Es ist eine Begleiterscheinung der Finanzkrise, dass einstmals defensive Eigenschaften einer Aktie plötzlich zum offensiven Kaufargument werden. So die Dividende, die mit ihrem Anteil an der Gesamtrendite heute so stark ins Gewicht fällt wie seit Jahren nicht mehr.

Das hat einerseits mit den fallenden Kursen zu tun: Weil sich die Dividendenrendite als Anteil der Ausschüttungen am Börsenwert einer Aktie berechnet, steigt die Kennzahl bei Kursverlusten. Anderseits offenbart die starke Dividendenrendite einiges über das Wesen der Finanzmarktturbulenzen. Mögen Aktienpapiere an der Börse auch abstürzen – die Unternehmen dahinter verdienen immer noch gutes Geld, das sie via Ausschüttungen an die Investoren weiterreichen können.

Beispiel Swiss Life: Der grösste Schweizer Lebensversicherer hat nach einem drastischen Gewinnanstieg von 43% beschlossen, die Ausschüttung deutlich zu erhöhen. Diese soll von 10 auf 17 Fr. je Aktie gesteigert werden, wo- mit eine Summe von knapp 600 Mio Fr. an die Kapitaleigner weitergegeben würde. Damit ergibt sich für die Swiss-Life-Papiere eine Dividendenrendite von rund 5%.

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Eine Reihe anderer Werte im Swiss Leader Index (SLI) muss sich punkto Dividende ebenfalls nicht verstecken: So kommen die Versicherer Bâloise und Zurich Financial Services (ZFS) auf eine Rendite von über 4%; Swisscom und Credit Suisse weisen gar eine Dividendenrendite von über 5% aus.

An den wahren Adel der Dividendentitel kommen aber selbst diese guten Werte nicht heran: Die Industriefirma Tornos bringt es gemäss Bank Vontobel 2008 auf eine geschätzte Dividendenrendite von 8,8%, die Immobiliengesellschaft BFW Liegenschaften auf 7,1%. Das zeigt auch, warum Aktien gegenüber Obligationen weiterhin das lohnendere Investment sind. Wer in den Genuss der hohen Ausschüttungen kommen will, muss sich mit dem Zukauf von «Dividendenperlen» beeilen. Denn überall laden die Firmen jetzt zur Generalversammlung, wo über die vorgeschlagene Dividende entschieden wird. Im Abstand von drei Arbeitstagen erfolgt dann die Ausschüttung, und damit der sogenannte Ex-Dividenden-Termin (siehe Tabelle): Zum Bezug der Dividende sind nur Kapitaleigner berechtigt, die den entsprechenden Titel bereits einen Tag vor diesem Datum halten. Wenn Aktien ex Dividende gekauft werden, hat nur der Verkäufer Anspruch auf die Ausschüttung.

Kriegskassen bleiben gefüllt

Nicht alle Investoren freut der Boom bei den Ausschüttungen. Denn hohe Dividendenquoten werden der Unternehmensführung nicht selten als Ideenlosigkeit ausgelegt. Wer nicht weiss, wie das Geld zu investieren ist, der reicht es halt an die Aktionäre weiter – so oder ähnlich lautet in dem Fall die Anschuldigung. Würde sie zutreffen, wäre dies in jedem Fall Gift für den Aktienkurs. Denn dieser lebt ja gerade von den Wachstumsaussichten des Unternehmens. Derzeit sind solche Sorgen aber verfrüht, glaubt man Christoph Riniker: «Trotz hohen Ausschüttungen gibt es Schweizer Firmen, die in der Lage sind, Übernahmen zu tätigen», sagt der Aktienstratege bei der Privatbank Julius Bär. Analysten der Bank Vontobel schätzen ihrerseits, dass von den 60 Mrd Fr. an freiem Cashflow, welche die kotierten Schweizer Firmen 2008 erzielen werden, knapp 40 Mrd Fr. für Akquisitionen zur Verfügung stehen. So ausgestattet, dürfte es den Unternehmen auch in der gegenwärtigen Kreditklemme möglich sein, zuzukaufen. Sie haben sogar mehr Spielraum – denn die fremdfinanzierten Private-Equity-Firmen werden durch die Kreditkrise stark behindert.

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Umgekehrt sorgen volle Kassen und die rekordtiefen Bewertungen der Aktien dafür, dass Schweizer Firmen zu attrakti-ven Übernahmezielen werden. Im Besondern gilt dies für die Unternehmen der Industrie- und Chemiebranche, aber auch für Finanzwerte. Die Quant-Modelle von Bär-Stratege Riniker identifizieren zurzeit folgende Ziele: Die Industriekonzerne Georg Fischer, Rieter und Schindler, die Chemieunternehmen Clariant und Lonza sowie den Versicherer Bâloise.

Übernahmefantasie inklusive

Gerade Bâloise zeigt, dass in den zuvor als konservativ gehandelten Dividendenperlen heute auch noch Übernahmefantasie steckt – die sich rasch in steigenden Kursen niederschlagen könnte, sobald der Börsenhimmel auf-klart. Anleger kaufen mit einem solchen Wert also nicht nur eine Cashcow, sondern mit etwas Glück auch ein Rennpferd. Dazu Riniker von Julius Bär: «Generell weisen Merger eine hohe Korrelation mit den Börsen auf.»

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