Seit die Gelder bei den Banken nicht mehr sprudeln und das vorherrschende Finanzsystem hinterfragt wird, florieren Komplementärwährungen. Gemäss dem Washingtoner Think Tank Worldwatch Institute lancieren im Zuge der Finanzkrise unzählige Private und Gemeinden eigene Komplementärwährungen, um die Wertschöpfung in ihrer Region zu bewahren. Weltweit gibt es heute 4000 solche Parallelwährungen. 1990 waren es erst 100.

Auch Heidi Lehner, Komplementärwährungsexpertin vom Zürcher Money Museum, sieht Anzeichen einer Hochkonjunktur bei den «anderen» Devisen: «Seit der Finanzkrise nehmen wir eine erhöhte Nachfrage nach konkreten Projekten wahr. Die Menschen sind verunsichert und suchen vor allem im sozialen und kulturellen Bereich nach neuen Wegen, die nötigen finanziellen Ressourcen bereitzustellen.»

Eigenes Geld zur Selbsthilfe

Komplementäres Geld ersetzt die offiziellen Währungen nicht. Es hat dafür eine Funktion meist sozialer Natur, die die Landeswährung nicht erbringen kann. Eine weltweit vielbeachtete Parallelwährung ist das WIR-Geld. Der Sprecher der WIR-Bank in Basel, Hervé Dubois, sagt: «Systeme wie das WIR-System verhalten sich eher antizyklisch.» Allerdings reagiere der WIR-Markt mit Verzögerung auf konjunkturelle Entwicklungen. Er rechnet erst für 2009 mit einer deutlichen Dynamisierung des WIR-Marktes. Innert Jahresfrist stieg die Zahl der WIR-Kunden um 200 auf 100600. Das Ergebnis 2008 wird im März veröffentlicht. Der WIR-Geld-Umsatz lag 2007 bei 1,6 Mrd Fr., das Kreditvolumen bei 2,6 Mrd Fr. (+9,9%).

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Gemäss einer der wenigen Studien auf diesem Gebiet, vom Hartford-Ökonomen James Stodder 2005, verläuft die Entwicklung der WIR-Teilnehmer parallel zu jener der Arbeitslosenzahlen (siehe Grafik). Die wichtigsten WIR-Teilnehmer, KMU, seien Konjunkturzyklen und Kreditklemmen unmittelbar ausgesetzt, begründet er.

Die WIR-Genossenschaft (seit 1998 Bank) und das WIR-Geld wurden 1934, in einer Zeit von Bankenpleiten und Vertrauensverlust in die Geldinstitute, von KMU zur Selbsthilfe geschaffen, um einander mit Liquidität zu versorgen. WIR-Guthaben sind gebundene Kaufkraft, sie werden immer wieder im Kreis der angeschlossenen Teilnehmer ausgegeben. WIR ist paritätisch zum Franken und trägt als aktives Geld keine Zinsen. Darum sind günstige Kredite möglich.

Das WIR-Geld war in den 30er Jahren nicht der einzige Selbsthilfeversuch. Doch das WIR-Geld hat als einziges überlebt und feiert heuer den 75. Geburtstag. In Skandinavien gibt es sogar WIR-Kopien.

Einen Boom erleben derzeit auch die Reka-Checks. Der Absatz von Reka-Geld stieg letztes Jahr um 5,3% auf 606 Mio Fr. Der Direktor der Schweizer Reisekasse, Werner Bernet, sagt: «Reka-Geld ist eine Komplementärwährung im Sektor Tourismus, Reisen, Freizeit.» Reka mache aus normalen Schweizer Franken zweckgebundenes touristisches Geld und sei somit ein wichtiger Impulsgeber für den einheimischen Tourismus. Der Abschwung gibt Reka Rückenwind: «Als sozial-touristische Organisation sind wir bei Konjunkturbaissen und Rezessionszeiten eher im Gespräch.»

In Basel ist derzeit eine auf die Region fokussierte Währung hoch im Kurs. Der Umlauf der Alternativwährung Bon-Netz-Bons (BNB) in der Region Basel konnte innert der letzten drei Jahre etwa verdoppelt werden. Dies sagt Isidor Wallimann, Präsident der Genossenschaft Netz Soziale Ökonomie in Basel, welche den Bon-Netz-Bons (BNB) herausgibt. Heute sind rund 18710 BNB in Umlauf, sie sind in Franken gedeckt. Die BNB dienen als Zahlungsmittel und sollen sozial und ökologisch wirtschaftende Menschen, Vereinigungen, Geschäfte und Betriebe in Basel und Umgebung unterstützen. «Wir erleben in letzter Zeit wieder mehr Zulauf von neuen Betrieben», sagt Wallimann. Die Zahl der BNB würde weiter aufgestockt. Die steigende Nachfrage habe sicherlich mit der Wirtschaftskrise zu tun und der Skepsis gegenüber dem traditionellen Währungssystem. «Die Menschen suchen nach Alternativen für ein ökologisch und sozial anderes Wirtschaften, wenn auch nur symbolisch.»

Der BNB soll in der Region bleiben und nicht in die globalisierten und spekulativen Märkte des Wirtschaftssystems abfliessen. Statt die Währung zu expandieren, wolle man lieber anderen helfen, etwas Ähnliches aufzubauen, führt Wallimann aus. Der BNB kooperiert übrigens auch mit anderen Regionalwährungen in der Region Oberrhein - dem französischen Sol und bald auch mit dem Dreyecker in Wiesenthal.

Ausweg aus Geldverknappung

In der Schweiz sind heute 26 Komplementärwährungen bekannt. Bei den meisten handelt es sich um Zeit- oder Talentetauschbörsen. Während der Depression versuchten Biel und Brienz eine eigene Tauschwährung nach dem Vorbild des erfolgreichen österreichischen Wörgl einzuführen. Doch die Nationalbank liess sie wegen des Geldmonopols abblitzen.

Die Idee hinter den Komplementärwährungen basiert auf der Freigeldtheorie des deutschen Wirtschaftsreformers Silvio Gesell. Gemäss Gesell lag die Ursache der Depression in der ungenügenden Geldversorgung und einem gestörten Geldumlauf. Viele Parallelwährungen sind mit Verfallfrist versehen, um den Umlauf zu fördern. Auch Horten ist nicht interessant, da die Währungen keine Zinsen abwerfen.

Gemäss «Economist» dürften Komplementärwährungen angesichts von Geldverknappung, Deflationsängsten und Zinsraten am Nullpunkt zunehmend wieder attraktiv werden.