Als Lee Kuan Yew, der Übervater Singapurs, vor bald fünfzig Jahren beschloss, dass der tropische Stadtstaat möglichst so werden müsse wie die Schweiz, meinte er damit auch den Finanzplatz. Und so kam es, dass sich die Behördenvertreter aus Singapur ein Beispiel an all dem nahmen, was die Schweizer Geldbranche bis heute unter dem Begriff «Swiss Banking» subsummiert.

Und sie taten das mit Erfolg. Denn spätestens in den vergangenen zehn Jahren avancierte Singapur zur am schnellsten wachsenden Finanzdrehscheibe der Welt. 2004 hatten ausländische Kunden umgerechnet etwa 400 Milliarden Franken in diesem Stadtstaat deponiert, mittlerweile sind es gut 1200 Milliarden Franken; das ist immer noch weniger als in der Schweiz, wo mindestens 2300 Milliarden Franken an privaten Offshore-Vermögen liegen. Doch die Wachstumsraten in Asien sind zweistellig und in der Schweiz bestenfalls noch tief einstellig. Und während in der Schweiz immer weitere Banken die Segel streichen, zieht es nach wie vor eine stattliche Anzahl an Geldhäusern in das Eldorado am Äquator.

Doch für die Letzten könnte es zu spät sein, denn erstmals seit langem hat sich 2014 das Wirtschaftswachstum in Singapur abgeschwächt. Ausserdem bedroht eine riesige Immobilienblase den weiteren Wohlstand des kleinen Landes, was wiederum die abnehmende Konsumfreudigkeit der Leute erklärt. Kommt hinzu, dass immer mehr Stadtbewohner über die sozialen Medien das politisch autoritäre System hinterfragen, was mittelfristig zu einer Destabilisierung Singapurs führen könnte.

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Vorsicht vor Schwätzern

Justin Ong, der leitende Finanzexperte der internationalen Beratungsfirma PwC in Singapur, sieht vor diesem Hintergrund auch für die Bankbranche wachsende Probleme. Sein Hauptvorwurf lautet: Viele Banken hätten es nach der Finanzkrise verpasst, ihre Geschäftsmodelle den neuen Gegebenheiten und den veränderten Bedürfnissen der Klientel anzupassen. Daraus ergäben sich Fehlentwicklungen.

Ein gefährlicher Trend gehe dahin, dass viele Banken ihren vermögenden Privatkunden Investmentbanking-Dienstleistungen aufschwatzen wollten. Zu diesem Zweck würden immer mehr Investmentbanker angestellt, die jedoch von kurzfristigen Zielen getrieben seien, was der klassisch-langfristigen Vermögensverwaltung einen falschen Drall gebe. Erfolgreiche Bankangestellte könnten mittlerweile auch so hohe Löhne fordern, dass die meisten Finanzinstitute gezwungen seien, in anderen Abteilungen, insbesondere in der Administration, massiv zu sparen. Darunter leide die Service-Qualität, die letztlich ebenso wichtig sei wie ein guter Kundenberater.

Überraschend relativiert Justin Ong auch die in Singapur gern zitierte Prognose, wonach der Finanzplatz in den nächsten fünf bis zehn Jahren die Schweiz als globales Private-Banking-Zentrum überholen wird. Dafür hat der Fachmann bestenfalls ein Lächeln übrig. Natürlich sei das Wachstum der Kundengelder in Singapur doppelt so hoch wie in der Schweiz, sagt er, doch in Singapur seien auch nur halb so viele Kundenvermögen stationiert wie in der Schweiz. Und daran werde sich nichts ändern.

Mit Weissgeld-Strategie gut unterwegs

Den Grund dafür nennt er auch gleich: Weil das US-Regelwerk Fatca überall auf der Welt zur Anwendung komme und sich darüber hinaus die Transparenz im Bankwesen zum globalen Standard entwickle, würden viele Steueroasen und entsprechend einschlägige Finanzzentren kaum überleben können.

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Im Gegensatz dazu habe die Schweiz bereits ein weites Stück des Weges zurückgelegt und sei mit ihren Gesetzen und mit der «Weissgeldstrategie» auf die «neue Welt» im Banking bestens vorbereitet; so übernehme sie – einmal mehr – eine Vorreiterrolle. Singapur müsse seine Zukunftstüchtigkeit hingegen noch beweisen. Nicht zuletzt, weil China im Begriff sei, mit Shanghai die ganz grosse Finanzdrehscheibe von morgen zu etablieren.

Grafik Vergleich Singapur/Zürich