S eit der Insolvenz von Lehman Brothers haben strukturierte Produkte an Beliebtheit eingebüsst. Der Schweizerische Verband für Strukturierte Produkt (SVSP) und die Derivate-Börse Scoach sind aktiv geworden: Bald werden «besicherte» Versionen der Vehikel angeboten, welche das gefürchtete Emittentenrisiko minimieren. Zu hoffen bleibt damit für die Anbieter, dass der Appetit nach strukturierten Produkten wieder steigt.

Bald steigende Volumen?

Im 1. Quartal 2009 haben die an der Scoach handelbaren strukturierten Produkte deutlich weniger Umsatz erzielt als im Vorjahreszeitraum. Der Einbruch beläuft sich auf jeweils um die 50% pro Monat. Dr. Marc Oliver Rieger, Spezialist für strukturierte Produkte am Swiss Banking Institute der Universität Zürich, glaubt aber nicht, dass das so bleibt. «Wenn sich eine nachhaltige Stabilisierung an den Aktienmärkten abzeichnet, werden auch die Volumen bei den strukturierten Produkten wieder steigen», so Rieger.

Unterschätzte Kosten

Doch nicht alle Produkte eignen sich für Privatanleger. Eine breit angelegte Studie von Rieger und Thorsten Hens zeigt, dass gerade einige beim Publikum beliebte strukturierte Produkte für den rationalen Anleger nicht optimal sind. Besonders gefragt waren jüngst die Barrier Reverse Convertibles. Doch gerade diese fallen auch in die Kategorie «nicht optimal für rationale Privatanleger».

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«Die Kosten des Emittenten, Produkte mit nicht monoton steigenden Auszahlungsprofilen zu hedgen, sind höher als bei anderen Strukturen», erklärt Rieger. Diese Kosten überwälzt der Emittent auf den Anleger. Dazu komme, so der Experte in Behavioral Finance, dass Anleger das Eintreten gewisser Risiken nicht immer gut einschätzen könnten (siehe «Nachgefragt»). Gerade bei Produkten mit mehreren Underlyings ist das Risiko gross. Ist auch nur die Barriere eines Basiswertes von klassischen Worst-of-Produkten gebrochen, ist die Rückzahlung des Nominals nicht mehr garantiert. Ein fixer Coupon mag darüber nicht hinwegzutrösten. In dieser Hinsicht unbedenklich seien hingegen Produkte mit «monoton steigenden» Auszahlungsprofilen, also folgende Produktkategorien gemäss Swiss Derivative Map:

  • Tracker-Zertifikate
  • Bonus-Zertifikate
  • Outperformance-Zertifikate
  • Airbag-Zertifikate
  • Discount-Zertifikate
  • Reverse Convertibles.

Diese Strukturen seien für Anleger häufig einfacher verständlich - und auch besser vergleichbar mit Konkurrenzprodukten, so Rieger. Gerade bei Produkten mit grossem Wettbewerb ist das «miss-pricing», also die Marge des Anbieters, häufig klein und damit für Anleger attraktiver. Für exotischere Konstruktionen muss der Anleger tiefer in die Tasche greifen.

Innovationen bei Produkten

Um auch Strukturen wie jene des Barrier Reverse Convertibels wieder beliebter zu machen, wurden neue Vehikel entwickelt, die das Problem umgehen: Sogenannte «Last Look»-Produkte. Die Funktionsweise dieser Vehikel wird auch als «europäisch» bezeichnet. Im Gegensatz zu den gängigen «amerikanischen» Vehikeln, bei denen während der ganzen Produktlaufzeit die Barriere nicht berührt werden darf, wird hier nur der letzte Tag betrachtet.

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Ein grosser Vorteil von strukturierten Produkten ist die Möglichkeit, klare Markterwartungen des Investors abzubilden. Gerade hier hapert es jedoch derzeit bei vielen ratlosen Investoren, so Rolf Biland, Chief Investment Officer beim VZ Vermögenszentrum. Ausserdem würden strukturierte Produkte Risiken bergen, weil sie ihren Charakter ändern können: «Produkte, die einem Fixed-Income-Vehikel gleichen, können sich je nach Entwicklung des Basiswertes plötzlich in ein dynamisches Aktienprodukt verwandeln», erklärt Biland. Gerade Barrier Reverse Convertibels seien deshalb besonders heikel. Aber auch Kapitalschutzprodukte hätten eine Kehrseite: «Für Schutz muss der Anleger einen Renditeverzicht in Kauf nehmen», so Biland. Grundsätzlich gilt: Je einfacher verständlich, desto sicherer und attraktiver ein Produkt.

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NACHGEFRAGT
Marc Oliver Reger, Professor Behavioral Finance

«Barrierebruch wird unterschätzt»

Was muss ein Privatanleger berücksichtigen, wenn er strukturierte Produkte einsetzen will?

Marc Oliver Rieger: Er muss sich entscheiden, ob er spekulieren oder anlegen will. Dies sollte klar getrennt werden, weil sonst die Gefahr besteht, dass man sich Produkte «schön redet». Für spekulative Investoren eignen sich Mini-Futures oder Warrants, weil sie einfach konstruiert sind.

Und für konservativere Anleger?

Rieger: Für Anleger, die ein bestimmtes Sparziel - etwa für einen Hauskauf - verfolgen, eignen sich zum Beispiel Bonus-Lastlook-Produkte. Für Anleger, die schlaflose Nächte haben, wenn sie etwas Geld verlieren, empfehlen sich Kapitalschutzprodukte.

Womit tun sich Privatanleger ihrer Erfahrung nach schwer?

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Rieger: Unsere Experimente haben gezeigt, dass Anleger bei Produkten mit mehreren Basiswerten das Risiko unterschätzen, dass Barrieren durchbrochen werden.

Bei welchen Produktkategorien müssen Anleger vorsichtig sein?

Rieger: Bei Barrier Reverse Convertibles mit mehreren Basiswerten sowie bei Produkten, welchen Baskets unterliegen. Es empfiehlt sich grundsätzlich, Vehikel einzusetzen, welchen Indizes und keine Einzelaktien unterliegen. Und: Hände weg von komplizierten Produkten, die man nicht versteht!