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«Ratingagenturen haben mehr Einfluss als der Präsident»

Thomas Gitzel, Senior-Ökonom VP Bank

Die Wahl von François Hollande zum neuen Präsidenten Frankreichs würde die politische Achse Paris–Berlin auf die Probe stellen, befürchtet Thomas Gitzel, Ökonom bei der VP Bank in Liechtenstein. Aller

Von Roberto Stefano (Interview)
am 25.04.2012

Wie verfolgen Sie die Präsidentschaftswahlen in Frankreich?
Thomas Gitzel: Ich habe mich im Internet aufdatiert. Die ersten inoffiziellen Ergebnisse habe ich über Twitter erfahren. Wie sich herausgestellt hat, haben diese das Ergebnis gut vorweggenommen.

Welchen Kandidaten bevorzugen Sie?
Politisch bin ich als Nichtfranzose neutral. Die Wahlen in Frankreich sind für die Euro-Zone von grosser Bedeutung, insbesondere im Zusammenspiel mit Deutschland. In Bezug auf das Verhältnis mit Bundeskanzlerin Angela Merkel hat sich mit dem Ausgang des ersten Wahlgangs das Konfliktpotenzial erhöht.

Was, wenn sich entgegen den Erwartungen dennoch Nicolas Sarkozy durchsetzt?
Zumindest wäre die politische Kontinuität gewährleistet. In der ak­tuellen Situation würde dies die Märkte etwas beruhigen. Das wäre sicherlich ­positiv.

Sehen Sie auch positive Aspekte, sollte Hollande gewählt werden?
Zuletzt haben die Märkte auf einen allzu rigorosen Sparkurs ohne Konjunkturprogramme zum Teil negativ reagiert. Hollande hält Sparen alleine auch für kontraproduktiv. Daher könnten die Märkte sogar positiv überraschen.

Doch der Euro ist am Tag nach dem ersten Wahlgang zeitweise auf 1.3106 Dollar ­gefallen. Auch die Untergrenze von 1.20 Franken je Euro wurde touchiert.
In Erwartung einer Wahl Hollandes gehen wir davon aus, dass der Euro gar unter 1.30 Dollar fallen könnte. Eine Wette gegen den Euro mit Hilfe von ­Devisentermingeschäften könnte sich für Investoren lohnen. Gegenüber dem ­Franken dürfte sich kaum etwas tun, da die Schweizerische Nationalbank die Grenze von 1.20 Franken verteidigen wird.

Weshalb haben anders als beim Euro die Renditeaufschläge auf französische Staatsanleihen nach den Wahlen kaum reagiert?
Die Anleihenmärkte haben in den Vorwochen schon einiges vorweggenommen. Bundesanleihen, Eidgenossen und US-Treasuries waren zuletzt stark gesucht. Auch sind die Risikoaufschläge auf französische Staatsanleihen im Vorfeld der Wahlen stark gestiegen. Je nach Ausgang der Stichwahl im Mai und den ersten Auftritten des neuen Präsidenten am EU-Gipfel ist aber eine heftigere Reaktion nicht auszuschliessen. Derzeit konzen­trieren sich die Märkte noch vermehrt auf die Entwicklung in Spanien.

Wie sollen sich die Investoren positionieren?
Wir raten zur Vorsicht. Wer Ren­dite sucht, sollte eher in Anleihen von ­Firmen mit hoher Bonität investieren.

Auch der Aktienmarkt scheint eine Wahl Hollandes bereits in den Kursen eingepreist zu haben?
Die Finanzmärkte haben schon viel vorweggenommen. Auf den leichten Kurseinbruch kurz nach den Wahlen folgte bereits wieder eine Erholung. Bis zur Stichwahl dürften die Finanzmärkte aber nervös bleiben. Zumal in den kommenden Wochen auch in den Niederlanden und Griechenland Wahlen bevorstehen.

Was raten Sie Investoren?
Innerhalb der Euro-Zone würden wir den deutschen Markt bevorzugen. Darüber hinaus favorisieren wir grosse Exportunternehmen, die weniger von der Euro-Zone abhängig sind. Wer nicht auf Frankreich verzichten will, sollte sich auf Exporteure, insbesondere aus dem Pharmasektor, konzentrieren. Denn unter Hollande dürfte Frankreich stärkere Markteingriffe erleben als unter Sarkozy.

Wie wirkt sich die Präsidentschaftswahl auf Schweizer Firmen mit wichtigem Frankreich-Geschäft aus?
Für diese Firmen wird sich wohl nicht viel verändern. Denn egal wie der Urnengang ausgehen wird, sind in Frankreich Reformen unabdingbar. Hierbei werden die Ratingagenturen einen grös­seren Einfluss haben als der Präsident.

Thomas Gitzel, Senior-Ökonom VP Bank

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