Selten erlebte ein Flugzeugmodell seinen ersten Flug gemäss den ursprünglichen Zeitplänen. Die Verschiebung der Auslieferung der ersten Boeing 787 «Dreamliner» kommt deshalb für Analysten nicht überraschend.

Auch die Reaktionen von Boeing-Kunden wie der japanischen Fluggesellschaft ANA oder British Airways weisen darauf hin, dass solche Verzögerungen bereits einkalkuliert wurden. Das bedeutet:Flüge werden nicht abgesagt, aber Boeing muss wohl einigen Kunden Konventionalstrafen bezahlen.An der Börse sorgte die Verzögerungsmeldung trotzdem für Wirbel. Die Boeing-Aktie tauchte um 5% ab, die des europäischen Konkurrenten und Airbus-Besitzers EADS dagegen stieg um 1,8%. Unter Druck kamen auch Calls wie BAGSD mit einem Verlust von 40% oder BOEWY mit einem Minus von 30%. Zuvor hatte die Boeing-Aktie mit einem Anstieg von 14% seit Jahresanfang den Dow Jones-Index knapp geschlagen.

Noch böse Überraschungen?

An den fundamentalen Verhältnissen für Boeing ändert sich aber wenig. Die Auftragsbücher sind mit über 700 Bestellungen für die 787 randvoll. Laut der Bank of America lässt sich der finanzielle Schaden für Boeing indes noch nicht beziffern. Hier könnte es laut ehemaligen Boeing-Ingenieuren noch zu bösen Überraschungen kommen. Denn bei der 787 ist die Produktion, wie es auch bei Autoherstellern üblich ist, grösstenteils an Zulieferer ausgelagert. Boeing setzt nur noch die Komponenten zusammen. Boeing-CEO Jim McNerney liess dennoch verlauten, die Verschiebung würde «keinen materiellen Einfluss» auf die Gewinnprognosen für dieses und das nächste Jahr haben. Laut Finanzchef James Bell wird sich ein Teil des Umsatzes von 2008 auf das Folgejahr verschieben. Schwerer wiegt der Gesichtsverlust gegenüber den asiatischen Fluggesellschaften. Beispielsweise wollte ANA mit der neuen Boeing Passagiere zur Olympiade nach Peking fliegen. Noch mehr als die Boeing-Aktie kamen einige Zulieferer wie Honeywell (Bordelektronik), Eaton (Pumpen und Ventile), Moog (Flugkontroll-Systeme) oder Goodrich (Reifen) unter Druck. Kaum betroffen hingegen ist laut einem Sprecher der Triebwerklieferant Rolls-Royce.

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Zurückhaltung bei Airbus

Credit-Suisse-Analyst Steve East weist darauf hin, dass die schlechten Nachrichten bei Boeing gute für die EADS-Aktie wären, es aber schwierig sei, diesen Vorteil umzumünzen. Denn wer heute bei Boeing oder Airbus die neuen Mittel- und Langstreckenmodelle auf leichter Kohlefaserbasis kauft, fliegt frühestens im Jahr 2015 damit. Nach dem Kursrutsch bei der Aktie sind Boeing-Calls mit Ausübungspreisen von 100 bis 110 Dollar wieder attraktiv geworden, um von einer Erholung nach dem Quartalsergebnis am 24. Oktober profitieren zu können. Eine «Versicherung» gegen weitere schlechte Nachrichten bieten hingegen die Puts BAVPP oder BAVXX mit Ausübungspreisen von 95 bzw. 90 Dollar. Auf EADS hat Sal. Oppenheim ein Discounter-Zertifikat in der Schweiz ausstehend. Hebelprodukte bieten in Deutschland unter anderem ABN Amro, Citibank, die Deutsche Bank, Commerzbank oder HSBC an. Defensivere Anleger hingegen werden strukturierte Produkte mit Teilabsicherung und Puffer vorziehen. Denn auch wenn Singapore Airlines jetzt den ersten A380 Superjumbo übernimmt, sind Verzögerungen beim strategisch mindestens so wichtigen A350-Programm nicht auszuschliessen.