Seit rund einem Jahr sind Sie CEO der SIX-Group. Welche Bilanz ziehen Sie?

Urs Rüegsegger: Eine sehr positive. Wir sind in Bezug auf die Integration besser vorangekommen als wir uns das erhofft hatten. Trotz schwierigem Marktumfeld war 2008 für uns ein äusserst erfreuliches Jahr.

Ein äusserst erfreuliches Jahr? Angesichts der Finanzkrise überrascht diese Bilanz. Welche Ziele haben Sie nicht erreicht?

Rüegsegger: Eine Integration von drei unterschiedlichen Unternehmen kann man nicht in einem Jahr abschliessen. Die Prozesse laufen noch, aber sie kommen planmässig voran. Die kulturelle Veränderung, die durch den Zusammenschluss nötig ist, braucht noch Zeit. Unsere Mitarbeiter müssen sich verstärkt auf die Kundenbedürfnisse ausrichten.

In wenigen Wochen werden Sie die alte Börsenplattform durch eine neue, leistungsfähigere ersetzen. Läufts nach Plan?

Rüegsegger: Ja, es gibt keine Verzögerungen, sodass wir das neue System am 16. Februar 2009 starten. Dadurch werden die Anbindung der Börsenteilnehmer und die Kapazität der Plattform verbessert.

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Wie hoch sind die Kosten, die Sie dank der Zusammenlegung der Börseninfra-strukturfirmen SWX, SIS und Telekurs einsparen?

Rüegsegger: Wir haben uns zum Ziel gesetzt, insbesondere im Bereich IT und Logistik, innerhalb der ersten zwei Jahre 50 Mio Fr. an Kosten einzusparen. Da bewegen wir uns auf dem richtigen Weg. Wir sind in der Lage, bis 2010 unser Ziel zu erreichen. Eine zusätzliche Kostenreduktion von 15 Mio Fr. pro Jahr bringt die Rückführung des Handels mit Schweizer Blue Chips aus London in die Schweiz.

Sie haben die Gebühren gesenkt. Planen Sie eine weitere Gebührenreduktion?

Rüegsegger: Im Börsenhandel haben wir im April eine erste und im Oktober 2008 eine zweite Gebührensenkung vorgenommen. Vorderhand sehen wir keinen Handlungsbedarf für weitere Tarifreduktionen. Die Eigentümer haben im Rahmen ihrer Eigentümerstrategie definiert, dass wettbewerbsfähige Preise wichtiger sind als die Höhe der Dividende. Ebenfalls substanziell wurden die Tarife der Division Securities Services gesenkt.

Allerdings geben die Banken die tieferen Gebühren kaum an die Kunden weiter. Stört Sie das nicht?

Rüegsegger: Dazu geben wir keine Empfehlungen ab. Das ist Sache zwischen den Banken und ihren Kunden. Unser Ziel ist es, die Banken wettbewerbsfähiger zu machen, damit diese im Kampf um die Kunden eine bessere Position haben.

Wegen der Finanzkrise sind die Handelsumsätze an der Schweizer Börse im November um 45% eingebrochen. Hat sich diese negative Tendenz im Dezember bestätigt?

Rüegsegger: Ja. Auch wenn wir für 2008 eine Rekordzahl von Transaktionen ausweisen werden, trifft uns die Finanzkrise unmittelbar. Der Rückgang bei der Anzahl der Transaktionen in den letzten Monaten und die geringere Durchschnittsgrösse der Transaktionen führen sowohl bei der Börse wie auch im Settlement zu rückläufigen Erträgen. Im Weiteren hat der Rückgang der Vermögenswerte zu einem Schrumpfen der Depotvermögen bei der Division Securities Services geführt, und damit sind alle wertbasierten Gebühren entsprechend zurückgegangen. Mittelfristig rechnen wir damit, dass durch die Ertragsrückgänge bei den Banken der Druck auf unsere Gebühren anhalten wird. Positiv läuft es im Geschäftsfeld Zahlungsverkehr. Da liegen wir weit über dem Vorjahr.

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Im Klartext: Kommen Sie über kurz oder lang nicht um weitere Gebührensenkungen herum?

Rüegsegger: Wenn der Wettbewerbsdruck anhält wie in den letzten 24 Monaten, werden wir in allen wichtigen Bereichen zu weiteren Gebührensenkungen gezwungen werden.

Welche Konsequenzen zieht die SIX-Group aus der Finanzkrise?

Rüegsegger: Wir sehen für uns Chancen und Risiken. Negativ ist der zunehmende Kostendruck. Als Chance sehen wir, dass sich die Banken vermehrt auf ihre Kerngeschäfte fokussieren und Verarbeitungsabläufe vermehrt an uns outsourcen. Die zu erwartende zunehmende Regulierung kann Chance und Risiko zugleich sein. Chance, weil zum Beispiel die Bedeutung der Börsen zunimmt.

Welche Erwartungen haben Sie für das 1. Halbjahr 2009?

Rüegsegger: Insgesamt rechnen wir für die Gruppe mit einem Ertragsrückgang im 2009.

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In welchem Umfang?

Rüegsegger: Ich rechne mit einem Ertragsrückgang im einstelligen Prozentbereich. Wir hängen nicht nur an den Börsenumsätzen. Wir haben andere Ertragskomponenten, die uns nun helfen, eine stabile oder eben nur leicht rückläufige Ertragsentwicklung zu erreichen. Starke Ertragsrückschläge budgetieren wir allerdings im Bereich der Handelsumsätze, einerseits weil das Volumen zurück geht, anderseits weil wir Rabatte gewährt haben, die 2009 voll wirksam werden.

Wo braucht es angesichts der Finanzkrise eine strengere Regulierung?

Rüegsegger: Rating-Agenturen müssen besser überwacht und Interessenkonflikte ausgeschlossen werden. Der ausserbörsliche Markt muss stärker reguliert werden. Während die Börsenplätze in der Krise gut funktioniert haben, kam es im ausserbörslichen Handel zu den grössten Verwerfungen. Von der schärferen Regulierung des ausserbörslichen Marktes würden wir profitieren. Bei den Banken braucht es zudem grössere Eigenmittelpuffer.

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Genügen die getroffenen Massnahmen der Eidgenössischen Bankenkommissison zur höheren Eigenmittelunterlegung?

Rüegsegger: Eine Stärkung der Eigenmitteldeckung ist von Vorteil, weil sie das System stabiler macht. Ob es reicht oder nicht, wird man erst im Krisenfall sehen. Meines Erachtens bringen die getroffenen Massnahmen für die Schweizer Banken und den Finanzplatz eine substanzielle Verbesserung.

Wo braucht es sonst zusätzliche Regulierung?

Rüegsegger: Die Krise hat gezeigt, wie stark die Schweizer Wirtschaft vom Finanzplatz abhängt. Mit den beiden Grossbanken UBS und CS haben wir ein Klumpenrisiko. Die Regulation und die Überwachung müssen diesem Umstand stärker Rechnung tragen.

Wie kann sie das?

Rüegsegger: Die strengeren Eigenmittelvorschriften für die Grossbanken sind sicher ein richtiger Schritt. Zudem sollte die Regulierung spezifischer auf die Verhältnisse bei den Grossbanken abgestimmt werden. Desweiteren wird es wohl eine länderübergreifende Abstimmung brauchen, um der Globalisierung des Systems Rechnung zu tragen.

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Noch im Frühling hat man den Masterplan Finanzplatz Schweiz mit grossen Ambitionen angekündigt. Sind die Ziele jetzt Makulatur?

Rüegsegger: Die quantitativen Ziele bedürfen vor dem Hintergrund dessen, was in den letzten zwölf Monaten geschehen ist, einer Überarbeitung. Was die qualitativen Ziele anbelangt, bin ich nach wie vor der Meinung, dass diese richtig sind. Trotz der Krise müssen wir Wachstumsmöglichkeiten suchen und dafür die Rahmenbedingungen verbessern. Die Krise hat gezeigt, dass wir ein Klumpenrisiko mit den beiden Grossbanken haben. Jeder weitere Geschäftsbereich, der zur Diversifikation des Finanzplatzes beiträgt, ist für die Schweiz positiv.

Würden Sie weiter dafür plädieren, die Hedge-Fonds-Branche, die bei Politikern nicht den besten Ruf geniesst, vermehrt in die Schweiz zu holen?

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Rüegsegger: Alternative Investments werden trotz der Krise an Bedeutung gewinnen. Die Schweiz sollte versuchen, von diesem Kuchen ein grösseres Stück abzuschneiden. Wir müssen unsere Rahmenbedingungen verbessern, um vermehrt Hedge-Fonds-Manager oder andere neue Produkte in die Schweiz zu holen.

Was unternimmt die SIX-Group dafür?

Rüegsegger: Für den Handel von verbrieften Derivaten versuchen wir optimale Voraussetzungen zu schaffen, um in diesem Geschäft zu expandieren. Zudem wird im Bereich des Settlements intensiv an Lösungen für alle Arten von Fonds gearbeitet.

Allerdings wird der politische Druck auf die Schweiz und den Finanzplatz zunehmen - etwa im Steuerstreit mit der EU.

Rüegsegger: Die Schweiz muss auf der politischen Ebene die notwendige Standfestigkeit entwickeln. Es geht bei diesem Konflikt nicht nur um die Höhe der Steuern, sondern um die Frage, ob wir als autonomer, souveräner Staat unser Steuerregime selber bestimmen können. Da dürfen wir keine Kompromisse machen, weder gegenüber der EU noch gegenüber den USA.

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Glauben Sie, dass die EU versucht, unsere Gesetzgebungsautonomie einzuschränken, um die Wettbewerbsfähigkeit des Finanzplatzes Schweiz zu schwächen?

Rüegsegger: Das sehe ich genau so. Hier geht es nicht nur um einen moralisch höheren Zustand, sondern hier geht es auch um Standortwettbewerb, um das Steuersubstrat der Schweiz, das andere wollen. Und in diesem Wettbewerb wird mit harten Bandagen gekämpft. Da dürfen wir nicht nachgeben.