Als Fussballfan freuen Sie sich bestimmt auf die WM. Schon einen Tipp, wer gewinnen wird?

Christian Reuss: Ich tippe auf Brasilien. Der Grund dafür ist, dass in der Vergangenheit fast immer, wenn die WM nicht in Südamerika oder Europa stattfand, Brasilien gewonnen hat. Die Vergangenheit ist zwar keine Referenz für die Zukunft, aber der Mensch kann einfach nicht anders, als häufig diese Referenz heranzuziehen.

Im Vorfeld von Sportgrossereignissen hatten die Emittenten von strukturierten Produkten jeweils WM-Zertifikate oder EM-Baskets und dergleichen im Angebot. Haben Sie selbst auch schon in ein solches Produkt investiert?

Reuss: Nein. Dieses Jahr gibt es ja in der Schweiz auch kaum solche Produkte. Sie funktionieren wohl allenfalls in Bullen-Märkten. Im Moment beobachten wir aber eher einen Trend hin zu Blue Chips und einfachen Strukturen. Da würden solche Produkte eher weniger nachgefragt.

Die Anleger beschäftigen sich derzeit wohl mehr mit der EU-Krise, also der Abwertung des Euro und der Verschuldungsproblematik. Sehen Sie bereits Auswirkungen auf den Markt für strukturierte Produkte?

Reuss: Im Moment nicht direkt. Wir sehen zwar, und das vor allem in Deutschland, dass die durchschnittlichen Handelsgrössen zurückgegangen sind. In der Schweiz hat sich der Markt jedoch sehr gut entwickelt. Wir haben derzeit knapp 30000 Produkte ausstehend, so viel wie nie zuvor. Das ist bemerkenswert, weil sich die Emittenten aufgrund der Listinggebühren genau überlegen, ob sich die Kotierung für sie rechnet.

Die Umsätze befinden sich aber noch nicht auf dem Niveau von vor der Krise.

Reuss: Das ist richtig, aber der Markt hat sich gut erholt. In den letzten Monaten sind die Umsätze kontinuierlich gestiegen. In den nächsten Monaten werden auch einige neue Anbieter in den Markt eintreten. Das Interesse ist also ungebrochen.

Was geschieht mit dem Markt für strukturierte Produkte, wenn sich die EU-Krise verschärft?

Reuss: In Krisenzeiten verändert sich das Investitionsverhalten der Anleger, sie sind eher auf sichere und risikoarme Anlagen aus und investieren in bekannte Basiswerte und Strukturen - oder sie investieren eben auch gar nicht mehr. In der Schweiz sind wir überrascht, wie positiv sich der Markt entwickelt hat und wie schnell er sich seit letztem Sommer erholt hat. Wir hoffen daher auch auf eine gewisse Widerstandskraft im aktuellen Umfeld.

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Der deutsche Derivate-Markt hat sich noch nicht erholt?

Reuss: In Deutschland ist die Marktstruktur tendenziell etwas schwieriger, doch auch hier gibt es positive Anzeichen. Hier sind Käufer von strukturierten Produkten primär Privatanleger. In der Schweiz sind es vor allem Vermögensverwalter oder Berater mit einem professionellen Background. Diese haben in der Regel einen systematischeren Investitionsansatz und auch einen grösseren Anreiz, im Markt aktiv zu sein. Deshalb sieht man wohl diese Unterschiede zwischen den beiden Märkten.

In volatilen Phasen sind Hebelprodukte attraktiv. Wie entwickelt sich dieser Bereich im Moment?

Reuss: Viele Emittenten haben die Attraktivität des Schweizer Hebelproduktemarktes schätzen gelernt und bauen gerade in diesem Bereich stark aus. In volatileren Zeiten werden Hebelprodukte eher nachgefragt. Wenn sich die Märkte erholen, haben Anleger wieder einen längeren Anlagehorizont und sind wieder bereit, in Anlageprodukte einzusteigen. Anfang Jahr hat man diesen Trend deutlich gesehen. Jetzt ist es wahrscheinlich bedingt durch die Unsicherheit im Zusammenhang mit Griechenland - in diesem Segment wieder etwas ruhiger geworden, und Hebelprodukte rücken erneut verstärkt in den Fokus.

Hat sich seit dem Lehman-Kollaps im Markt für strukturierte Produkte etwas Grundlegendes geändert?

Reuss: Vor dem Konkurs von Lehman wurde das Emittentenrisiko wohl unterschätzt und unmittelbar danach eher überschätzt.

Und jetzt?

Reuss: Jetzt hat es sich tendenziell an der richtigen Stelle eingependelt. Vor der Krise war das Emittentenrisiko nicht adäquat eingepreist. Jetzt sehen wir, dass Emittenten entsprechend ihrem Emittentenrisiko eine zusätzliche Rendite in ihren Produkten offerieren. Das war eine notwendige Korrektur und tut dem Markt sicherlich gut.

2009 war ein schwieriges Jahr für Sie. Demnach werden die Umsätze 2010 wohl deutlich höher ausfallen?

Reuss: Das ist schwierig zu sagen, weil Extremereignisse immer schneller aufeinander folgen. Gerade im EU-Raum haben wir jüngst sehr viele Erschütterungen gesehen. Aber im Grossen und Ganzen bin ich verhalten positiv. Selbst wenn die starke Erholung in den ersten Monaten nicht bis zum Jahresende anhält, wäre 2010 immer noch ein starkes Jahr.

Also werden die Umsätze 2010 deutlich höher ausfallen als 2009?

Reuss: Ich würde sagen ja.

In jüngster Zeit sind auf dem Markt immer mehr Mischformen zwischen strukturierten Produkten und Exchange Traded Funds (ETF) anzutreffen. Was halten Sie von dieser Entwicklung?

Reuss: In der Finanzkrise wurde jedes einzelne Finanzprodukt einem Stress-Test unterzogen. Im Moment sehen wir, dass sich ETF wie auch strukturierte Produkte weiterentwickeln. Die gezogenen Lehren werden bei den neuen Produkten berücksichtigt. Es wird spannend sein zu sehen, wie das neue Anlageuniversum für Investoren aussieht.

Was erwarten Sie?

Reuss: Passive Investmentprodukte sind für mich ein zentraler Trend. Mittlerweile haben wir ETC, ETN, ETP, Collateral Secured Instruments (COSI), daneben strukturierte Produkte und Hebelprodukte. Das sieht auf den ersten Blick natürlich ein bisschen nach Wildwuchs aus, wie man das während des Bullenmarktes hatte ?

? In der Tat. Sind damit nicht die meisten Anleger überfordert?

Reuss: Es ist die grösste Herausforderung für den Markt, klar und transparent zu machen, welches Produkt welche Merkmale mitbringt. Man muss aber auch berücksichtigen, dass neue Produktangebote häufig im ersten Schritt an den professionellen Investor gerichtet sind, bevor sie vom breiten Markt aufgenommen werden. Schlussendlich werden jedoch die Anleger durch ihre Nachfrage entscheiden, welche Produkte sich am Markt tatsächlich durchsetzen können.

Sie gehen davon aus, dass es noch zu einer Bereinigung kommen wird und einige der Innovationen wieder verschwinden werden?

Reuss: Das ist denkbar. Oder einige Produkte werden einfach für ein Spezialmandat einen Nischenmarkt bedienen.

Werden in Zukunft immer mehr Anbieter gleichzeitig strukturierte Produkte und ETF anbieten?

Reuss: Das könnte ich mir gut vorstellen. Aus Börsensicht ist gut erkennbar, dass sich ein Anlageuniversum für passive Investmentprodukte entwickelt und dass sich die Emittenten entsprechend zu positionieren versuchen. Dabei wird der Emittent mit der besten Plattform respektive Infrastruktur am Ende der Gewinner sein.

Sie arbeiten derzeit an einer sogenannten Buy-Back-Statistik. Was wird sie beinhalten?

Reuss: Diese Statistik wird aufschlüsseln, ob ein Umsatz an der Börse entsteht, weil ein Anbieter ein Produkt zurückkauft oder verkauft. Dadurch sieht man die Nachfrage im Markt. Beim Lehman-Kollaps hatten wir ja auch Rekordumsätze, die jedoch nur darauf basierten, dass Anleger ihre Produkte verkauften, also ein eher unschönes Zeichen.

Wann wird dieses Tool öffentlich zugänglich sein?

Reuss: Wir planen die regelmässige Veröffentlichung im Rahmen unseres neuen Marktreports, den wir hoffentlich am Ende des Sommers werden vorstellen können.

COSI-Produkte sind mittlerweile seit acht Monaten auf dem Markt. Sie erhofften sich von der Einführung die Erschliessung neuer Kundengruppen wie Pensionskassen oder Versicherer. Ist das eingetreten?

Reuss: Mittlerweile liegen bei der SIX Group in Verbindung mit COSI-Produkten hinterlegte Sicherheiten in Höhe von etwas über 1 Mrd Fr., was ich als sehr positiv einschätze. Offenbar ist auch das Interesse dieser neuen Kundengruppen vorhanden und es laufen nach meinen Informationen bereits intensive Gespräche und Abklärungen. Man muss auch sehen, dass etwa Pensionskassen aufgrund ihrer Statuten und Reglemente nicht von heute auf morgen in Produktinnovationen investieren können.

Seit der Einführung von COSI sind die gleichen drei Anbieter im Markt, neue sind keine dazugekommen. Auch ausländische Anbieter sind nach wie vor ausgeschlossen. Sind Sie enttäuscht?

Reuss: COSI hat ein grosses Potenzial, noch weiterentwickelt zu werden. Und je mehr Anbieter teilnehmen, desto mehr Innovation erlebt ein Produkt. Zwei weitere Emittenten sind auch bereit für den Eintritt, verfolgen aber die Strategie, dass sie diese Produkte erst auf konkrete Nachfrage auflegen. Was die ausländische Emittenten angeht, so suchen ausländische Anbieter und Schweizer Sicherungsgeber weiterhin intensiv nach einer Lösung.