Die Bilanz von George W. Bush ist eindeutig, auch an der Börse: Seit seiner Wahl Ende 2000 haben die Aktienmärkte fast die Hälfte an Wert verloren. Und wer besonderes Pech hatte, erlitt sogar gleich zweimal in diesen acht Jahren riesige Verluste. Damit dürfte Bush auch in den Annalen der Börsen als einer der schlechtesten Präsidenten aller Zeiten gelten.

Nun wird sein Nachfolger gewählt: Ob Barack Obama oder der Republikaner John McCain, einer wird die grösste Volkswirtschaft der Erde in den kommenden vier Jahren regieren. Doch welcher der Kandidaten wäre wohl besser für die Finanzmärkte? Von welchem Präsidenten könnten Anleger eher erhoffen, dass die jüngsten Verluste in absehbarer Zeit wieder aufgeholt werden?

Mehr Wachstum unter Obama?

Die Statistik spricht eine klare Sprache. Denn vergleicht man die Legislaturperioden demokratischer Präsidenten seit dem Zweiten Weltkrieg mit den Phasen, in denen Republikaner am Ruder waren, so entwickelte sich die Wirtschaft unter demokratischen Präsidenten deutlich besser als unter Republikanern. Während der Amtszeit eines Demokraten wuchs sie im Schnitt um 4,4% pro Jahr, unter Republikanern dagegen nur um 2,8%. «Das bedeutet jedoch keineswegs, dass republikanische US-Präsidenten allgemein eine schlechtere Wirtschaftspolitik betreiben», sagt Marco Bargel, Chefvolkswirt der Postbank. Oft hätten Reformen unter einem Republikaner jedoch ihre Wirkung erst nachträglich entfaltet. «Insofern dürfte der eine oder andere demokratische Präsident die Früchte geerntet haben, die sein republikanischer Vorgänger gesät hatte.»

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Allerdings schnitten auch die Aktienmärkte unter Demokraten wesentlich besser ab als unter Republikanern, und diese schauen ja bekanntermassen nach vorn, nehmen also gute Wirtschaftsentwicklung vorweg. Unter den demokratischen Präsidenten stieg der S&P-500-Index, der die Wirtschaft am besten abbildet, im Durchschnitt um 52%, unter Republikanern dagegen nur um 31%.

Allerdings muss man gerechterweise hinzufügen, dass republikanische Präsidenten häufiger mit ökonomischen Schocks zu kämpfen hatten, die sie selbst nicht verursacht hatten. Die erste Ölkrise fiel in die Amtszeit des Republikaners Richard Nixon, und die New-Economy-Blase platzte just dann, als George W. Bush das Amt übernahm. Aufgebaut hatte sie sich jedoch unter seinem demokratischen Vorgänger Bill Clinton.

Besondere Herausforderungen

Doch wahrscheinlich sind solche Statistiken diesmal ohnehin nur von geringer Aussagekraft. Denn heute steht der neue Präsident vor ganz besonderen Herausforderungen. «Wer auch immer von den beiden Kandidaten gewinnt – es wird die wichtigste Aufgabe für den neuen Präsidenten sein, das Finanzsystem wieder in Fahrt zu bringen», sagt Paul Quinsee, Chef-Anlagestratege für US-Aktien bei JP Morgan Asset Management. Dazu muss er helfen, das Vertrauen im Bankensektor wiederherzustellen, und gleichzeitig die Wirtschaft ankurbeln. All das vor dem Hintergrund eines riesigen Schuldenberges, den er vom Vorgänger übernimmt.

Dies ist eine Herkulesaufgabe für den neuen Präsidenten, egal wie er heisst. Dass beide Kandidaten keine Wirtschaftsexperten sind, macht die Sache nicht leichter. Allerdings hat McCain in der Phase, als die Regierung das Rettungspaket für die Banken schnürte, viele Sympathien verspielt. Er agierte fahrig und behinderte die Verhandlungen eher, als dass er sie voranbrachte.

Finanzkrise bewältigen

Die Bewältigung der Finanzkrise ist in jedem Fall entscheidend für die Aussichten der Börsen in den kommenden Jahren – nicht nur für die USA. Denn der amerikanische Aktienmarkt macht heute immer noch fast die Hälfte der weltweiten Börsenkapitalisierung aus, auch wenn die wirtschaftliche Bedeutung der Schwellenländer, wie zum Beispiel China, Indien, Malaysia oder Brasilien, in den vergangenen Jahren gestiegen ist.

Zertifikate «nach Wahl» ...

Die Frage, welche Branche von welchem Präsidenten stärker profitieren könnte, ist vor diesen Herausforderungen nebensächlich. Dennoch gibt es Produkte, die Anlegern die Möglichkeit geben, auf die entsprechenden Sektoren zu wetten. Bereits seit einem Jahr existieren ein Demokraten-Zertifikat (WKN: DB1SVV) und ein Republikaner-Zertifikat (DB1REP). Darin sind jeweils zehn Aktien zusammengefasst, die sich bei einem Sieg des jeweiligen Kandidaten überdurchschnittlich entwickeln sollten.

Unternehmen, die von einer Förderung alternativer Energien, dem Streben nach höheren Umweltstandards und besseren Bildungschancen profitieren würden, unterstützen in der Regel Obama. Aktien wie jene des Agrarunternehmens Archer-Daniels-Midland, der Solarfirma Sunpower oder des Hochschulbetreibers DeVry. Dagegen wird McCain unterstellt, dass er eher auf Freihandel setzt, die Ölexploration fördert und mehr in die Verteidigung investiert. Das sollte Firmen wie dem Rüstungskonzern Raytheon, dem Ölgiganten Exxon oder dem weltweit tätigen Tabakhersteller Altria zugute kommen.

... für beide Parteien im Minus

Überflüssig zu erwähnen, dass beide Zertifikate seit Jahresbeginn satt im Minus sind, das Demokraten-Papier etwas stärker als der Republikaner-Schein. Und da seit Wochen schon auf einen Sieg Obamas gesetzt wird, zeigt dies auch, dass diese Verbindung einzelner Branchen mit einem Kandidaten letztlich nicht allzu viel wert ist.

Vielleicht ist dann doch die Statistik wieder hilfreicher. Sie besagt, dass die stärksten Kursanstiege jeweils im zweiten und dritten Amtsjahr eines Präsidenten verzeichnet worden sind. Würde dies auch diesmal wieder zutreffen, so müssten Anleger noch bis 2010 warten, um endlich wieder deutlich steigende Kurse zu sehen – egal, wer neuer Präsident wird.