBS-Banker auch der Hauptgrund gewesen, die Privatbank Pâris Bertrand Sturdza am Standort Genf zu gründen. Dies geschah 2008, also inmitten der Finanz- und Wirtschaftskrise. «Wir waren die einzige Bank, die sich im Krisenjahr um eine vollwertige Bankenlizenz beworben hat», erinnert sich Pâris heute.

Was Pâris an Genf ebenfalls schätzt, ist die Loyalität der Bankiers. Der New York-Erfahrene weiss, wovon er spricht: «In den USA steht der rasche Aufstieg im Mittelpunkt bei welcher Bank ist da nicht so wichtig. In Genf bleiben Mitarbeiter ihrer Bank oft ein Leben lang treu.»

Dass Genf wenig von seiner Attraktivität eingebüsst hat, beweist auch die neuste Studie der Z/Yen-Gruppe. Jährlich bewertet das Londoner Beratungsunternehmen die Attraktivität der internationalen Finanzplätze. Genf ist im vergangenen Jahr um einen Platz auf Rang 8 vorgerückt. Gleichzeitig hat Zürich einen Rang eingebüsst und liegt nur noch einen Platz vor Genf.

Angeführt wird das Ranking der attraktivsten Finanzplätze wie in den vergangenen Jahren von London. Diesmal muss sich die Stadt an der Themse den Spitzenrang aber mit New York teilen. Der Grund ist die Bankersteuer, die Einkommen über 150 000 Pfund mit 50% besteuert. Vom Exodus der Londoner Top-Banker profitiert dabei ausgerechnet der Finanzplatz Genf. Besonders Hedge-Fonds haben Interesse an Niederlassungen an der Rhone bekundet, einige namhafte Grössen dieses ebenfalls verschwiegenen Geschäfts hat es bereits an den Lac Léman gezogen.

Bald eine Steuerhölle?

Doch mit weit geöffneten Armen kann Genf die Neuankömmlinge nicht empfangen: Es fehlt noch an geeigneter Infrastruktur (siehe «Nachgefragt»). Und auch die steuerliche Belastung bereitet Alteingesessenen und Neuzugezogenen zunehmend Sorgen: «Ein Steuerparadies ist Genf nie gewesen», sagt Pierre Pâris. Die Stadt und der Kanton sollten sich aber nicht zur Steuerhölle entwickeln.

Wie das Londoner Beispiel demonstriert, schaden hohe Steuern der Attraktivität eines Bankenplatzes weit mehr als Finanz- und Wirtschaftskrisen.