Omaha im US-Bundesstaat Nebraska im Jahr 1936. Ein sechsjähriger Bube läuft von Haustür zu Haustür, um Kaugummis feilzubieten. Am Gürtel trägt er einen Münzwechsler, in den er jede Einnahme stolz verstaut. Einmal will eine Frau nur einen Streifen, keine ganze Packung. Der Sechsjährige denkt kurz nach – und lehnt dann ab. Etwas zu verkaufen ist für ihn verlockend, aber nur, wenn sich die Mühe lohnt, und das ist bei einem Streifen nicht der Fall. Der unnachgiebige Junge von damals hiess Warren Buffett und ist heute mit einem Vermögen von 60 Mrd Dollar der reichste Mann der Erde.

Reicher als Microsoft-Gründer Bill Gates, reicher als der indische Stahlmagnat Lakshmi Mittal, reicher als die deutschen Aldi-Brüder. Die Episode, die die Autorin Alice Schroeder in ihrer eben erschienenen Biografie «Das Leben ist wie ein Schneeball» (FinanzBuch Verlag) des Multimilliardärs erzählt, verrät viel über Buffetts Erfolgsgeheimnis an der Börse: Fleiss ist eine notwendige Voraussetzung für gute Geschäfte, aber keine hinreichende. Hinzukommen müssen Fachkenntnis, gesunder Menschenverstand und Konsequenz.

Es ist wohl mehr als ein Zufall, dass das Buch in den USA gerade in diesen unruhigen Zeiten auf reges Interesse gestossen ist und ganz oben auf den Bestsellerlisten steht. Während das Image der führenden Wirtschaftsnation Amerika in der Finanzkrise tiefe Risse bekam, strahlt der Stern des 78-jährigen Super-Investors aus dem Mittleren Westen heller denn je.

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Kontrast zu Wall-Street-Baronen

Buffetts Holding-Gesellschaft Berkshire Hathaway konnte die Kreditkrise nichts anhaben. Zwar sank in den Wirren auch der Kurs der Berkshire-Aktie, doch steht das Imperium auf gesunden Beinen, sodass der Multimilliardär sogar expandieren und Anteile von General Electric oder Goldman Sachs erwerben konnte. Buffett steht damit in starkem Kontrast zu den Baronen der Wall Street, jenen nahezu feudalistisch auftretenden Investmentbankern, die seit den 80er Jahren zum Inbegriff des modernen Finanzkapitalismus wurden – und sich jetzt am Pranger wiederfinden.

Doch Buffett steckte nicht nur ein, er teilte auch aus. In einer der Schlüsselpassagen des Buches schildert Schroeder, wie Buffett bei einer Investorenkonferenz im Juli 1999 – kurz vor dem Höhepunkt der Dotcom-Euphorie – den ungläubig zuhörenden Gipfelstürmern der New Economy ihren baldigen Absturz voraussagte. Das war eine gezielte Provokation, ebenso wie seine Warnung vor Derivaten als «ökonomische Massenvernichtungswaffen» lange vor dem Subprime-Debakel.

Der Baseball-Fan, der seit Jahrzehnten immer die gleichen, unscheinbaren, graubraunen Anzüge und die gleiche Hornbrille zu tragen scheint, der im gleichen bieder eingerichteten Büro arbeitet wie vor 30 Jahren, repräsentiert den Inbegriff des ehrlichen, hart arbeitenden Investors, dem Gier ebenso abhold ist wie Pomp oder grossspurig vorgetragene Zukunftsvisionen. Zu seiner demonstrativen Bescheidenheit passt, dass er als Verwaltungsrat seiner Holding ein vergleichsweise lächerliches Gehalt von 100000 Dollar bezieht.

Value-Ansatz gelingt wenigen

Das Buch macht klar, dass an dem Bild des unprätentiösen und deshalb populären Buffett viel dran ist, dass es von dem Milliardär jedoch auch bewusst gepflegt wird. Mehr noch. Es ergänzt das gängige Buffett-Bild um einen wichtigen Aspekt, nämlich dass der leutselige Mann aus der amerikanischen Provinz ein harter, ja kalter Verhandlungspartner sein kann, der vieles auch den Netzwerken verdankt, die er unentwegt spinnt.

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Dass es nicht so einfach ist, Buffett nachzueifern, zeigen die Mühen, welche die diversen Value-Fonds an den Börsen haben. Value-Investing, so nennt man den Ansatz, nach dem Buffett seine Beteiligungen auswählt. Aktienfonds, deren Manager einem Value-Ansatz folgen, finden sich derzeit nicht gerade an den Spitzenpositionen der Ranglisten wieder. Im Gegenteil: Gerade im Katastrophenjahr 2008 mussten viele Value-Fonds besonders schmerzhafte Verluste erleiden.