Andrew Lahde machte den Abschied kurz. «Bei allem Respekt: Ich steige aus», schrieb der US-Hedge-Fonds-Manager seinen Anlegern letzten Oktober. «Ich werde nicht länger Geld für andere Menschen oder Institutionen verwalten.» Lahde galt als einer der Besten der Branche; die «Financial Times» hatte ihn kürzlich zu einem der erfolgreichsten Manager der vergangenen zwei Jahre gekürt.

Millionen Anleger dürften bald ähnliche Abschiedsbriefe erhalten. Denn Analysten und die Branche selbst gehen davon aus, dass mindestens 20% aller Hedge-Fonds weltweit vom Markt verschwinden werden. «Meiner Meinung nach wird sich die Grösse der Branche um die Hälfte oder gar zwei Drittel reduzieren», sagt Hedge-Legende George Soros.

Die Gründe dafür sind etwa die hohen Mittelabflüsse: 650 bis 700 Mrd Dollar werden Anleger 2008 insgesamt aus Hedge-Fonds abziehen, schätzt der New Yorker Börsenmakler Empirical Research Partners. Anfang des Jahres verwaltete die Branche nach Angaben des Datenanbieters Hedge Fund Research (HFR) knapp 2000 Mrd Dollar. Das würde bis Ende Dezember rund ein Drittel weniger Kapital bedeuten. Die Kapitalflucht dürfte 2009 anhalten. Das Analysehaus Bernstein Research hat Hedge-Fonds-Anbieter gefragt, ob die Abflüsse weitergehen werden. Rund 60% der Befragten schätzen, dass aktuell erst 50% der Abflüsse oder sogar noch weniger erfolgt sind.

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Schmerzhaftes Deleveraging

Wegbrechende Einnahmen sind die Folge von Anlegerschwund und schlechter Performance. Denn Hedge-Fonds haben zwei Haupterlösquellen: Jährliche Verwaltungsgebühren von rund 2% des Anlagebetrags und performanceabhängige Gebühren von im Schnitt 20% der Rendite. Ohne positive Wertentwicklung können die Fonds keine Performancegebühren berechnen. Zudem sinken die Einnahmen aus Verwaltungsgebühren, die von der Höhe des verwalteten Kapitals abhängen.

Die Gebührenausfälle dürften andauern. Denn: Hat 2008 ein Fonds 30% Wertverlust erlitten, müsste er 2009 und 2010 je 20% Zuwachs erzielen, damit der Anteilswert einen neuen Rekord erreicht Voraussetzung dafür, dass eine Performancegebühr fällig wird. «Das wird viele Anbieter zwingen, abzuwägen», sagt Citigroup-Stratege Tobias Levkovich. Einige Fondsmanager werden sich entschliessen, ihre Geschäfte aufzulösen.»

Auch das Deleveraging trifft die Branche hart. Dieser Prozess bedeutet, dass sich Hedge-Fonds ebenso wie andere Unternehmen entschulden müssen. In den vergangenen Jahren haben die Fonds zusätzlich zum Anlegerkapital günstige Kredite aufgenommen. Mit diesem «Hebel» (Leverage) konnten sie ihre Gewinn- und Verlustchancen erhöhen.

Doch im Zuge der Kreditkrise haben die Banken ihre Kreditlinien gekürzt oder gestrichen. Daher können die Fonds nur noch geringere Hebel als früher ansetzen. Das Deleveraging ist noch nicht abgeschlossen. Bernstein Research gegenüber haben 37% der befragten HedgeFonds-Manager angegeben, sie hätten den Prozess aktuell höchstens zur Hälfte durchlaufen. Eine Marktbereinigung wird das Ergebnis schwindender Investoren, sinkender Einnahmen und fehlenden Fremdkapitals sein. Von 1999 bis 2007 sind jährlich etwa 4 bis 6% der Hedge-Fonds weltweit vom Markt verschwunden, zeigen Zahlen des Datenanbieters Hennessee Group. Damit wird es diesmal nicht getan sein.

Aktuell gibt es HFR zufolge weltweit rund 3100 Hedge-Fonds. Marktbeobachter schätzen die tatsächliche Zahl aber weitaus höher ein, da die Fonds zumeist auf kleinen Karibikinseln wie den Cayman Islands beheimatet sind, wo sie keinerlei Aufsicht unterliegen. Lyxor geht von rund 7000 Produkten aus. Wie viele davon wird es in einem Jahr noch geben? Credit Suisse geht von rund 70% aus.

Grosser Einfluss auf die Kurse

Das muss auch die Anleger von «traditionellen» Investments interessieren. Denn die Hedge-Fonds-Pleiten werden den gesamten Aktien-, Anleihe- und Rohstoffmarkt treffen. Schon die Kurseinbrüche der letzten Monate gingen teils aufs Konto von Hedge-Fonds. Diese verkauften Papiere, um sich für kommende Abflüsse zu rüsten. Die Analysten von Kepler verdeutlichen die noch zu erwartenden Auswirkungen: «Die Hedge-FondsIndustrie macht ungefähr 32% des Aktienhandels in den USA aus. Dies bedeutet, dass Notverkäufe einen enormen Einfluss auf Marktbewegungen haben werden.»