Es ist ein Aufstieg, von dem Banker im gesättigten Schweizer Markt träumen. Dem Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz und seiner Truppe ist er innerhalb von zehn Jahren geglückt. Die Genossenschaftsbank stieg zur Nummer drei unter den Schweizer Geldhäusern auf, gleich hinter den beiden Riesen UBS und Credit Suisse. Den Podestplatz haben die Genossenschafter vor allem ihrem florierenden Kreditgeschäft zu verdanken. Dieses ist zwischen 2003 und 2010 im Schnitt um 7 Prozent pro Jahr gewachsen. Im wichtigsten Geschäftsfeld, den Hypothekarkrediten, steigerte die Bank ihren Marktanteil von 13,2 auf 15,8 Prozent.

Doch jede Erfolgsgeschichte hat eine Kehrseite. Es gibt für eine Bank in der Regel nur zwei Möglichkeiten, schneller zu wachsen als der Markt. Entweder sie erkauft Marktanteilsgewinne über ein höheres Kreditrisiko – oder sie bezahlt sie über eine geringere Profitabilität.

Sinkende Zinsmarge

Stefan Morkötter weiss, welchen Weg Raiffeisen einschlug. Der Professor am Schweizerischen Institut für Banken und Finanzen an der Universität St. Gallen und sein Co-Autor Roger Stettler gingen in einem Forschungsprojekt im Raiffeisen-Konzern auf Spurensuche. Sie durchforsteten die Jahresabschlüsse von 339 Genossenschaftsbanken während der Jahre 2003 bis 2010. Zudem analysierten sie, wie sich innerhalb der Bankengruppe Profitabilität, Kreditwachstum und Risiko der einzelnen Institute gegenseitig beeinflussen.

Aus den Forschungsresultaten, die der «Handelszeitung» vorliegen, geht hervor, dass die Profitabilität gemessen an der durchschnittlichen Gesamtkapitalrendite je Raiffeisenbank – der sogenannten Return on Assets − zwischen 2003 und 2010 von 1,44 auf 1,09 Prozent sank. «Mit dem Kreditwachstum nahmen die einzelnen Genossenschaften eine geringere Profitabilität in Kauf», sagt Stettler auf Anfrage. Innerhalb der Gruppe verringerte ein zusätzliches Kreditwachstum von 1 Prozent die Rendite im selben Jahr um 0,014 Prozent für die jeweilige Raiffeisenbank, rechnen die Wissenschafter vor. Raiffeisen Schweiz entgegnet, ein Wachstum um 1 Prozent zahle sich unter dem Strich immer noch aus.

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Für die Wissenschafter ist die Raiffeisen ein ideales Studienobjekt. Denn die Gruppe setzt sich aus unabhängigen Genossenschaften zusammen, die in ihrem jeweiligen lokalen Marktsegment tätig sind. Gleichzeitig sind einheitliche Strukturen vorhanden. Raiffeisen Schweiz bietet den Einzelbanken zentralisierte Dienste mit einer einheitlichen Rechnungslegung, Risikomessung und IT. «Da alle Raiffeisenbanken über das gleiche EDV-Bankensystem verfügen, sind die Zahlenauswertungen sehr aussagekräftig», sagt Willi Gubser, Präsident der Raiffeisenbank Tägerwilen, der grössten Genossenschaftsbank.

Die Untersuchung der St. Galler Wissenschafter verdeutlicht, dass bei den Raiffeisenbanken nicht nur die Profitabilität im untersuchten Zeitraum litt. Vielmehr ging auch die Zinsmarge wie bei anderen Schweizer Banken zurück. Branchenweit sank sie von 1,69 im Jahr 2003 auf 1,46 Prozent 2009. «Die sinkende Zinsmarge belastet die Profitabilität, weil Kosten nur bedingt variabel sind», so Morkötter. Raiffeisenbanken, die stark gewachsen sind, seien demnach überproportional vom Margenrückgang betroffen gewesen.

Die stetig sinkende Aktivmarge können Banken eigentlich mit tiefen Passivzinsen abfedern. «Da Raiffeisen dort aber zu grosszügige Zinssätze – etwa auf Sparguthaben – anbietet und generell das Zinsniveau sehr tief ist, sinkt auch die Passivmarge insgesamt seit Jahren», kommentiert Andreas Dietrich vom Institut für Finanzdienstleistungen Zug. Für Raiffeisen ist dies Teil der Strategie. «Grosszügige Zinssätze entsprechen den Mitgliedervorteilen, die uns als Genossenschaftsbank wichtig sind», heisst es bei der Gruppe in St. Gallen.

Um die Marge einigermassen stabil zu halten, geht die Bank gemäss dem Stabilitätsbericht der Schweizerischen Nationalbank ein immer höheres Risiko bei der Fristentransformation ein. Diese beschreibt die Unterschiede der Laufzeiten der Zinsbindung von Forderungen (Hypotheken) und Verbindlichkeiten (Kundengeldern). Die Nationalbank bemängelte 2011, ein Anstieg der Zinsen um 2 Prozent würde bei der Raiffeisen zu einem Wertverlust des Eigenkapitals von 18 Prozent führen.

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Konkurrenten wie die Clientis-Banken, die in den letzten Jahren mit durchschnittlich 1 Prozent pro Quartal deutlich langsamer gewachsen sind, bewerten bereits ihr Wachstum noch knapp als verkraftbar. Ein stetiges Wachstum, das die Eigenkapitalbildung für künftiges Wachstum erlaube, reiche vollkommen, sagt Chef Hans-Ulrich Stucki. «Das halte ich für gesund und sinnvoll – mehr wäre für uns gar nicht verkraftbar.» Doch fügt er an, dass Genossenschaften wohl besser mit unterdurchschnittlicher Profitabilität leben könnten als Banken, die dem Renditedruck der Aktionäre unterworfen sind.

Regionale Unterschiede

Die Studie der St. Galler Forscher zeigt, dass die Leistungen der Genossenschaftsbanken teils erheblich auseinander-klaffen. Die Gesamtkapitalprofitabilität schwankte 2010 je nach Genossenschaft zwischen 0,6 und 2,2 Prozent, so Morkötter. Raiffeisen bestreitet diese Zahlen. Unterschiede lägen aber auf der Hand, da die einzelnen Institute ja in verschiedenen Märkten mit unterschiedlichen Marktanteilen tätig seien.

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Weiter konnten die Forscher zeigen, dass eine starke Position in der jeweiligen Region einen positiven Einfluss auf das Kreditwachstum hat. Eine Genossenschaft wächst in der Region umso stärker, je besser vernetzt sie ist. Das zeigen die Forscher anhand des Marktanteils in einer Region und des jeweiligen Kreditwachstums. Ihren Berechnungen zufolge führt 1 Prozent mehr Marktanteil zu 1,4 Prozent mehr Kreditwachstum.

Das könne an der Bekanntheit der Raiffeisen in der Region liegen, oder an einem guten Zugang zu Generalunternehmern, sagen die Autoren. Letztlich dürften auch die jeweiligen Führungsmannschaften den Ausschlag geben. «So wie sich in den verschiedenen Landesgegenden die Gemeinde- oder Gesellschaftsstrukturen entwickeln, so entwickeln sich die verschiedenen Raiffeisenbanken», kommentiert Genossenschafter Gubser.

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Kritiker monieren, die Raiffeisenbanken gingen bei ihrem Wachstum unverhältnismässige Risiken ein. Diesem Vorwurf halten Morkötter und Stettler jedoch ihre eigenen Erkenntnisse entgegen. Laut ihnen wachsen nur die Genossenschaften mit besonders vielen Eigenmitteln stark. Die Forscher zeigen, dass es noch keine positive Korrelation zwischen Kreditwachstum und Kreditverlusten gibt. Anders ausgedrückt: Das Kreditwachstum findet nicht auf Kosten eines höheren Risikos statt. Was aber nicht heissen müsse, dass das in fünf Jahren immer noch so aussehe, so die Wissenschafter.